Eine Trümmerfrau berichtet: „Einer musste es ja tun“

Die ehemalige „Trümmerfrau“ und Rentnerin Gerda Thelen aus Hattingen
Die ehemalige „Trümmerfrau“ und Rentnerin Gerda Thelen aus Hattingen
Foto: Volker Hartmann
Was wir bereits wissen
WAZ-Leserin Gerda Thelen erinnert sich an ihre Zeit als Trümmer schleppendes Kriegskind: Das Schwerste war die Schlepperei.

Hattingen.. „Mythos... Das klingt so komisch, fast schleierhaft“, meint die Hattinger WAZ-Leserin Gerda Thelen. „Die Trümmerfrauen – die gab es doch wirklich, das waren doch wir!“

Sie und ihre Zwillingsschwester zum Beispiel. Gerade 13 sind die beiden Mädchen, als sie im Dezember 1945 zum „Steineklopfen“ abkommandiert werden. Als Freiwillige, unbezahlt. Damals lebt Gerda Thelen noch in Aachen; sie besucht die Klosterschule „Maria im Tann“ und wohnt auch dort. Die Mutter ist gerade gestorben („mit 32, an Tuberkulose!“), der Vater in Gefangenschaft. „Und Aachen war total kaputt“, erinnert sich die heute 83-Jährige.

Das herrliche „Waldschlösschen“ war eine Ruine

Auch das herrliche „Waldschlösschen“ im Aachener Wald, ganz in der Nähe von Gerda Thelens Schule: eine Ruine. Sie und ihre etwa 40 Mitschülerinnen leiten unter der Aufsicht einer Nonne den Wiederaufbau ein; sie räumen auf, sie sortieren, sie klopfen den Zement von jedem einzelnen Stein, sie schichten die schweren Brocken anschließend Stück für Stück in gewaltigen Bergen fein säuberlich auf. Sechs Stunden am Tag, danach wurden die Mädchen wieder in Küche und Bäckerei der Schule gebraucht. Das „Unangenehmste“, erklärt Gerda Thelen, „war die Schlepperei. Die Steine waren wirklich schwer. Abends war man schon sehr erschöpft.“

Trümmerfrauen Ihre Schwester trifft ein dicker Backstein mit voller Wucht am Kopf, als sich die Mädchen die Brocken in langer Kette gegenseitig zuwerfen. „Zum Glück nur eine Gehirnerschütterung“, sagt die Hattingerin. Überhaupt, beschweren mag sie sich nicht: „Sicher, keiner von uns das gern gemacht. Die Arbeit war sehr anstrengend, und wir waren noch klein.“ Ihren beiden eigenen Kindern hätte sie so etwas gewiss nicht zumuten wollen, aber: „Kriegskinder sind hart im Nehmen. Und einer musste es damals ja tun...“

Waldschlösschen wieder aufgebaut

Tatsächlich, sagt Gerda Thelen, sei das Waldschlösschen auch wieder sehr schön aufgebaut worden. Mit ihrem Mann sei sie später einmal zum Kaffeetrinken da gewesen. „Sehr nett.“ Aber Stolz auf das Geleistete, nein, den empfindet sie nicht. „Krieg ist als Ganzes schlimm. Da gibt’s absolut nichts, worauf man stolz zurückblicken könnte.“

Aber das wollte sie ja gar nicht erzählen. Bei der WAZ habe sie nur angerufen, um die Sache mit dem Mythos und den Trümmerfrauen anzusprechen. „Was diese Historikerin Frau Treber geschrieben hat, das kann man so nicht stehen lassen!“