Hinterm Hauptbahnhof gibt’s Hühnersuppe

Die Suppe wärmt Körper und Seele: Hinter dem Gelsenkirchener Hauptbahnhof stehen Bedürftige dafür Schlange.
Die Suppe wärmt Körper und Seele: Hinter dem Gelsenkirchener Hauptbahnhof stehen Bedürftige dafür Schlange.
Foto: Volker Hartmann
Helfer bringen Wohnungslose „warm durch die Nacht“. Der Verein entstand in Gelsenkirchen und anderswo aus der Facebook-Gruppe „... packt an“.

Gelsenkirchen.. 20 Dosen Eintopf sind 16 Kilo und noch nicht genug. Es ist kalt geworden, am Bahnhof zieht’s wie . . . Hühnersuppe!, und vom Monat ist auch nicht mehr viel übrig. Dann kommen nicht nur die, die kein Zuhause haben, dann kommen auch Rentner, bei denen das Geld nicht reicht; sie strecken rotgefrorene Hände aus und wärmen sie an Plastiknäpfen. „Wer Hunger hat“, sagt einer, „steht Schlange.“ 30, 40, 50 tun das jetzt, immer mehr Gestalten tauchen auf aus der Dunkelheit, weil sie wissen, dass es hier nicht nur Suppe gibt, sondern eine Hoffnung: „Warm durch die Nacht.“

Es ist ein Verein, der so heißt, und er wuchs aus einer Facebook-Gruppe: „Gelsenkirchen packt an“ räumte nach dem Pfingststurm 2014 Bäume aus dem Weg, aber als das Holz weg war, waren die Helfer immer noch da. Standen auf der Straße, gewissermaßen, genau dort, wo die Wohnungslosen sind. Und also begab es sich kurz nach Weihnachten, dass sie zum ersten Mal einen Wagen anspannten, um Essen zu verteilen und dicke Strümpfe. Es war nicht mehr als ein gestreifter Hackenporsche.

Zwei Jahre später haben sie zwei Bollerwagen, mit Suppentopf, Fächern für Kaffeemilch, Minuten-Terrinen, Plastiklöffel, und blaue Westen an, die jeder kennt in der Stadt: „Warm durch die Nacht, kennste doch?“ – „Natürlich, klar.“

Der Abend hat die Innenstadt schon still gemacht, da ziehen vier Ehrenamtliche los mit quietschendem Gefährt. Dort drüben ist Dirk mit seinem Schlafsack. „Relativ kalt heute“, sagt Dirk. Ob er zum Bahnhof kommt? „Ja, danke, bis gleich.“ Sie suchen die Wohnungslosen in ihren Winkeln, unten in der U-Bahn, im Vorraum der Bank, aber sie finden die meisten längst in der zugigen Ecke hinter den Gleisen. Sie warten schon.

Am Anfang, sagt Petra Bec, die oft unter den Helfern ist, „waren die Leute zurückhaltend“. Fragten: „Was muss ich dafür tun?“ Oder nur: „Warum krieg ich Tee?“ In Gelsenkirchen ist Petra Bec beinahe berühmt geworden mit dem Dreisatz: „Wir fragen nicht warum und wieso. Es ist, wie es ist. Wer Hunger hat, bekommt was zu essen.“

Und heute Hühnersuppe. „Könnt ihr alle essen!“, ruft Bec in die Runde, sie ahnt noch nicht, dass es kaum reichen wird. Aber so war’s auch nicht gemeint. Sondern so: Weiche Nudeln gehen, Bananen auch, Äpfel nicht. „Der Zahnstatus ist oft nicht so.“ Manche mögen am liebsten Kartoffelbrei. Aber es kommt auf die Hand, was immer mehr Spender hergeben und der Bäcker, der abends Körbe mit Brötchen aus der Hintertür reicht. Einmal gab es welche mit Schnitzeln, einer der Männer, die sie „Gäste“ nennen, hat damit vor Freude getanzt, bis das Schnitzel kalt war.

Am Anfang des Monats gehen die Freiwilligen dreimal die Woche zum Bahnhof, am Ende fünfmal. Sie sind jetzt 80 Aktive und 1240 in der Facebookgruppe: „Ein echtes soziales Netzwerk“, sagt Bianca Wollbrink. „Wir sind hilfsbereit, nicht vorwurfsvoll“, steht im Leitbild. Aber wenn es mal Mecker gibt hinterm Bahnhof, „dann packen wir ein“. Gibt es aber nicht. Dafür Schokolade und Taschentücher, „korrekt“, findet Patrick und streichelt sanft Anjas Schulter. Heinz fliegt Petra um den Hals. „Alles tofte?“, fragt die. „Jacke auch tofte?“ Sie haben auch ein Kleiderlager.

Jemand braucht Deo, aber „Hygiene ist morgen“

Hansi hat eine Jacke „bestellt“, Suffi Handtücher, jemand braucht Deo, aber „Hygiene ist morgen“. Ein Mann schlurft auf Schuhen heran, die den Namen nicht mehr verdienen; vorige Woche zitterte einer noch in Sommersachen. „Sie glauben nicht“, sagt Petra Bec, „wie sich ein Mensch freuen kann über trockene Socken.“ Auch deshalb macht sie das hier, „weil ganz schnell ganz viel zurückkommt“. Ein alter Mann kommt, sie zu drücken. „Warm durch die Nacht“, sagt er, „ist wie Familie.“

Nur sitzt die nie an einem Tisch. Der alte Mann, die Frau mit dem Rollator, die junge Schwangere, die drei lauten Jungs haben die Teller auf eine Mauer gestellt, sie essen im Stehen. Man kennt sich, man plaudert, was macht das Bein? Hatti braucht lange Unterwäsche, Herbie hat Durchfall, Willi kriegt das letzte Rosinenbrötchen: „Gut, datte kommss!“ Nur Pedda ist heute gar nicht da, „dem ist das zu kalt“. Und noch ein paar Menschen fehlen: „Sind an der Arena“, sagt jemand, „Flaschen sammeln.“

Trotzdem ist der Topf jetzt leer, Petra und Anja gießen Pulver mit heißem Wasser auf, Cappuccino oder Tütensuppe; Schokoriegel verschwinden in verschlissenen Jackentaschen. Die ersten verschwinden wieder in der eiskalten Nacht. Wenn sie jetzt in ihr warmes Zuhause kommt, sagt eine Helferin, heiße Dusche, voller Kühlschrank, „krieg ich selbst nichts mehr runter“.

INFO: Auch in Essen, Duisburg, Oberhausen, Bochum sind aus Sturm-Helfern Wohnungslosen-Helfer geworden: „Warm durch die Nacht (WddN)“ verstärkt die Facebook-Gruppen, die sich als „...packt an“ gegründet hatten.

Gelsenkirchen ist mit 1240 Mitgliedern eine der größten Gruppen und mittlerweile ein Verein. In Essen hat sich „WddN“ als Verein neu gegründet und sich nach Streitigkeiten von „Essen packt an“ abgespalten.