Jeder dritte Türke in NRW von Armut bedroht

Was wir bereits wissen
Von wegen Abschottung! Laut einer aktuellen Studie des Zentrums für Türkeistudien ist jeder zweite türkische Zuwanderer in NRW gesellschaftlich aktiv. Große Integrationsprobleme gibt es dagegen auf dem Arbeitsmarkt. Jeder dritte Türke ist von Armut bedroht.

Düsseldorf.. Jeder zweite türkische Zuwanderer in Nordrhein-Westfalen ist einer Umfrage zufolge gesellschaftlich aktiv. Von einer bewussten Abschottung könne deshalb nicht die Rede sein, sagte Integrationsminister Guntram Schneider (SPD) bei der Vorstellung der elften Mehrthemenbefragung der Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZfTI) am Dienstag in Düsseldorf. Große Integrationsprobleme gibt es dagegen weiterhin auf dem Arbeitsmarkt und im Ausbildungsbereich.

Für die repräsentative Studie werden seit 1999 jährlich 1.000 türkische Zuwanderer befragt. Der Bereich zivilgesellschaftliches Engagement wurde zum ersten Mal ausgiebig erfasst. Demnach sind 54 Prozent der türkischen Migranten in den Bereichen Religion, Sport, Freizeit oder Bildung aktiv. Etwa 13 Prozent übernehmen in Vereinen oder Institutionen ein freiwilliges Amt, wie der wissenschaftliche Direktor der ZfTI, Haci-Halil Uslucan, sagte.

95 Prozent in Kontakt mit Deutschen

Der Kontakt zur deutschen Bevölkerung habe in den vergangenen Jahren leicht zugenommen. Mittlerweile seien 95 Prozent mit Deutschen im Austausch, nur zwei Prozent der Befragten blieben unter sich, sagte Uslucan. Landesweit haben 800.000 Menschen türkische Wurzeln. Fast 60 Prozent fühlen sich sowohl als Türken wie auch als Deutsche. Knapp 30 Prozent sähen sich als Deutsche. Nur zwölf Prozent beriefen sich allein auf ihre türkische Identität.

Unterdessen bleibt die Lage auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt für türkische Zuwanderer kritisch. Jeder Vierte der unter 30-Jährigen hat keine Ausbildung abgeschlossen. Schneider sprach von einem „Warnsignal“. Junge Türken hätten kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Hier müsse nachgebessert werden. ZfTI-Direktor Uslucan verlangte mehr Investitionen in die Bildung und Sprachförderung.

Jeder Dritte von Armut bedroht

Insgesamt war die Hälfte der landesweit Befragten arbeitslos. Das monatliche Durchschnittsgehalt liege mit 2.154 Euro deutlich unter dem der deutschen Bevölkerung, sagte Uslucan. Jeder Dritte ist der Studie zufolge von Armut bedroht, unter den Deutschen ist es nur jeder Zehnte.

Zudem fühlen sich immer mehr Zuwanderer diskriminiert. Etwa 81 Prozent berichteten von Diskriminierungen, sagte Uslucan. Dies sei der höchste Stand seit 1999. Von den Türken kritisch aufgenommen wurden die Thesen des ehemaligen Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin über die mangelnde Integrationsbereitschaft mancher Ausländer. Dies hatte zum Zeitpunkt der Befragung für Schlagzeilen gesorgt. Schneider sagte, durch die damalige Diskussion sei viel Vertrauen verloren gegangen. (dapd)