Deutlich mehr Autounfälle durch Drängelei auf den Straßen

Lichthupe, Blinker, viel PS: Ein aggressiver Drängler auf der Autobahn A2 in Recklinghausen.
Lichthupe, Blinker, viel PS: Ein aggressiver Drängler auf der Autobahn A2 in Recklinghausen.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Die Drängelei auf deutschen Straßen nimmt zu: Jeden Tag gibt es 190 Verletzte durch Aggression im Verkehr - deutlich mehr als noch vor vier Jahren.

Ruhrgebiet.. Die grellen Lichter im Rückspiegel rasen heran. Da kommt schon die Lichthupe, Sekunden nur, dann hängt der Drängler auf der Stoßstange – vielleicht drei Meter Abstand hält er noch. Dabei ist man doch selbst gerade im Überholvorgang: rechts der Laster, vor einem drei weitere Autos. Es geht einfach nicht schneller. Und dann macht noch einer Stress. Wegen eines winzigen Zeitvorteils, spielt er mit unseren Leben.

Autofahrer können solche Situationen täglich erleben. Die Drängelei auf deutschen Straßen nimmt stark zu – mit schwerwiegenden Folgen. Während die Zahl der Unfälle mit Personenschaden insgesamt sinkt, steigt der Anteil der schweren Crashs, die durch mangelnden Abstand verursacht sind, seit mindestens fünf Jahren deutlich an: in NRW um 11 Prozent, im Bund gar um 15,7 Prozent. Das ergibt eine Auswertung der polizeilichen Unfallstatistik für die Jahre 2011 bis September 2015.

69 .423 Menschen bundesweit wurden 2014 durch Drängler verletzt

WAZ-Aktion Im Jahr 2014 kamen durch diese Aggression auf deutschen Straßen jeden Tag rund 190 Autofahrer zu Schaden (zum Vergleich 2011: 164 pro Tag). Jeder siebte von ihnen wurde schwer verletzt. Alle 66 Stunden starb ein Mensch durch Drängeln. 13,6 Prozent beträgt die Zunahme bei den Unfällen in vier Jahren, 15,7 Prozent bei den Verletzten.

Doch die Fachwelt scheint diesen rapiden Anstieg der drängelbedingten Unfälle schlicht übersehen zu haben. Siegfried Brockmann, oberster Unfallforscher beim Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft, gibt seine Überraschung unumwunden zu: „Das ist mir nicht aufgefallen. Es gibt auch keine Studie zur Unfallursache Abstand oder zum Thema Aggression im Straßenverkehr.“ Auch beim ADAC und beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat: Fehlanzeige.

Für eine Zunahme der Aggressivität im Straßenverkehr spricht allerdings die Einschätzung von Verkehrspolizisten. Nötigungsdelikte auf den Straßen seien vor fünf Jahren noch eine Randerscheinung gewesen, erklärt Jürgen Fix, Leiter der Verkehrsdirektion Oberhausen. „Mittlerweile laufen jeden Tag ein oder zwei Fälle ein. Die Anlässe werden immer banaler.“ Verkehrsteilnehmer würden ausgebremst, beschimpft, bespuckt oder bedroht, etwa weil sie angeblich zu langsam gefahren seien, so Fix. „Ja, die Aggressivität nimmt eindeutig zu.“

Jedes Auto ist dem anderen ein Hindernis

Experten tun sich jedoch schwer mit Erklärungen. „Es kann sein, dass die hinten Fahrenden abgelenkt sind durch Handys“, sagt Siegfried Brockmann von der Unfallforschung der Versicherer (UDV). „Oder die Polizei trägt nur die naheliegende Unfallursache ,Abstand’ in ihre Statistik ein.“ Eine gesicherte Erkenntnis gebe es nicht. Tatsächlich werden die Straßen auch immer voller. Laut Kraftfahrtbundesamt ist die Zahl der Fahrzeuge seit 2009 um rund vier Millionen gestiegen. Und jedes Auto ist dem anderen ein Hindernis.

„Dass die Aggressivität und das Durchsetzen der eigenen Rechte auf der Straße zugenommen hat, ist zumindest das allgemeine Bauchgefühl“, sagt Brockmann. Auf die Delikte Geschwindigkeitsüberschreitung, riskantes Überholen, Schneiden und Drängeln entfallen nach einer Datenbankauswertung der UDV rund ein Drittel aller im Straßenverkehr Getöteten. Brockmann: „Da nicht zu erwarten ist, dass die Polizei die Kontrolldichte in den nächsten Jahren nach oben schrauben kann, muss man darüber nachdenken, die Bußgelder für solche Aggressionsdelikte anzuheben. Im Vergleich zu anderen Ländern sind sie sehr niedrig.“

Tatsächlich gibt es – anders als in Deutschland – zumindest in der Schweiz Schätzungen, nach denen aggressive Autofahrer bis zu zehn Prozent aller Unfälle verursachen.

Der Straßenverkehr, ein Abbild der Gesellschaft

Auch Dr. Peter Meintz vom ADAC Westfalen glaubt, dass die unklar definierte Aggression zugenommen hat. „Möglicherweise weil die Wahrscheinlichkeit geringer geworden ist, erwischt zu werden. Die Polizei hat im Verkehrsbereich deutlich Stellen eingespart. Wir sehen auch, dass sich die Blinkquote um etwa 20 Prozent reduziert hat. Letztlich ist der Straßenverkehr ein Abbild der Gesellschaft.“

Und die steckt voller Widersprüche: Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat wollte für seine Kampagne „Runter vom Gas“ wissen, was Autofahrer als das größte Risiko ansehen. Antwort Nummer eins: zu dichtes Auffahren bei hohen Geschwindigkeiten (70 %). Doch auf die Frage, wie man auf langsame Fahrer auf der linken Spur reagiert, sagten auch 82 Prozent: mit Lichthupe und Blinken.

Polizist beobachtet immer mehr Ausraster im Straßenverkehr

„Man ist versucht zu sagen: Wir sind im Wilden Westen.“ Verkehrskommissar Michael Malkowski aus Oberhausen bekommt jeden Tag Fälle wie diesen auf seinen Schreibtisch: Einem Pizzaboten geht es nicht schnell genug durch die Baustelle auf der Weseler Straße. Lichthupe, ein riskantes Überholmanöver, dann stellt der Bote sich quer vor den anderen Fahrer, zieht ihn förmlich aus dem Auto, schüttelt und beschimpft ihn.

Das war im August. Im November, gleiche Straße: Eine Dame wird aus ähnlichen Gründen als Schlampe und Hure bezeichnet. Der Aggressor spuckt ihr ins Gesicht. So erging es jüngst auch ei­nem Radfahrer an einer Ampel an der Mülheimer Straße. Er war wohl nicht schnell genug gefahren.

Eingebildete Ehrverletzungen

Banalitäten, „eingebildete Ehrverletzungen“ führen immer häufiger zu solchen Ausrastern, sagen Malkowski und sein Chef Jürgen Fix, der Leiter der Verkehrsdirektion Oberhausen. Sie haben keine Statistik über Nötigung auf den Straßen, aber ihre Einschätzung ist eindeutig: Die Aggressivität nimmt zu.

„Es sind vor allem Leute in gesetztem Alter“, sagt Malkowski: „35 bis 50 Jahre. Und auch bei den Älteren fängt es an.“ Ein erhöhter Anteil habe eine Migrationsgeschichte, tatsächlich ziehe sich dieses Verhalten aber durch alle Gesellschaftsschichten. Auch Po­lizisten würden häufiger angepöbelt. Von Eltern zum Beispiel, die dreist vor Schulen parken, von Leuten, die Verkehrsregeln gebrochen haben, aber auf Angriff als Verteidigung setzen. „Pampiges, großkotziges Verhalten ist fast die Regel geworden“, sagt Fix.

Woran es liegt? Malkowski: „Es ist ein großes Unverständnis da, warum der andere zum Beispiel den Parkplatz bekommt und ich nicht.“ Neid, Ungeduld und mangelnder Triebaufschub. „Vielleicht werden diese Verstöße auch nicht ausreichend geahndet“, sagt Fix. Zu viele Verfahren würden eingestellt. „Wir geben allerdings immer auch dem Straßenverkehrsamt Bescheid“, ergänzt Malkowski, „damit es gegebenenfalls die charakterliche Eignung überprüft.“