Grundkurs Platzwart - zwischen Kaninchenlöchern und Würmern

Timo Klein, Andreas Hollmann und Martin Stadelmann begutachten ausschnittsweise den Fußballplatz von DJK St. Hubert.
Timo Klein, Andreas Hollmann und Martin Stadelmann begutachten ausschnittsweise den Fußballplatz von DJK St. Hubert.
Foto: kai kitschenberg
Was wir bereits wissen
Über seinen Platz muss der Platzwart alles wissen. Für die Grundlagen sorgt ein Fortbildungsangebot: Doch der Weg zum „Geprüften Platzwart“ hat Tücken.

Kempen.. Ein guter Platzwart arbeitet ja Hand in Hand mit dem Regenwurm. Dr. Clemens Mehnert kann das gar nicht genug predigen, der Papst, ach was, der Gottvater des deutschen Fußballrasens – ihn fragt selbst Uli Hoeneß, wenn es darum geht, was das Gras will. „Es gibt unterspülte Plätze durch Regenwurmaktivität“, sagt Mehnert: „Man könnte ihn töten, aber dann steht der Platz schnell unter Wasser!“ Doch bis zum Kursende sollten seine Zuhörer wissen, wie sich Wurm und Platz vertragen.

Schiedsrichter Sie sitzen nämlich im „Grundkurs Platzwart“. Einwöchig, mit Abschlussprüfung, und wer auch noch die Aufbaukurse 1 und 2 anhängt und besteht, darf den Titel „Geprüfter Platzwart“ führen. Damit nicht genug: Der Abschluss wird „auf den Greenkeeper-A-Kurs angerechnet“, so der Veranstalter – Fußballplätze sind halt oft ein bisschen hintendrein, pflegemäßig, verglichen mit den hochgezüchteten Anlagen der Kollegen vom Golf.

Auch die Bundesliga ist vertreten

Doch hinein in die Praxis. Drei Kleinbusse fahren an diesem Frühlingstag am Platz des DJK St. Hubert vor. Der spielt in Kempen, 30 Kilometer westlich von Duisburg, und ist so freundlich, seinen Platz einmal im Jahr zur Verfügung zu stellen für den Fortschritt des deutschen Platzwartwesens.

Die Männer steigen aus, ein erster Blick ins Rund. „Voller Gänseblümchen, was ist denn das?“ Man merkt es schon, hier kommen Profis: Grünpfleger etwa der Städte Kaarst und Neuss, Angestellte von Anlagenbauern, Vertreter von HSV und Darmstadt 98 sowie jene Kleingruppe, die einer Limousine mit dem verdächtigen Kennzeichen „L-RB . . .“ entstieg.

„Zusammen mit der AG Rasen des DFB“

Und Wolfgang Prämaßing natürlich, der „Fachbereichsleiter Greenkeeping“ bei der Deula Rheinland. Das ist eine im Landwirtschaftlichen verwurzelte Fortbildungseinrichtung, bei der man auch den Schlepper-Führerschein machen kann oder Motorsägenkurse – oder eben seinen Platzwart. Die Kursinhalte, erzählt Prämaßing, wurden erstellt „zusammen mit der AG Rasen des DFB“; und wenn die Deula-Leute nicht selbst unterrichten, holen sie sich schnell „Fachdozenten aus der Rasenszene“.

Wie Mehnert eben, den schlitzohrigen Bayern mit Strandhut. „Verschaffen Sie sich einen ersten Eindruck von dem Platz!“, hat er seine Schüler aufgefordert. Und so kommt es, dass 24 erwachsenen Männer jetzt in Kleingruppen über den Platz schlendern, an Halmen ziehen, besonders energisch auf den Rasen treten oder – ganz im Gegenteil – denselben zärtlich streicheln. „Das ist auf jeden Fall Wiesenrispe“, stellen sie fest. „Hier wird unregelmäßig gemäht.“ „Risslinge punktuell herausgerissen.“ Doch mit einer einfachen Frage führt Dr. Mehnert sie an ihre Grenzen: „Woran können Sie sehen, dass der Platz im Winter bespielt wurde?“

Kollektives Starren in den Rasen. Bis er sagt: „Flutlichtmasten!“

Kaninchenlöcher und kahle Stellen

Da stehen die Männer, haben ihre Profilstechspaten parat und ihre Bodensonden, Feldrahmen, Zollstöcke, Taschenmesser und dürfen jetzt endlich dem Platz zu Leibe rücken und das Gras von unten sehen: Ein guter Platzwart muss selbst graben, haben sie eben gesagt bekommen, „genau wie ein Chirurg schneiden muss. Das ist ein Diagnoseverfahren“.

Später werden sie auch noch kollektiv den Rasen abschreiten und unter Mehnerts gut gelaunter Leitung die speziellen Probleme der DJK besprechen: Kaninchenlöcher – „Hütchen drauf!“, ruft einer, wahrscheinlich ein Anfänger. Kahle Stellen im Fünf-Meter-Raum. Die Beregnungsanlage, „die ist eine richtige Kuhle“, weil sie nicht wie jeder Rasenplatz leicht in die Höhe gekommen ist. „Und wer ist für all das verantwortlich?“ – „Der Platzwart!“, rufen die Platzwarte.

Düngen und aerifizieren,besanden und vertikutieren

Alles in allem ist das Urteil aber hervorragend: „Wenn der Platz auch noch gestriegelt wäre, würde er ,Hurra’ schreien“, sagt einer der Kursteilnehmer. So geht es über Stunden weiter, einen ganzen Nachmittag lang: über Düngen und Aerifizieren, über Vertikutieren, Besanden und Tieflockern. Und morgen Vormittag ist wieder Theorie: Die Bedeutung von Beschattung. Die Bestimmung von Sportrasengräsern. Scherfertigkeit. Tiefschnittverträglichkeit. Bewässerungsmanagement.

Inzwischen sieht man Rasen mit ganz anderen Augen an.

Als es zurückgehen soll zu den Kleinbussen, stehen drei Platzwarte noch etwas länger beisammen. Sie vergleichen ihre Profilstechspaten. „Unsere sind länger“, sagt einer.