Hochbegabte Migranten - Mit Köpfchen gegen Vorurteile

"Ich wusste, dass ich studieren wollte", sagt die 30-jährige Turunc Tufan. Hochbegabte unter Migrantenkindern werden häufig nicht gefördert.
"Ich wusste, dass ich studieren wollte", sagt die 30-jährige Turunc Tufan. Hochbegabte unter Migrantenkindern werden häufig nicht gefördert.
Foto: Lars Heidrich
Die Lehrer rieten Turunc Tufan, die Schule zu verlassen, als sie 15 war. Dabei war sie intelligenter als andere. Heute ist sie 30 – und arbeitet an ihrer Promotion.

Dinslaken.. In der 10. Klasse hätte doch kein Lehrer gedacht, dass Turunc mal studieren würde, Doktor würde, Lehrbücher schriebe und Seminare gäbe. Ihr, dem Türkenmädchen, dem Kopftuchmädchen mussten sie den rechten Weg weisen. Zu Turuncs eigenem Besten, versteht sich! Also: Ausfahrt Ausbildung. Studium? „Nein, nein, Studium ist sehr schwer!“ Ja, so sagten sie.

„Ich wusste aber, dass ich studieren wollte“, erinnert sich die 30-Jährige. Es kam dann ja auch so. Und wenn Sie jetzt meinen, dass ist damals aber echt dumm gelaufen mit der zerstreuten Berufsberatung einer Hochbegabten, ein Zufall und ein Einzelfall, dann würde Turunc Tufan einfach auf ihren Bruder zeigen und sagen: „Mein kleiner Bruder hatte trotz sehr guter Noten eine Hauptschul-Empfehlung. Jetzt studiert er Wirtschaft, wie geht das?“

Um das Problem beim Namen zu nennen: Ihre Eltern sind Türken, und Migrantenkindern traut das deutsche Schulsystem oft zu wenig zu. Der Arbeitstitel ist in etwa: „Unsere Kopftuchmädchen werden ja doch nur Hausfrauen.“ Und so liegen viele Talente begraben unter Vorurteilen – von den Hochbegabten ganz zu schweigen.

Statistisch sind sie Zehntausende

„Es ist unverständlich, dass die Hochbegabten unter Migrantenkindern kaum erkannt und selten gefördert werden“, sagt Professor Albert Ziegler in Nürnberg, der gerade in einem Forschungsprojekt über „Hochbegabte mit türkischem Migrationshintergund“ steckt. 30.000 bis 90.000 muss es nach der statistischen Normalverteilung geben in Deutschland, aber in den einschlägigen Förderprogrammen oder Beratungsstellen findet man nicht mal ein Prozent. Auch, muss man sagen, weil viele ausländische Eltern sich an dieser Stelle nicht auskennen.

Das freilich war bei Turunc Tufan anders: Ihr Vater Yakup Tufan (59) war als minderjähriger Berglehrling allein nach Deutschland gekommen – das ging 1970 – und studierte sich zum Bergbauingenieur in Dinslaken hoch. Dort wohnt die Familie bis heute, in einem Zechenhaus in Lohberg, wo die Straßen Kasinostraße heißen, Knappenstraße, Haldenstraße, Koksstraße, Hauerstraße, Schlägelstraße . . .

Einwanderer-Kinder „Meine Eltern haben mich immer unterstützt, sie haben gesagt, geh so weit, wie du kannst“, sagt die Tochter. An die Schule hat sie allerdings vor allem negative Erinnerungen: dass sie verkannt wurde, dass sie öfter Ärger hatte wegen des Kopftuchs, das sie aus religiösen Gründen trug, oder wegen des Schweinefleischs, dass sie desgleichen nicht aß. Aber wahrscheinlich hat sie das am Ende nur stärker gemacht.

Land NRW baut Talentsucher-System auf

Nun, das Rettende wächst in den letzten Jahren für die Talente. Die Wirtschaft hat erkannt, dass sie doof wäre, Zehntausende Hochbegabte zu verschenken. Das Land Nordrhein-Westfalen baut jetzt nach einem Gelsenkirchener Modell ein Talentsucher-System auf, das im Umkreis der Revier-Unis nach Hochbegabten suchen soll.

Und gerade beginnt ein Begabtenförderwerk für Muslime in Deutschland zu arbeiten: „Avicenna“ heißt es nach der latinisierten Form des mittelalterlichen Universalgelehrten Ibn Sina. „Das negative Islambild verstellt den Blick auf die Hochbegabten“, sagt Professor Bülent Ucar, einer der Gründer, im Gespräch mit ,Zeit online’. Man wolle zeigen, dass „deutsche Muslime wichtige Leistungsträger dieser Gesellschaft sind“. Und dann wären noch Vorbilder wünschenswert, Einwandererkinder, die sich durchgeschlagen haben durch Vorurteile und Geringschätzung und die für die Nachwachsenden ansprechbar sind. „Wir sind Schlüsselfiguren“, sagt Turunc Tufan.

Stipendiatin der Adenauer-Stiftung

Die Frau, die mit 15 von der Schule sollte, ist heute Stipendiatin der Begabtenförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung. Sie hat Islamwissenschaften und Pädagogik in Bochum studiert, jetzt baut sie in Osnabrück ihren Doktor in Islamischer Theologie – und danach wäre die Habilitation denkbar: Professorin zu werden.

Denn bisher ist Turunc Tufan bei jeder Prüfung nur besser geworden. Und der Master-Abschluss war schon: 1,6.