Freitagsgebet hinter Gittern soll Terror-Werbung entschärfen

Gefangene der JVA Gelsenkirchen beten mit Imam Kadir Dogen und dem Ditib-Regionalbeauftragten Necati Bilgin.
Gefangene der JVA Gelsenkirchen beten mit Imam Kadir Dogen und dem Ditib-Regionalbeauftragten Necati Bilgin.
Foto: Volker Hartmann
Was wir bereits wissen
Die JVA Gelsenkirchen will mit ihrem seelsorgerischen Angebot verhindern, dass junge Muslime im Gefängnis von Islamisten radikalisiert werden.

Gelsenkirchen.. Die Attentäter von Paris wurden im Gefängnis radikalisiert. Dort trafen sie auf einen gewaltbereiten Islamisten, der sie nachhaltig prägte. Auch der Spanier Jose Emilio Suarez Trashorras, der vor zehn Jahren den Sprengstoff für die Anschläge auf zwei Pendlerzüge in Madrid organisierte, wurde erst im Gefängnis radikaler Islamist. Doch wie kann das Abdriften junger Muslime in Haftanstalten verhindert werden?

Die Justizvollzugsanstalt in Gelsenkirchen glaubt, einen Weg gefunden zu haben. Sie hält für muslimische Gefangene seelsorgerische Angebote parat und lädt hinter den Anstaltsmauern zum Freitagsgebet ein.

Selbst nach Paris ist es ruhig geblieben

,,Bislang läuft hier alles gut. Selbst nach Paris ist es ruhig geblieben“, sagt Ralf Bothge, stellvertretender Anstaltsleiter. Doch auch für seinen Geschmack könnte das Angebot umfangreicher sein. Denn während für die 450 katholischen und evangelischen Gefangenen drei festangestellte Pfarrer zur Verfügung stehen, kümmert sich um die Muslime ein ehrenamtlicher Vertreter der Ditib-Gemeinde. Während die Christen 24 Stunden am Tag seelsorgerische Hilfe beanspruchen könnten – auch allein in ihrer Zelle – können Muslime das lediglich einmal im Monat in der Gebetsstunde tun. Imamen ist der Zugang zu den Zellen für ein Vier-Augen-Gespräch verwehrt.

Die JVA in Gelsenkirchen-Feldmark gilt in dieser Angelegenheit als fortschrittlich. ,,Es gab religiöse Gruppierungen. Auch wenn wir ihnen nicht mit Misstrauen begegnet sind, wollten wir wenigstens einen Fuß in der Tür haben“, sagt Anstaltsleiter Carsten Heim. Er wollte wissen, ob es in diesen Gruppen „brodelt“. Das Angebot von Ditib Gelsenkirchen und dem türkischem Konsulat nahm die JVA daher gerne an.

Liebe und Respekt

,,Wir vertrauen den Imamen“, sagt Heim. Weil niemand arabisch oder türkisch spricht, verlasse man sich auf die Übersetzungen von Ditib. Dass die Gemeinde einen Imam schicken könnte, der die Gefangenen zu Hass und Gewalt animiert, kann und will sich die JVA nicht vorstellen.

Angst, dass Muslime im Gefängnis radikalisiert werden könnten, ist nach Angaben von Necati Bilgin von der Ditib-Gemeinde unbegründet. Er übersetzt die Worte des vom Konsulat bestellten Imams. ,,Was hier gepredigt wird, legt die Predigtkommission in Köln fest. Die Inhalte kann man im Internet abrufen“, sagt Bilgin. Er wartet auf die Inhaftierten, die am Freitagsgebet teilnehmen wollen. Dann kommen sie: elf junge Männer in Jeans. Sie knien auf Gebetsteppichen nieder, beugen die Köpfe vier-, fünfmal vor, bis sie fast den Boden berühren. Dann richten sich ihre Augen auf den Imam. Der trägt Bart, Turban, ein wallendes Gewand und spricht im Gebetsraum von Liebe und Respekt. Er zieht die stummen Männer in seinen Bann. „Allahu akbar“, „Gott ist groß“, tönt es dann durch den hohen Raum.

Ein Gesprächspartner, der Halt gibt

„Wir lehren den Koran. Viele wissen gar nicht, was darin steht“, sagt Veli Firtina, Vorsitzender des Ditib-Regionalverbandes. Das Wissen um den Koran oder die Korrektur falscher Interpretationsansätze soll einer Radikalisierung vorbeugen. Firtina will sich dafür einsetzen, dass das Land die Bedürfnisse von muslimischen Gefangenen berücksichtigt und Imame finanziert: „Auch diese Menschen brauchen einen Gesprächspartner, der ihnen Halt gibt und sie wieder aufrichtet.“

Justizministeriumsieht den Bedarf

Andere Haftanstalten in NRW verzichten gänzlich auf Angebote für Muslime. Zwar besagt das Gesetz, dass muslimische Gefangene religiöse Rechte haben, doch deren Umsetzung ist den Ländern und Gefängnissen frei gestellt. Wie viele Imame ehrenamtlich hinter Gittern unterwegs sind, darüber macht das Justizministerium keine Angaben. „Wir wissen, dass der Bedarf da ist und die Seelsorge immer wichtiger wird“, sagt ein Sprecher.