"Radautobahn" - Wenn das Revier dich fertig macht

Wo muss ich jetzt lang? WAZ-Redakteur Martin Spletter sucht den besten Weg immer entlang der A 40, hier auf Bochumer Stadtgebiet.
Wo muss ich jetzt lang? WAZ-Redakteur Martin Spletter sucht den besten Weg immer entlang der A 40, hier auf Bochumer Stadtgebiet.
Foto: Kai Kitschenberg
Was wir bereits wissen
Ein Radschnellweg von Duisburg bis Hamm könnte in einigen Jahren durchs Revier führen. Was ist, wenn man die Strecke jetzt schon fährt? Ein Selbsttest

Ruhrgebiet.. Man spricht von „Rad-Autobahn“, was paradox ist. Es geht ja nicht um Autos. Aber um das Prinzip Autobahn – für Radfahrer: ohne Kreuzungen und ohne Warten schnell von einer Stadt in die andere. Ist das nicht eine irre Öko-Fantasterei? Wer schon mal Elektro-Rad gefahren ist, die verleihen nämlich Flügel, der weiß: Nein, ist es nicht.

Der Regionalverband Ruhr (RVR) plant den "RS1", Deutschlands ersten Radschnellweg. Etwa 180 Millionen Euro würde er kosten, 100 Kilometer lang soll er sein und von Duisburg bis Hamm führen. Im Jahr 2020 könnte es so weit sein.

Bei der A 40-Sperrung im Kulturhauptstadtjahr 2010, dem "Stillleben", als einen Tag lang Fußgänger und Radler die ganze Bahn bevölkerten, da kam die Idee. Fragen der Finanzierung und Trägerschaft sind bislang ungeklärt, manche sind gegen das Projekt, viele dafür, und in den Niederlanden gibt es reichlich Vorbilder. Leute, die Ahnung haben, sagen: Entscheidend ist, dass der Bund das Geld dafür locker macht.

Es war furchtbar

Um es ganz kurz zu machen: Wenn man die Strecke jetzt schon fährt, ist es furchtbar. Weil: Es gibt die Trasse ja fast noch gar nicht.

Deshalb ist es eine ziemliche Herausforderung, an einem sonnigen Mai-Tag von Dortmund bis Duisburg mit dem Rad zu fahren, etwa 70 Kilometer weit, und immer so nah, wie es geht, an der A 40 entlang.

Fahrradtrends In Dortmund hab’ ich angefangen, Richtung Westen, den östlichen Teil des RS1 bis Hamm einfach mal ignoriert, und wenn Sie an Straßen stehen mit Namen wie Silberklang, dann kann das trotzdem ein Un-Ort sein: Borussiastraße, Dortmund-Kley. Ein unwirtliches Gewerbegebiet, Computergroßhändler, Multipolster, Metro.

Weiter westlich: Der Lütgendortmunder Hellweg sieht ziemlich genauso aus wie die Bochumer Straße in Wattenscheid – in Dortmund die stillgelegte Ritter-Brauerei, in Bochum die Rückansicht von Thyssen-Krupp-Steel, beide Industrie-Areale sind umrandet von bescheidenem Wohnungsbau-Bestand. Ruhrgebiet, dein rauer Charme.

Bochum gilt als besonders schwierig

Mein Weg führte über gute Radwege (Dortmund), mittelmäßige Radwege (Mülheim) und oft auch gar keine (Bochum). Bochums Bessemer Straße südlich der Innenstadt würde übrigens einen Streckenabschnitt des RS1 bilden, besonders in Bochum müssten weite Teile der „RS1“-Trasse komplett neu erbaut werden; die Linienführung gilt dort, heißt es, als besonders schwierig. Denn der Radschnellweg soll nach Möglichkeit durchgehend vier Meter breit sein. Es kommt deshalb längst nicht jeder Pfad in Frage, der heute im Ruhrgebiet mehr schlecht als recht als Radweg dient. Am teuersten wären Brücken, die errichtet oder saniert werden müssten.

Technik Auf dem Weg von Wattenscheid nach Essen bin ich tatsächlich ein Stück über den Parkplatz von „Real“ gefahren, direkt an der A 40, und in Kray-Leithe tauchte mein Weg gleich wieder ab in die Niederungen der Landwirtschaft, blühender Raps unter Hochspannungsmasten – surrealer geht’s kaum. Dieses Durcheinander von hübschen Siedlungen, Industrie, Gewerbe, Feldern – wer es auf dem Fahrrad erlebt, erfährt es besonders intensiv. „Fraktale Stadtlandschaften“ nennen das Raumplaner. Wir nennen es Ruhrgebiet.

Ab Essen hab ich’s mir dann einfach gemacht, bin die „Rheinische Bahn“ gefahren, eine umgewandelte Güterbahntrasse des RVR. Sie wäre Teil- und Herzstück des künftigen RS1, endet bald in Mülheims Innenstadt. Die „Rheinische Bahn“ macht jetzt schon klar, was der RS1 wäre: Nicht weniger als eine vollkommen neue Erfahrung auf dem Rad – es geht schnell und entspannt trotzdem. Tausende Bürger in Mülheim und Essen wissen das schon.

Nach sechs Stunden kam ich an

An Reiterhöfen kam ich aus und fuhr weiter durch Styrum, hinter dem Rücken des Mannesmann-Röhrenwerks entlang. Mülheims Steinkampstraße führt übrigens direkt an der A 40 entlang, man kann die Autofahrer sozusagen vom Lenker aus grüßen, und solche Etappen, direkt parallel zur Autobahn, waren gar nicht mal die schlechtesten. Gut, es war laut, aber wenigstens nicht furchterregend. Angst bekommt ein Radler eher unter donnernden Brückenwerken.

Nach gut sechs Stunden kam ich in Duisburg an. Das Ruhrgebiet kann einen fertig machen. Komisch, das sagen Autofahrer, die täglich auf der A 40 im Stau stehen, auch. Womöglich brauchen wir ihn wirklich, diesen RS1.