Hier traut sich das Revier: ausgefallene Orte zum "Ja"-sagen

Das Hochzeitspaar Julia Dolf und Lars Tracht zeigt sich in Bochum unmittelbar vor der Eheschliessung vor dem Fördergerüst des Bergbaumuseums.
Das Hochzeitspaar Julia Dolf und Lars Tracht zeigt sich in Bochum unmittelbar vor der Eheschliessung vor dem Fördergerüst des Bergbaumuseums.
Foto: Volker Hartmann
Was wir bereits wissen
Auf der Zeche, auf Schalke oder im Schloss: Im Ruhrgebiet wird immer häufiger an ungewöhnlichen Orten geheiratet.

Ruhrgebiet.. Unter Tage, aufm Platz, im Zoo, an Bord. . . Wer im Revier heiraten will, kann das im Standesamt tun. Muss aber nicht. Denn an ausgefalleneren Trauorten gibt es keinen Mangel. Nur: Entscheiden sollte man sich früh. „Besonders gefragte Locations sind oft über ein Jahr im Voraus ausgebucht, der Trend zur Ambiente-Trauung ist stärker denn je“, erklärt Claudia Jaquet, Recklinghäuserin und seit Jahren Hochzeits-Fotografin.

Was ist besonders gefragt? Erstens: Schlösser. Sie hätten nie an Attraktivität verloren, so Jaquet (43), die sich „fotografin on tour“ nennt, in Gerthe aber auch ein eigenes Studio hat. Für moderne Mottohochzeiten (Mittelalter!) seien sie zudem ideal. Neu sei ein zweiter Trend: Industriekulisse...

Die Termine sind rasch vergeben

Lars Tracht und Julia Dolff etwa wollten es unter Tage tun: Am 28. April gaben sich der Informatiker (39) und die Erzieherin (30) aus Essen in der Steigerstube des Bochumer Bergbaumuseums das Ja-Wort, zum Sektempfang bat man auf den Förderturm. „Wir sind beide Ruhris, eingefleischte Ruhrpott-Fans, das ist unser Ort!“, schwärmt Julia Dolff kurz vor dem großen Tag. Auch wenn es eigentlich Zollverein sein sollte. Aber obwohl sie gleich am Tag nachdem ihr Lars ihr den Antrag machte, dort vorsprach, war „nix mehr zu machen: ausgebucht“. Im April 2013!

Heiraten „Die Termine sind rasch vergeben, es gibt nur einen pro Monat“, erklärt Vanessa Brugger von der Stiftung Zollverein. Das Unesco-Welterbe mit seinem Doppelbock sei halt beliebt. Demnächst sagten dort sogar zwei Londoner „Yes!“. Die Tracht’sche Trauung unter Tage aber: sie ist eine der letzen. Nur die gebuchten Termine würden noch abgearbeitet, bedauert Bernhard Scholten vom Bergbaumuseums: „An uns liegt’s nicht.“

Tatsächlich mag die Stadt nicht mehr. „Zu teuer“, erklärt Sprecherin Barbara Gottschlich. Die 66 Euro Zusatzgebühr decke die Kosten nicht, der Haushalt sei nicht freigegeben, das Standesamt unterbesetzt und Event-Trauungen aufwändig, „aber keine Pflichtaufgabe“. Deshalb wird es sie in Bochum nicht mehr geben: nicht in der Steigerstube, nicht im Planetarium, nicht in der alten Tram, nirgendwo. „Wir bedauern das ebenfalls“, sagt Gottschlich. 94 Paare hätten sich 2014 schließlich für eine Event-Hochzeit entschieden (bei 1329 regulären Trauungen). „Aber unser Rathaus ist auch schön...“

Er trägt dunklen Anzug, sie weißes Kleid

Bochums Nachbarstadt Witten sieht das sicher ähnlich, dort verlegte man das Standesamt der schöneren Räumlichkeit wegen sogar in ein altes Rittergut. Auf „Ambiente-Trauungen“ will man trotzdem nicht verzichten. „Der Steuerzahler darf dafür natürlich nicht blechen“, sagt Standesamtsleiter Volker Banhold. „Aber wir kriegen das hin.“ Bis zu 20 Paare jährlich vermählt er etwa auf der MS Schwalbe. Zwischen 130 und 190 Euro kostet das extra. Im Standesamt ist die Ehe ab 54 Euro zu haben. Er möge Ambiente-Trauungen, gesteht Banhold, weil sie feierlicher seien. „Ins Amt kommen die Paare auch mal mit der Zeitung unterm Arm zur Trauung, und danach gehen die arbeiten.“

Jubiläum Was lassen sich Ruhri-Paare das Heiraten kosten? „Mit allem Drum und Dran samt Kirche? Locker einen Kleinwagen“, weiß Expertin Jaquet. Sie beobachte zudem, dass Hochzeiten sorgfältiger als früher geplant würden. „Klug“, meint sie. 30 Leute in einem Saal für 300, schlechte Absprachen mit dem DJ, „zu viel Braut in zu wenig Kleid“ – das könne die Stimmung trüben.

Apropos: Was trägt das Brautpaar aus dem Revier überhaupt? Tatsächlich meist Klassisches: er dunklen Anzug, sie weißes Kleid.

Aber nicht überall. An einem der beliebtesten Trauorte überhaupt heiratet man Blau-Weiß, gern auch im Trikot: auf Schalke. An die 30 Paare tun es seit 2001 Jahr für Jahr. „Fast alles Auswärtige“, klärt Standesbeamter Joachim Alfs auf. „Höchstens ein Viertel der Brautpaare stammt aus Gelsenkirchen. In diesem Mai ist es gar nur eines!“

Nicole Seyer (41) und Andi Böttcher (40), deren Ehe am 8. Mai in der Nordkurve der Arena angepfiffen wurde, reisten aus Niedersachsen an. Bei der Suche nach einem exotischen Trauort stieß die Bäckerei-Verkäuferin auf Gelsenkirchen. Bis dahin war eine Hochzeit auf der Dicken Berta, einem Leuchtturm in Cuxhaven, ihr Favorit. „Wir sind ja Fischköppe...“, aber ihr Andi auch „ganz doller Schalke-Fan“. Sie buchte – und der zukünftige Herr Seyer, ein gestandener Beizer, weinte, als er es erfuhr.

Dirk Dolinar und Melanie Skiba (beide 35), „große Tierliebhaber“ aus Wanne-Eickel, hätten im Zoo geheiratet – wenn sie gewusst hätten, dass das geht. Geht! In Duisburg etwa seit zehn Jahren. Über 40 Trauungen zählte der Zoo – bis man die Preise anhob. Jetzt seien es „weniger, im Mai nur ein Paar“, sagt Zoo-Mitarbeiterin Beatrix Cierpiol. Die Trauung im Chinesischen Garten kostet 600 Euro. Für die Begegnung mit dem Wunschtier (Elefanten ausgeschlossen!) werden weitere 100 Euro fällig.

Dolinar und Skiba entschieden sich, ja, auch sie, für die Veltins-Arena. „Und wenn wir in fünf Jahren noch zusammen sind, heiraten wir kirchlich“, verrät der Krankenpfleger. In der Kapelle auf Schalke? „Ne, auf Crange!“