Krankenhäuser klagen über Randale in Notaufnahmen

Adam R. ist einer der Wachmänner im Marienhospital in Hamm.
Adam R. ist einer der Wachmänner im Marienhospital in Hamm.
Foto: Matthias Graben
Was wir bereits wissen
Beleidigungen, Drohungen, Schläge: Zusehends schützen Wachmänner das Personal in Notaufnahmen vor den Patienten. Manche halten sich nur für Notfälle.

Ruhrgebiet.. Schon auf der Straße waren die beiden Jugendgruppen aneinandergeraten: Zwölf junge Männer, sie schlugen und sie prügelten sich, bis die eine Gruppe, mit einem Verletzten geschlagen, abzog in die Notaufnahme des Marienhospitals Hamm – und da ging es direkt weiter. „Die Auseinandersetzung haben sie hier auf dem Flur fortgesetzt“, erinnert sich Pflegedirektorin Gabriele Kösters. Und der Wachdienst war nicht da in jener Nacht: Die Firma Rupprecht hütet die Notaufnahme aus naheliegenden Gründen immer samstagsnachts und zu „besonderen Anlässen“ – etwa zu Karneval . . .

Der Vorfall von Hamm ist eines der schrillsten Beispiele für Gewalt in der Notaufnahme, doch es gibt weit mehr. „In den letzten Jahren ist die Zahl der Übergriffe merklich gestiegen“, sagt etwa die Ärztin Andrea Kutzer aus dem Evangelischen Krankenhaus Duisburg-Nord: „Man wird geschubst oder jemand stellt ein Beinchen.“ Kollegen aus anderen Häusern im Ruhrgebiet erinnern sich an die ganze Palette: Drohungen und Beleidigungen, Angriffe mit kratzen und spucken, sexuelle Belästigung.

Viele setzen Wachleute ein, mehr denken darüber nach

Die Folge: Krankenhäuser in Duisburg, Hamm oder Mönchengladbach setzen bereits Wachdienste in ihren Notaufnahmen ein, in Dortmund steht nachts ein Wachmann auf Abruf bereit. Und noch mehr Kliniken denken inzwischen darüber nach. „Wir haben hier nicht jeden Tag Kriegszustände, aber manchmal häuft es sich“, sagt Axel Weinand, der Geschäftsführer des St.-Marien-Hospitals in Lünen, wo sie das Thema gerade durchdenken.

Zehn Fälle von Randale in Krankenhäusern zählt die Duisburger Polizei in diesem Jahr, etwa 90 die Polizei Hamm in einem Jahr – und aus Notaufnahmen holt sie die meisten Randalierer. Falls die noch dort sind. Zwei Dinge kommen zusammen. Es ist zum einen ein Freitags- und Samstagsnachts- (und Karnevals-)problem auf der Basis von zuviel Alkohol – das Marienhospital Hamm etwa liegt in der Nähe zahlreicher Kneipen und Discotheken, unterbrochen durch Restaurants.

Andrang in Notaufnahmen macht Patienten aggressiv

Und es ist ein Stressphänomen, das die Duisburger Ärztin Kutzer so erklärt: Immer mehr Leute kämen in die Notaufnahmen, die keine Notfälle seien. Dass Patienten nach Dringlichkeit behandelt werden, sei ihnen „nur schwer zu vermitteln“ – vorsichtig ausgedrückt.

So werden nach zuverlässigen Schätzungen 5,1 bis 5,7 Millionen Menschen in Nordrhein-Westfalen einmal im Jahr als Notfall behandelt, in Praxen und Krankenhäusern zusammen. Doch die Vorstellung ist ja ein bisschen absurd, dass bald jeder Dritte im Lande jährlich ein medizinischer Notfall ist – oder umgekehrt: Jeder von uns alle drei Jahre.

„Das Einzugsgebiet spielt auch eine Rolle“

„Es kommen mittlerweile viele, die da nicht hingehören“, sagt auch Lothar Kratz, der Sprecher der „Krankenhausgesellschaft NRW“: „Sie warten stundenlang und sehen permanent, das andere eher behandelt werden.“ Das Vorziehen echter Notfälle und schwerer Verletzungen vor der eigenen vermeintlichen Lebensgefahr „führt natürlich zu Unmut.“

Gewalt Doch auch Kratz hat keine Zahlen, wie viele der 370 Krankenhäuser in NRW die Notaufnahme mittlerweile bewachen lassen. Jedenfalls spiele „das Einzugsgebiet eines Hospitals, das soziale Umfeld auch eine große Rolle.“

Vier Wachmänner alleinwegen Rosenmontag

Doch haben die gute Erfahrungen gemacht, die schon länger einen Wachdienst beschäftigen. „Es war vorher relativ ruhig, aber die Mitarbeiter haben sich unsicher gefühlt. Es ist heute relativ ruhig, aber die Mitarbeiter fühlen sich sicher“, sagt Horst Imdahl, der Geschäftsführer der Städtischen Kliniken Mönchengladbach. Und die Kliniksprecherin von Hamm, Katrin Mette, sagt: „Sonst würden wir das ja nicht immer wieder verlängern.“

Uniformiert, groß gewachsen und gut sichtbar, beruhigen die Männer offenbar manch aufregungsbereites Gemüt allein schon durch ihre Anwesenheit: „Das schreckt die meisten bereits ab“, sagt Ralf Hamers, der Prokurist beim Wachdienst Rupprecht. So viel passiere ja auch nicht, „die meisten Probleme gibt es immer dann, wenn Events anstehen“. Rosenmontag werden sie mit vier Mann da stehen. Und das in Hamm, Westfalen . . .