Forscher der Uni Bochum suchen von Chile aus neue Planeten

Der Astrophysiker Rolf Chini steht neben einem kleinen Teleskop unter dem Dach der Ruhr-Universität.
Der Astrophysiker Rolf Chini steht neben einem kleinen Teleskop unter dem Dach der Ruhr-Universität.
Foto: Volker Hartmann
Der Astronom Rolf Chini betreut die „Universitätssternwarte Bochum“. Sie steht auf einem Berg im Norden Chiles, wo die Sicht ins All exzellent ist.

Bochum.. Wo die Milchstraße nachts so leuchtet, dass der Mensch Schatten wirft, da steht Deutschlands einzige Auslandssternwarte offensichtlich richtig: auf dem Berg Cerro Armazones im Norden von Chile. Es gibt hier keine Luft- und keine Lichtverschmutzung, die nächste störende Stadt ist 150 Kilometer entfernt, und 350 Nächte auf dem Berg sind, nun ja, sternenklar – im Ruhrgebiet sind’s ganze 40. Da soll man nicht zum Forschungsflüchtling werden.

Ab und zu kommt ein Mechaniker in diese „Universitätssternwarte Bochum“, öfter versinkt hier in 2800 Metern Höhe ein Doktorand für Wochen in arbeitsamer Einsamkeit; aber im eigentlichen Sinn gesteuert werden die Teleskope von der Ruhr-Universität aus. Von Gebäude NA, wo der Astrophysiker Professor Rolf Chini im siebten, im obersten Stock – dem Weltall so nah – die Fäden der Rechner zieht. Was für ein schönes schiefes Bild!

„Da ist noch viel Stoff für Doktorarbeiten“

„Als guter Astronom bekommen Sie an großen internationalen Teleskopen ein paar Stunden Messzeit pro Jahr“, sagt Chini: So überbucht sind die. Die Folge ist klar: Was sich am Himmel über lange Zeiträume hinweg ändert, wird nicht wahrgenommen, wenn jeder Forscher sozusagen nur ein paar Schnappschüsse machen kann.

Deshalb machen die Bochumer an ihrem eigenen Teleskop genau das Gegenteil: jede Nacht 248 Fotos von unserer Galaxie, der Milchstraße. Und das seit fünf Jahren. Immer dieselben 248 Ausschnitte. Jede Nacht. Da findet man schon Dinge, die sich ändern: „64 000 variable Phänomene, davon wurden 57 000 durch uns gefunden“, sagt der 64-jährige Chini: „Da ist noch viel Stoff für Doktorarbeiten.“

Sonnen, die plötzlich aufleuchten, weil noch mehr Gas auf sie fällt. Sonnen, deren Lichtspektrum sich mehr ins Rote und dann wieder mehr ins Blaue verschiebt. Die Schwankungen belegten, dass in vielen Sonnensystemen sich zwei Sterne um einen Schwerpunkt drehen. Keine Angst, wir wollen das jetzt nicht vertiefen; aber jedenfalls ist dadurch ein Teil der bisherigen Theorien zertrümmert, wie Sterne entstehen. Die ganze Astronomie zerbricht sich gerade den Kopf darüber.

1500 Planeten hat der Mensch bisher entdeckt

Optisch hätte man das über die doch größere Entfernung nie herausgekriegt, aber, ehrlich gesagt, kein Astronom guckt heute mehr durch ein Fernrohr. „Das geht auch gar nicht, an den Geräten hängen überall Empfänger dran.“

Und so suchen die Bochumer weiter nach Planeten und jungen Sternen und haben völlig theoriewidrig in der Nähe junger Sterne noch keine jungen Planeten gefunden. „Kann sein, dass auch die Theorie nicht stimmt.“ Da ist das All so alt und stetig, doch die Astronomie ist im ständigen Umsturz. „Bis zur Entdeckung des ersten Planeten außerhalb unseres Sonnensystems 1996 gab es auch in der Astronomie die Meinung, unser Sonnensystem sei eine Laune der Natur“, sagt Chini. Heute ist der Stand: „Planeten muss es geben wie Sand am Meer.“ Entdeckt sind etwa 1500.

Lieber Herr Chini, 57 000 variable Objekte, die Entstehung von Sternen, wie werde ich Planet, schön und gut – wem nützt das? „Im Alltag des Menschen ist es bedeutungslos“, sagt Chini: „Aber wenn nicht vor 400 Jahren Leute sich Gedanken gemacht hätten über Astronomie, dächten wir heute noch, die Erde sei eine Scheibe und der Mittelpunkt des Alls.“

Europa baut in Chile das größte Teleskop der Welt

Und natürlich spielt in sein Fach die unbezähmbare menschliche Neugier. Da sind Astronomen innerlich nicht weit weg von Menschen, die vor 10 000 Jahren von ihrer Insel fortruderten, nur um zu gucken: Ob es wohl noch eine andere Insel gibt? Wahrscheinlich riefen die Lieberdaheimbleiber ihnen damals hinterher: Wem nützt es?

Doch zurück nochmal nach Chile, Chinis „bestem Platz“. Wie zur Bestätigung, werden die Europäer dort in den nächsten Jahren das weltgröße Teleskop bauen. Und dann Planeten nach Bioindikatoren abscannen, etwa nach Sauerstoff. Denn freier Sauerstoff wäre der Beweis, dass es dort wenigstens Gräser oder Algen gibt. Also Leben. Wem das nützt? „Das ändert unser ganzes kulturelles Erbe, die Theologie, die Philosophie, wenn wir herauskriegen: Leben ist in den Naturgesetzen enthalten.“