Rotarier bis Lions - Engagement im Dienst der Gemeinschaft

Der neue Spielplatz im Bochumer Wiesental: Ohne die Rotarier hätten  (v. li.) Katharina, Maxima, Amelie und Johanna hier jetzt viellleicht nicht so viel Spaß.
Der neue Spielplatz im Bochumer Wiesental: Ohne die Rotarier hätten (v. li.) Katharina, Maxima, Amelie und Johanna hier jetzt viellleicht nicht so viel Spaß.
Foto: FUNKE Foto Services / Olaf Ziegler
Was wir bereits wissen
Rotary, Lions- und andere Service-Clubs helfen vor Ort, oft im Stillen. In Indien kämpfen sie gegen die Kinderlähmung, in Oberhausen fördern sie junge Künstler. Und ohne sie wäre das Ruhrgebiet vielleicht ein anderes.

Ruhrgebiet.. „Zuerst haben wir nur die Schlangen vor den Impfstellen organisiert und kleine Geschenke an die Kinder verteilt“, erinnert sich Hans von Dewal (73). „Dann sind wir durch den Slum gegangen und haben die Kinder aus den Hütten gelockt, mit Gummibärchen.“ Der Dortmunder war dabei, als etwas Großes passierte. Kurz nach seinem Einsatz vor zwei Jahren meldete Indien: Sieg über die Kinderlähmung. Sie gilt als ausgerottet in diesem chaotischen Land – ein Wunder.

Dewall, Ex-Chef eines Logistikunternehmens, war einer von Millionen Helfern, aber als Mitglied von „Rotary International“ darf er sich auch in anderer Hinsicht als Teil einer verändernden Kraft fühlen. Denn der Kampf gegen Kinderlähmung ist das Generationenprojekt der Rotarier, die hunderte Millionen Euro dafür aufgebracht haben. Es ist dieses Gefühl, dass den früheren „Governor“, Verwaltungschef des Westfalen-Distrikts, antreibt. Als Teil eines weltumspannenden Hilfsvereins, aber meist viel bodennäher.

Durchschnittlicher Lions-Club bringt jährlich 25.000 Euro auf

Die Rotarier, weltweit 1,2 Millionen Mitglieder, sehen sich wie die Lions (1,36 Millionen) und kleinere „Service-Clubs“ „im Dienste der Gemeinschaft“. Und tatsächlich würde sich das Leben im Ruhrgebiet ohne sie anders anfühlen: Ein Kinderspielplatz für das Wiesental in Bochum. Ein Spendenlauf in Gelsenkirchen für Familien aus Rumänien und Bulgarien. Die Förderung junger Konzert-Solisten in Oberhausen. Das sind nur einige Rotarier-Projekte in den letzten Wochen – und die Lions hauen in dieselbe Kerbe: Ein Grillfest für syrische Flüchtlinge in Hagen. Der Förderpreis für die Jugendarbeit des Museums Ludwigsgalerie in Oberhausen. Hundert Friedrich-Harkort-Statuen, deren Verkaufserlös an den Kinderschutzbund Wetter geht.

Solche Aktionen produzieren selten große Schlagzeilen. Und das ist durchaus so angelegt in der Organisation der Rotarier und Lions: Wo die rund 25.000 Euro Spenden hingehen, die ein durchschnittlicher Lions-Club jährlich aufbringt, entscheidet er selbst. „Das finde ich wichtig“, sagt Ursula Hohoff, bis Juli Governorin der Lions Westfalen-Ruhr. „Wenn ich mit meiner eigenen Hände Kraft Waffeln backe und verkaufe, möchte ich mir nicht sagen lassen, wo die Kohle hingeht.“

Und die Clubs sind auf den Stadtteil ausgerichtet. Essen allein hat zum Beispiel zehn Lions-Clubs und sechs der Rotarier; dieses Jahr feiert der älteste sein sechzigjähriges Bestehen. Hinzu kommt, dass der Vorsitz hier, wie auf allen Ebenen jährlich rotiert. Das System beruht auf dem uramerikanischen Misstrauen gegenüber einer zentralen Organisation, es will Korruption vorbeugen. Aber auch koordinierte Öffentlichkeitsarbeit, zentrale Nachwuchsförderung und die Durchsetzung von Neuerungen in den Clubs sind damit Glückssache.

Rotary-Führung drängt auf Öffnung für Frauen

Obwohl die Rotarier nach Dewalls Angaben mit rund eineinhalb Prozent wachsen, stehen sie wie die Lions unter Veränderungsdruck: Nachwuchs, Frauen, Image. Die Baustellen bedingen einander.

Grundsätzlich ist es den Clubs überlassen, ob sie Frauen aufnehmen. Aber die Rotary-Führung drängt auf Öffnung. Ruhr-Governor Uwe Schmidt „Es ist eine Vereinigung berufstätiger Menschen. Vom Arzt bis zum Handwerker sind nahezu alle vertreten. Aber wenn man sich nicht für Frauen öffnet, verliert man Berufsgruppen.“ Sein Vorgänger Dewall fügt an: „Die deutschen Rotary-Clubs sind noch stark in der Tradition verhaftet. Das ist Dicke-Bretter-Bohren.“

Das Klischee der Kungelei? Nun, die gebe es wahrscheinlich in dem Maße wie in allen Organisationen, „aber sie ist nicht Rotary-spezifisch“, sagen Dewall und Schmidt (65). Kann man sich also bald bewerben um eine Mitgliedschaft? Heute gehört es noch dazu, gefragt zu werden, bevor man sich das renommierte Logo ans Revers heften darf. „Aber das System wird die nächsten fünf Jahre nicht überstehen“, sagt Schmidt: Die amerikanischen Rotarier haben im Netz schon Kontaktformulare für Interessenten. „Wenn gegenseitiges Interesse besteht und der Funke überspringt, warum auch nicht?“

Die Lions sind beim Thema Frauen ein wenig weiter. Der Ruhrdistrikt war der letzte in Deutschland, der in der vergangenen Saison einen weiblichen Chef bekam (bei den Rotariern steht das im nächsten Jahr an). Ursula Hohoff selbst hat sieben oder acht Damenclubs gegründet, einen Herrenclub und einen gemischten. Warum ein reiner Damenclub? „Der Umgang miteinander ist anders.“

Der Trend gehe aber zu gemischten Clubs. Denn in dieser Form ist auch der „Leo“-Nachwuchs organisiert – und behält es in aller Regel bei. Der Rest wird sich wohl von alleine regeln: Nachwuchssorgen haben die Clubs, die auf den alten Regeln bestehen. „Und wenn sie einmal eine große Alterslücke in einem Club haben“, sagt Hohoff, „wird es schwer.“