Harut, der Zurückgekehrte - Happy End einer Abschiebung

Vor sechs Jahren wurde Harut Vardanjan nach Armenien abgeschoben. Weil viele für ihn kämpften, kehrte er nach dem Militärdienst nach Deutschland zurück und machte nun sein Abitur.
Vor sechs Jahren wurde Harut Vardanjan nach Armenien abgeschoben. Weil viele für ihn kämpften, kehrte er nach dem Militärdienst nach Deutschland zurück und machte nun sein Abitur.
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Was wir bereits wissen
Mit 18 Jahren wurde er nach Armenien abgeschoben. Seine Schule, sein Heimatort kämpften für ihn. Wieder in Deutschland, schaffte er jetzt das Abitur

Kirchlengern.. Sie hatten für ihn gekämpft. Seine Klasse. Seine Schule. Sein ganzes Dorf. Sie hatten sich an Minister gewandt und an den Bischof und gebettelt, man möge helfen, Harut zurückzuholen. Harut, ihren Klassenkameraden, der mit knapp 18 Jahren nach Armenien abgeschoben worden war, in das Land seiner Eltern. Sechs Jahre sind seitdem vergangen. Nun hat Harut sein Abitur gemacht. Ein Happy End in Deutschland.

Abgeschoben Wie still und hager er damals wirkte! Im Frühling 2009, als wir, Reporter dieser Zeitung, ihn in Armenien besuchten. Wenige Wochen zuvor war Haruts Familie morgens um drei aus dem Schlaf gerissen worden. Polizisten und Mitarbeiter der Ausländerbehörde bugsierten sie in einen Bus und danach in ein Flugzeug. Zurück nach Armenien. Nun also stand er da, im mit Wellblech gedeckten Haus der Großeltern. Katapultiert in eine fremde, eine arme Welt mit staubigen Straßen. Blass war er. Bemüht, positiv zu wirken. Da wusste er schon, dass dieses Land ihn nicht gehen lassen würde bevor er seinen Militärdienst geleistet hatte. Was er nicht ahnte: dass es Jahre dauern sollte, bis er zurückkehren würde.

Die Abschiebung wurde auf nur einen Tag befristet - vergeblich

Dabei hatte der öffentliche Druck in Deutschland bald viel bewirkt. Bis hin zum Bundesaußenministerium wurde sein Fall bekannt. Der Fall von Harut Vardanjan, dessen Eltern mit Hilfe von Schleppern nach Deutschland gelangt waren, die sich auf deren Anraten fälschlich als verfolgte Armenier aus Aserbaidschan ausgegeben hatten. Harut, für den sich so viele Menschen einsetzten, war in Deutschland aufgewachsen. Ein herausragender Schüler, einer, der sich an der Gesamtschule in Kirchlengern als Schulsprecher und Streitschlichter engagierte.

Nachdem der Fall Schlagzeilen gemacht hatte, wurde Haruts Abschiebung rückwirkend auf einen Tag befristet. Ein Visum sollte ihm den Rückweg eröffnen. Vergebens. Armenien ließ ihn nicht gehen, das Militär wartete auf ihn. „Ich dachte damals, das ziehst du nun durch und dann kehrst du zurück in das Leben, das du willst, aus dem du kommst“, erinnert sich der heute 24-Jährige.

Zwei Jahre beim Militär

Zwei lange Jahre absolvierte Harut beim Militär. Dienst im Grenzgebiet zum verfeindeten Aserbaidschan. Ein umkämpftes Stück Land, in dem es immer wieder Tote und Geiselnahmen gab. „Es war die reine Willkür. Die Offiziere schlugen uns, wenn unsere Stiefel nach dem Dienst dreckig waren. Viele hielten das psychisch nicht aus“, sagt Harut. Er jedoch hielt durch, sein Ziel immer im Blick. Kein Handy, kein Telefon, so gut wie keinen Kontakt mit der Familie. Er lernte Armenisch in dieser Zeit, das Land zu lieben jedoch nie.

Es war ein Fest, eine große Party, als er im August 2012 dann endlich auf dem Flughafen Düsseldorf landete. Der Junge, für den sie sogar einen Rap, „Freedom for Harut“, geschrieben hatten, hatte es geschafft. Er hatte sich nicht unterkriegen lassen. Er war wieder in Kirchlengern, entschlossen, das Abitur zu machen. Die Familie seines besten Freundes Rodi hatte den Ausländerbehörden versichert, ihn aufzunehmen, für ihn zu sorgen. Als 21-Jähriger in einer Klasse von lauter 16-Jährigen ging er eine Woche später wieder zur Schule. Rodi, der Klassenkamerad, studierte längst in Paderborn.

Nur mit Hilfe seiner Lehrer

Abschiebe-Drama Über Harut Vardanjan zu schreiben, ohne seine beiden Lehrer zu erwähnen, Helena Wiebe und Roland Drossert, wäre höchst nachlässig. Sie waren es, die für ihn Anwälte engagierten, die Spendenaktionen organisierten. Sie telefonierten sich die Finger wund für ihn, hielten all die Jahre Kontakt, halfen ihm später, einen Job zu finden neben der Schule. „Ich hatte ihn von der fünften Klasse an. Ein Kerlchen, das immer drangenommen werden wollte, immer bemüht“, sagt Drossert.

Und Helena Wiebe erinnert sich noch immer mit Gänsehaut an diesen einen furchtbaren Moment, als Harut abgeschoben wurde. Sie hatte den Morgen über telefoniert und versucht, im letzten Moment irgendetwas zu erreichen. Nun hörte sie die Stimme ihres Schülers am Handy: „Frau Wiebe, ich muss jetzt hier abbrechen. Ich muss einsteigen!“ „Wir haben alle mitgefühlt. Es war für uns unverständlich, gewalttätig, ihn einfach so aus dem Land zu transportieren“, sagt sie.

Am 18. Juni, bei der Entlassfeier, werden Roland Drossert und Helena Wiebe neben Harut sitzen. Harut möchte Lehrer werden. Wie sie.