Hilfe für die missbrauchten Kinder von Bangalore

In einer Unterführung nahe dem K-R-Markt treffen sich Mädchen und Kunden.
In einer Unterführung nahe dem K-R-Markt treffen sich Mädchen und Kunden.
Foto: Jakob Studnar
  • Tausende Mädchen und Jungen werden missbraucht, vergewaltigt oder sind HIV-infiziert.
  • Die Hilfsorganisation Jagruthi bietet ihnen Schutzhäuser, Tagesstätten und Bildung.
  • Sie hat 500 Kinder unter ihrem Schutz und kommt über sie auch an die Eltern heran.

Essen.. Wenn Lakshmi* zu den Männern geht, dann lässt sie ihre Kleine bei den Großeltern. Lakshmi ist ein Dienstmädchen in Bangalore, der großen Stadt, das hat sie ihnen so gesagt; doch das ist gelogen, und womit ihre Tochter in Wahrheit dient, das dürfen sie niemals erfahren.

Nichts von den Stammkunden, nichts vom Fünfminutensex für umgerechnete fünf Euro sechzig, nichts von den Gefahren, die von betrunkenen Männern ausgehen. Oder von Männern, die einen der ihren anrufen lassen – und sie in Wahrheit zu viert erwarten.

Jagruthi, das ist Sanskrit und heißt „Erwachen“

Das Handy schellt. Lakshmi muss jetzt wirklich los, die junge Frau mit der Narbe im Gesicht. Was da geschah, ist nicht ganz klar geworden. Die Visitenkarte hat sie eingesteckt, die lange vor ihr auf dem Tisch lag. Von „Jagruthi“, das ist Sanskrit und heißt: „Erwachen.“

Jagruthi hilft Kindern, die missbraucht oder vergewaltigt wurden, HIV-infizierten Kindern und Kindern von Prostituierten. Vielleicht, demnächst, Lakshmis Tochter. Wie so vielen schon. Die Kindernothilfe mit Sitz in Duisburg unterstützt Jagruthi. Und die WAZ wird Sie, liebe Leser, im Advent bitten, auch Jagruthi zu unterstützen. Sie heilen Seelen. Wirklich.

„Sie ist eine außerordentliche Schülerin, sehr gut am Computer“

Sie heilen zum Beispiel Regeshwari*. Die Geschichte des 15-jährigen Mädchens ist eine, die Ihnen tausende Kinder in Bangalore ganz ähnlich erzählen könnten. Mit 13 verheiratet mit ihrem Onkel. Ein Trinker, ein Schläger, es kommt zu einer Fehlgeburt; mit 14 ist Regeshwari fortgelaufen und hat sich in den Bus gesetzt nach Bangalore.

Sozialarbeiter von Jagruthi sprachen das Mädchen an, das so verloren an einem gefährlichen Platz herumstand, am Busbahnhof: Wo man in der Kinderprostitution landen kann, bevor der nächste Bus kommt.

„Kinder können keinen freiwilligen Sex haben“

Regeshwari ist jetzt sechs Monate bei Jagruthi, geht zu deren Schule, wohnt in deren Schutzhaus. Das Kind lebt wieder, dessen Leben mit 13 zu Ende schien. „Sie ist eine außerordentliche Schülerin, sehr gut am Computer“, sagt Renu Appachu.

Appachu ist Gründerin, Direktorin und Seele von Jagruthi. Harte Schale, liebendes Herz, so ein Typ. Bei Kinderrechten kompromisslos. „Kinder können keinen freiwilligen Sex haben, es ist entweder Missbrauch oder Vergewaltigung“, sagt sie. 500 Kinder sind derzeit unter ihrem Schutz, indirekt erreicht sie noch viel mehr – und deren Mütter.

Sozialarbeiterinnen suchen am Busbahnhof nach Kindern in Notlagen

Etwa durch die Sozialarbeiterinnen, die am Busbahnhof und am benachbarten K-R-Markt, dem größten der Stadt, Kinder in Not suchen. Man erkenne das, erzählen sie, „wie sie gehen, wohin sie gehen, mit wem sie reden“. Und so sprechen sie sie an: dass, wer da rumsteht und auf einen Job wartet, eher einen Mann treffen wird, der sie ins Milieu steckt.

Der Markt also, Mysore Road. Es gibt hier alles. Obst und Gemüse aus allen Gärten Indiens, SIM-Karten und Badewannen, Blumen und Brot, Türen, Särge und Sex. Da ist die Frau, die auf einer Decke neben der Unterführung sitzt und Erbsen und Bohnen in Tüten füllt. Ruft ein Stammkunde an, verschwindet sie nach unten, und der Vater und der Bruder passen auf. Oder das Blumenmädchen! Ihren Körper verkauft sie auch und hat mit 29 Jahren fünf Kinder.“

„Nach einer gewissen Zeit lönnen sie Männer nur noch als Freier sehen“

Häufig findet der Sex in Zimmern statt oder in Verschlägen, um das Mindeste zu sagen – und die Kinder sind in demselben Raum. „Sie machen furchtbare Erfahrungen“, sagt der Indien-Experte der Kindernothilfe, Guido Falkenberg: „Nach einer gewissen Zeit können sie Männer nur noch als Freier sehen, und so gucken sie auch.“

An der Unterführung hängt ein Schild: „Don’t spit here Fine Rs. 500.-“ Spucken verboten also. Bußgeld 500 Rupien. Dafür könnte man sich auch zweimal Sex kaufen.

Die indische Version von „Himmel und Hölle“

Bei Jagruthi gibt es Schutz für diese Kinder. Essen. Einen Arzt. Schule. Was waren das für glückliche Kinder, die in der Tagesstätte Gemüsereis bekamen, die ihre ersten Brocken Englisch lernten oder in der Schule hüpften.

Sie spielten im Sportunterricht eine indische Version von „Himmel und Hölle“, was ziemlich gut passt. Wir würden Ihnen, liebe Leser, in den nächsten Wochen gern mehr davon erzählen, falls sie es überhaupt wissen wollen. Bitte.

So können Sie helfen

Mit Ihrer Spende können Sie Kindern in Bangalore helfen, sich auf Dauer aus dem Umfeld von Missbrauch, Vergewaltigung und Prostitution zu befreien. Die Kontodaten sind: Kindernothilfe, BIC GENODED1DKD. Die Iban lautet DE4335 0601 9000 0031 0310. Bank für Kirche und Diakonie. Stichwort: „Indien.“

Die Spenden tragen dazu bei, dass in den Schutzhäusern und Tagesstätten die Arbeit ausgebaut werden kann. Die Kinder werden medizinisch und psychologisch untersucht, behandelt und betreut. Etliche wohnen dort.

Schulische Bildung wird sie in die Lage versetzen, einen ganz anderen Weg einzuschlagen. „Für einige Kinder ist es eine Überraschung, wenn sie hören, dass sie nicht tun müssen, was auf der Straße von ihnen verlangt wird“, so die Kindernothilfe (KNH).

Weitere Folgen der Serie

Eine Schule für die misshandelten Kinder von Bangalore