Karnevalisten zeigen an Rosenmontag keine Angst

Was wir bereits wissen
Düsseldorf schickt vier Wagen gegen den Terror auf den Rosenmontagszug. Auch Köln verzichtet nicht ganz auf sein umstrittenes Motiv.

Düsseldorf.. Natürlich hat Tilly sich getraut. Die Stadt, der ganze Karneval hatte das erwartet von dem wagemutigen Wagenbauer: ein dreimal kräftiges Düsseldorf, Narrenfreiheit und also sogar Köln „Helau“! – nachdem das dortige Festkomitee seinen „Charlie-Hebdo“-Wagen ängstlich ausgebremst hatte. Ein Jacques Tilly aber tritt nicht auf die Bremse, nie, weshalb er gleich vier Motive gegen den Terror zum Düsseldorfer Zug schickte (und Köln verschämt dann doch ein kleines). Karneval ist, wenn man trotzdem lacht!

So begegnet man dem Terror-Thema im Rhein- und im karnevalistischen Flachland an der Ruhr auch: „Wovor sollte ich Angst haben?“, fragt Alex in der Landeshauptstadt ehrlich erstaunt; er hatte nicht einmal gedacht an den abgesagten Narrenzug von Braunschweig. „Man darf sich nicht einschüchtern lassen“, sagt Christel in Köln. „Zusammenstehen und feiern!“, fordert dort ein Clown, und so geht schließlich auch das Lied: „Echte Fründe ston zesamme!“

Natürlich ist da viel Polizei unter den Jecken, aber die ist da an den tollen Tagen immer. Fegt mit einem Besen den Kindern die Kamelle vor die Füße. Lutscht die besten Bonbons Probe. Heftet sich ein Clownchen an die Brust und hält ein Schwätzchen mit den Narren, so wie dieses: „Sindse jeck?“, fragt der Beamte einer Hundertschaft einen Herrn im Fischerhemd. „Nee, zum ersten Mal hier“, antwortet der und ist – der Polizeipräsident. Da soll man sich doch sicher fühlen, bei einem Zug, der mit „Bullenzug“ (den Mannschafts-Minnas), Kanonenwagen und „Bürgerwehr“ beginnt, zumal: unter so vielen Soldaten, Polizisten, Sheriffs und Leuten von „FBI“ und „SEK“. Solche Kostüme sind auffällig in diesem Terror-Frühjahr 2015 – auch wenn die Waffen ihrer oft winzigen Träger nur Spielzeugpistolen sind.

Aber am Düsseldorfer Rathaus sind auch Alex und Sylvia noch in der Ausbildung: Die kommen aus Bayern! „Wir wollten mal echten Karneval erleben, nicht nur Fasching.“ Und man hatte ihnen erzählt, hier seien die Kamelle Pralinen. Nun, die wirft man ihnen nun nicht an den Kopf, dafür anderen Süßkram, bis sie zu den Waden darin waten. Und Taschentücher nebst Werbung für Halstabletten und Gutscheinen für Kosmetik – wenn das alle Probleme sind im Karneval!

„Provoziert“, findet Ulli aus Hamm, werde hier nämlich „niemand, das find’ ich gut“. Dabei führt Jacques Tilly an diesem Rosenmontag nicht gerade die feine Feder: Treffen sich zwei Skelette mit Turban zum Armdrücken, die Herren „IS“ und „Al Kaida“. Halten sich drei Imame Ohren, Augen, Mund zu: „Terror hat nichts mit Religion zu tun.“ Oder der: Rennt ein Kopfloser mit der Pariser Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ vor einem schwarzen Schlächter davon, Unterschrift „Satire kann man nicht töten“.

„Karneval ist für alle da“,aber nicht politisch korrekt

Das ist schon kaum mehr Satire, das ist die Holzhammermethode – wie der Wagen, auf dem sein Erbauer selbst mitfährt: zu seinen Füßen die überzeichneten Köpfe von Christen, Juden, Muslimen, Atheisten. Wie Tilly übrigens selbst einer ist. „Karneval ist für alle da!“

So ist das wohl, weshalb es im Düsseldorfer Zug unter 5000 Teilnehmern auch Leute gibt, die man so eigentlich auch nicht mehr darstellen darf. In langen bunten Röcken und mit klimpernden Ohrringen. Mit schwarzer Farbe im Gesicht und Baströckchen, in den Händen – nein, Schokoküsse. Karneval ist eben nicht politisch korrekt. Nicht einmal in Köln: wo „Charlies“ Buntstift nun doch mitfährt, der ursprünglich geplante Terrorist auf dem Boden, geschlagen. Und die Kölnische Karnevalsgesellschaft sich zum bunten Treiben in reuevolles Grau hüllt. „Dat is, wat bliev.“ Die Farbe der Langeweile. Und der Mutlosigkeit.