Mutter tötete ihr Baby: „Ich ziehe das jetzt durch“

Dortmund..  Reue, Mitleid, Trauer – Emotionen, die der Dortmunderin Anna-Kathrin A. offenbar fremd sind. Ohne zu erkennende Gefühlsreaktion schildert sie an diesem Donnerstagmorgen dem Dortmunder Schwurgericht am ersten Prozesstag, wie sie ihre Tochter sterben ließ – wenige Minuten nach der Geburt im Keller eines Mehrfamilienhauses im Stadtteil Kirchlinde.

Auf manche Beobachter wirkt die gebürtige Hernerin, angeklagt wegen Totschlags, sogar patzig, wenn sie Richter Wolfgang Meyer abblitzen lässt: „Dazu sage ich nichts.“ Meist geht es darum, welche Rolle ihr Lebensgefährte spielte, gegen den die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen unterlassener Hilfeleistung eingeleitet hatte. Anwesend bei der Geburt in der Nacht zum 19. Oktober 2014 war er nicht. Aber über WhatsApp stand er über Stunden in Kontakt mit der 22-Jährigen. Er versuchte zwar, sie von ihrem Vorhaben abzubringen, aber aktive Schritte, seine Tochter zu retten, unternahm er nicht.

Mutter von vier Kindern ist sie. Als 17-Jährige hatte Anna-Kathrin A. 2009 ihr erstes Kind zur Welt gebracht, einen Jungen. Einige Jahre später lernte sie in der Psychiatrie den späteren Lebensgefährten kennen. Beide lebten von Hartz IV, zogen nach Dortmund. Weitere Kinder kamen, jeweils Jungen. Das Jugendamt brachte die drei Kinder im September 2014 in einer Pflegefamilie unter. Grund: Zeichen von körperlicher Misshandlung. Die Angeklagte weist jede Schuld von sich: „Der Junge ist vor die Wand gelaufen.“

Dass Anna-Kathrin A. wieder hochschwanger war, fiel auch dem Jugendamt auf. Doch die Angeklagte verneinte entsprechende Fragen. Auch gegenüber Familie und Nachbarinnen blockte sie ab. „Ich habe es verdrängt“, sagt sie vor Gericht.

Am 18. Oktober geht sie in den Keller und bringt ihre Tochter zur Welt. Muttergefühle sind ihr fremd. „Die Sache“ nennt sie ein ums andere Mal die Geburt. Sie wickelt das Baby in eine Decke und stülpt eine Plastiktüte drüber. Dann geht sie, überlässt das kleine Menschenleben seinem Schicksal. Das Kind stirbt an den Folgen mangelnder Versorgung.

Richter Meyer liest aus dem Whats­App-Dialog der Angeklagten mit ihrem Freund vor. Ein Protokoll der Gefühlskälte, erschütternd. Um 21.29 Uhr die erste Nachricht, kurz vor der Geburt. Sie schreibt: „Es ist soweit, jetzt weißt du Bescheid.“ Er antwortet: „Bist du bekloppt?“ Sie: „Nein, ich ziehe das jetzt durch.“ Er versucht sie umzustimmen: „Warum hast du Angst? Alle wollen dir helfen.“ Vergeblich. Nach Mitternacht die letzte Nachricht: „Begrab sie. Das ist mein Fleisch gewesen.“ Richter Meyer wundert sich über den oft sachlichen Ton: „Sie haben nichts empfunden dabei?“

Hilfsangebote schlug sie aus, eine Adoption wollte sie nicht. Dass sie in Erklärungsnot kommen musste, weil viele ahnten, dass sie schwanger war, hielt sie nicht von der Tat ab. Richter Meyer hält es für logisch, dass die Tötung für sie die einzige Lösung war. Anna-Kathrin A. widerspricht: „Es war keine Planung.“