Essen wird Europas Grüne Hauptstadt

Pause am Baldeneysee für Barbara (47) und Markus (42) – mit alkoholfreiem Weizen: Das überregionale Radwegenetz war ein wichtiger Punkt der Bewerbung.
Pause am Baldeneysee für Barbara (47) und Markus (42) – mit alkoholfreiem Weizen: Das überregionale Radwegenetz war ein wichtiger Punkt der Bewerbung.
Foto: Lars Heidrich
Was wir bereits wissen
Essen siegte im zweiten Anlauf. Sie punktete mit der Renaturierung der Emscher und dem geplanten Baden in Ruhr und Baldeneysee.

Bristol..  Als Europas Kommissar für Umweltfragen, Karmenu Vella, bei der Preisverleihung im Herzen Bristols den Umschlag mit dem Namen des Titelträgers 2017 öffnet, ist die Spannung greifbar. „The winner is ... Essen!“

Ja, Essen wird 2017 „Grüne Hauptstadt Europas“. In der Delegation aus der Ruhrstadt brandet Jubel auf. Selbst Oberbürgermeister Reinhard Paß (SPD), sonst nicht gerade für Emotionsausbrüche bekannt, entfährt kurz darauf ein „Wow“, als er am Mikrofon zu einer kleinen Dankesrede ansetzt. Im Finale um den Titel, den die Europäische Kommission einmal im Jahr vergibt, setzte sich Essen gestern gegen Mitbewerberstädte aus den Niederlanden (s’Hertogenbosch und Nimwegen) und aus Schweden (Umeå) durch.

Die EU will mit dem Titel Städte mit mehr als 100 000 Einwohner motivieren, sich nachhaltig für die Umwelt und die Lebensbedingungen ihrer Bürger einzusetzen. Und die Freude bei den Essenern ist groß. „Wir sind superglücklich“, sagt Umweltdezernentin Simone Raskob. Sie gilt als die treibende Kraft hinter der Bewerbung. Schon einmal, 2014, war Essen ganz dicht dran am Titel; in der sieben Köpfe zählenden Jury soll damals nur eine Stimme für Essen gefehlt haben.

Dieses Mal jedoch ging die Stadt als Favorit ins Rennen, als Erstplatzierter bei der sogenannten technischen Bewertung. Im Finale dann konnte Essen mit der Renaturierung der Emscher und ihrer Zuläufe punkten. Der geplante Radschnellweg von Hamm nach Duisburg war Bestandteil der Bewerbung wie auch das Baden in Ruhr und Baldeneysee, das 2016 wieder erlaubt sein soll.

„Ein spannendes Jahr“

Die Umweltdezernentin verspricht den Bürgern nun ein spannendes Jahr. „Wir geben ihnen die Flüsse zurück“, sagt Raskob. Für 2017 soll ein vielfältiges Programm her. Nichts, was sich mit dem des Kulturhauptstadtjahres wird messen können, dämpft Raskob die Erwartungen. Schließlich fehlen der Stadt die Mittel. Deshalb heißt es, Klinken putzen. 40 Unternehmen und Institutionen hätten ihre Unterstützung bereits zugesagt. Zum Vergleich: Das wohlhabende Hamburg, Titelträger 2010, wendete für das Grüne Hauptstadtjahr neun Millionen Euro auf. Die Hälfte kam aus Fördertöpfen der EU.

Doch nicht jedes Event muss immense Summen kosten. Angedacht ist, eine der vielen Hauptverkehrsstraßen der Stadt einen Tag lang für den Autoverkehr zu sperren, um darauf ein großes Fest zu feiern, ähnlich wie 2010 das „Still-Leben“ auf der A40. Essens zwölf Europaschulen sollen mit eingebunden werden und auch die Messe als Veranstaltungsort für Kongresse zu Umweltthemen. Auch bei anderen „Grünen Hauptstädten“ will Raskob Anregungen suchen. In Bristol zum Beispiel haben sie in diesem Jahr 10 000 Bäume gepflanzt, 35 000 sollen es werden.

„Der Preis ist der Beweis dafür, dass wir eine Stadt mit hoher Lebensqualität sind, die wir weiter ausbauen“, sagt Essens Oberbürgermeister Paß, der die Auszeichnung von EU-Umweltkommissar Karmenu Vella entgegennahm. Vom Titel verspricht man sich eine höhere nationale und internationale Aufmerksamkeit.

Und vieles soll im Verborgenen wirken über 2017 hinaus. Die EU hat den Wettbewerb so angelegt, dass die Titelträger voneinander lernen. Der Grundgedanke: Über Lebensqualität entscheiden in erster Linie die Städte selbst. Dass es auch um Fördergelder geht, die auch in Brüssel vergeben werden, hatte Essen bei seiner Bewerbung von Beginn auf der Rechnung.

Gegen Kürzungen im Nahverkehr

Der Titel tatsächlich ist für die Stadt eine Herausforderung. Weckt er zu hohe Erwartungen? „Ich will das nicht ausschließen“, sagt Oberbürgermeister Reinhard Paß unmittelbar nach der Preisverleihung. Der OB wird dabei auch an die aktuelle Spardebatte gedacht haben. Kürzungen im Öffentlichen Nahverkehr dürften sich in einer „Grünen Hauptstadt“ schwerer durchsetzten lassen. Gestern, in Bristol, formuliert Paß es so: „Grün ist ein Gewinnerthema“.