"Habe ich bestanden?" - Senioren fürchten die Pflegeprüfung

Nur ein Besuch? Tanja Caspers vom MDK Nordrhein unterhält sich mit Auguste E. (94).
Nur ein Besuch? Tanja Caspers vom MDK Nordrhein unterhält sich mit Auguste E. (94).
Was wir bereits wissen
Der Medizinische Dienst war zu Besuch bei der 94-jährigen Auguste E., um ihre Pflegestufe festzustellen. Ein „Test“, der ältere Menschen nervös macht.

Essen..  Neulich hatte Auguste E. „eine Prüfung“. Mit 94! Nun weiß Frau E. nicht, dass sie schon so alt ist und auch nicht, dass es nicht wirklich eine Prüfung war. „Ich komme von der Krankenkasse“, hat der Besuch gesagt. „Die haben mich geschickt, um mal nach Ihnen zu sehen.“ Auguste hat sich trotzdem angestrengt und Dinge getan, die sie eigentlich nicht mehr kann: „Habe ich jetzt bestanden?“ Jedenfalls bekommt sie künftig Pflegestufe II.

Auguste E. ist schon im Speisesaal des Seniorenheims, als der Medizinische Dienst kommt, aber sie sieht nicht hin. „Man sitzt, aber man bewegt sich nicht“, sagt Ulrich Möller betrübt. Möller hat den Antrag auf Höherstufung bei der Krankenkasse gestellt, zum wiederholten Male schon, seine Schwiegermutter braucht immer mehr Hilfe. „Bluthochdruck, Taubheitsgefühle, Niereninsuffizienz, eingeschränkte Sehfähigkeit“ stehen in ihrer Diagnose. Vom krummen Rücken steht da nichts, von ihren Ängsten nicht und nichts davon, dass sie kaum mehr gehen kann und ihre Augen so blind sind, dass sie die Finger der Gutachterin nicht mehr zählen kann.

Nur „eine Momentaufnahme“

„Ich heiße Caspers“, sagt die jetzt schon zum dritten Mal, Tanja Caspers, Pflegefachkraft, sie macht das jetzt seit 15 Jahren. Zwölf Seiten wird sie in der nächsten Stunde ausfüllen an ihrem Laptop, Minuten der Pflege addieren, Meter zur Toilette, Hilfsmittel: „Pflegebett, Rollator, Brille, Duschstuhl . . .“ Mit den Pflegerinnen reden und mit Auguste E., soweit das geht. „Eine Momentaufnahme“, sagt Caspers. Aber genug, um zu sehen: Die „beginnende Demenz“, die der Neurologe vermerkte, ist längst eine fortgeschrittene.

„Warum wird man denn hier getestet?“, fragt Auguste E. unsicher. „Ich teste Sie nicht“, beruhigt Tanja Caspers, und tut es ja doch. Fragt die kleine Frau, wie alt sie ist, was sie nicht weiß. Fragt sie nach dem Namen der betreuenden Schwester, den sie nicht kennt. Dabei sitzt Schwester Sarah gegenüber. Fragt sie, wie lange sie schon wohnt in diesem Haus. „Schon länger, meine ich.“ Die Gesichter der Menschen auf den vielen Fotos in ihrem Zimmer sagen Auguste E. nichts.

„Sie ist in ein großes Loch gefallen“

Freundlich legt Caspers ihre Hände auf die faltigen von Frau E., die nervös mit den Zähnen mahlt. Ob sie mal aufstehen könne? Kann sie nicht, hat das Personal gesagt, aber heute kann sie. „Ist ja klar, wenn Besuch da ist“, wird Tanja Caspers später sagen. Sie hat auch schon erlebt, dass sonst gebrechliche Männer ihr in den Mantel halfen. „Die Angehörigen schlagen dann die Hände über dem Kopf zusammen, aber wir sind da feinfühlig genug.“ Und die 94-Jährige hier versteht ganz offensichtlich nicht, dass es auf ihr Können heute gerade nicht ankommt.

Sondern darauf, was davon verloren ging im vergangenen Jahr. Es war nach dem Tod ihrer Schwester, sagt Ulrich Möller, „sie waren sehr eng miteinander“. Depressiv wurde seine Schwiegermutter, die bereits Mann und Tochter verlor, „sie ist in ein großes Loch gefallen“, begann zu vergessen: ihre täglichen Wege, dass sie Medizin nehmen muss, essen und trinken. Dass der linke Arm schon gewaschen ist, sie aber auch noch einen rechten hat. „Kleinschrittig anleiten“, sagt Schwester Sarah, müsse man Auguste E.. Sie sei „sturzgefährdet, orientierungslos. Sie weiß meist gar nicht, wo sie ist.“

Leistungen werden fast verdoppelt

Was Tanja Caspers im Rechner notiert, ist der Pflegebedarf in Minuten. „Zweimal täglich Grundpflege, zweimal Medikamentengabe, viermal Mahlzeiten, acht bis zehn Toilettengänge pro Schicht.“ Für den Weg zum Speisesaal kann sie nur acht Meter anrechnen, obwohl er über einen langen Flur und zwei Stockwerke führt: Es gelten die Regeln der Häuslichen Pflege, weil Auguste E. im „Betreuten Wohnen“ lebt.

Ein „Messinstrument“ nennt Caspers ihr Manual, das auch Gutachter nicht glücklich mache. „Traurig“ nennt Ulrich Möller das System: „Ein Mensch besteht aus Minuten.“

Bei Auguste E., immerhin, sind es so viele geworden, dass Tanja Caspers der Kasse guten Gewissens empfiehlt: Diese Frau kommt nicht mehr aus mit Pflegestufe I. Rückwirkend zum Antrag stehen der alten Dame 1284 Euro im Monat zu, statt 689 wie bisher. Die frühere Sekretärin wird das nicht erfahren – oder sofort wieder vergessen. Wie vielleicht auch die Sorge, mit der sie Tanja Caspers nachblickt: „Habe ich denn alles richtig gemacht?“