Der Mutter-Kind-Knast - Aufwachsen im Gefängnis

Heile Welt im Frauengefängnis Fröndenberg:  Auch der Tochter von Mona soll auf der „Station“ ein geschützter Raum geboten werden.
Heile Welt im Frauengefängnis Fröndenberg: Auch der Tochter von Mona soll auf der „Station“ ein geschützter Raum geboten werden.
Foto: Jakob Studnar
Was wir bereits wissen
In Fröndenberg wachsen Kinder bis sechs Jahre bei ihren in Haft sitzenden Müttern auf. Die in NRW einzigartige Einrichtung ist für viele wohl ein Glücksfall.

Fröndenberg.. Wenn sie könnte, würde sie alles ungeschehen machen. Dann würde sie arbeiten, sich um den Haushalt kümmern, aber vor allem für ihre Kinder da sein. Doch sie kann nichts ungeschehen machen und muss für ihre Tat teuer bezahlen. Ihre beiden Söhne sieht sie alle 14 Tage, und ihrer kleinen Tochter wird sie bald erklären müssen, dass ihr Zuhause ein Frauengefängnis ist. Mona (30) verbüßt eine zweijährige Haftstrafe. Tochter Marie (4) teilt sich eine Zelle mit ihr.

Die Einrichtung, die dem Justizvollzugskrankenhaus in Fröndenberg (JVK) angeschlossen ist, ist einzigartig in NRW. Die 16 Haftplätze für Mütter und die bis zu 23 Plätze für deren Kinder sind immer belegt. Bis zu ihrem sechsten Lebensjahr können Kinder hier bleiben. „Spätestens wenn sie eingeschult werden, sollen sie ein normales Leben außerhalb der Anstaltsmauern führen“, erklärt Sozialarbeiterin Judith Teuber. Im günstigsten Fall zusammen mit ihren Müttern oder in der wartenden ,,Restfamilie’’. Für die meisten Mädchen und Jungen ist der Schritt gewaltig: Sie kennen nur ein Leben im Knast – ohne männliche Bezugsperson.

,,Kinder sollen nicht in einer Haftanstalt geboren werden“

Obwohl die Einrichtung nur einen Katzensprung vom JVK entfernt liegt, wird dort nicht entbunden. ,,Kinder sollen nicht in einer Haftanstalt geboren werden“, sagt deren Leiter Joachim Turowski. Zusammen mit den Jugendämtern wird von Fall zu Fall entschieden, ob sich diese Mütter mit ihren Kindern für den offenen Vollzug eignen. Dürfen sie zusammenbleiben, werden sie unterstützt von Erzieherinnen, Sozialarbeitern und je nach Bedarf von Psychologen. ,,Für viele Mütter ist das Gefängnis ein Glücksfall. Hier erleben sie zum ersten Mal einen geregelten Tagesablauf oder lernen, eine Mahlzeit zuzubereiten“, sagt Petra Döhrn, Erzieherin und Justizvollzugsangestellte. ,,Das hier ist ein geschützter Raum. Auch für die Kinder.“ Die Besuche bei der Familie draußen seien häufig das größere Problem, weil etwa der Partner zuschlägt. Die Reaktionen der Kinder sprechen Bände.

,,Mörderinnen gibt es bei uns nicht“, sagt Turowski. Doch warum Frauen in Fröndenberg einsitzen, darüber sprechen die Betroffenen ungern. Laut Justizministerium gab es im vergangenen Jahr in NRW 993 weibliche Gefangene, die wegen Diebstahls und Unterschlagung (31 Prozent), Betrugs und Untreue (23 Prozent) sowie Drogendelikten (18 Prozent) verurteilt wurden. Mona will auch nicht raus mit der Sprache. ,,Es war ein Überfall.“ Aus Rücksicht auf ihre Kinder schweigt sie über Details. Es sei schon schlimm genug, „dass ihre Mutter im Gefängnis sitzt“. Doch Marie ahnt längst, dass bei ihr irgendetwas anders ist als bei den anderen Kindern im Awo-Kindergarten gegenüber in der Eigenheimsiedlung.

Um Erziehern und Eltern Ängste zu nehmen, finden hier regelmäßig Gespräche statt. Sie zeigen Wirkung. ,,Meine Tochter wird nicht gehänselt. Sie hat sogar Freundinnen in der Nachbarschaft.“ Marie fängt langsam an, Fragen zu stellen. Warum darf sie ihre Brüder nur zweimal im Monat sehen? Warum hat ihre Mutter keinen Schlüssel und muss sich an der Eingangstür an- und abmelden? Warum darf Besuch nur mittwochs kommen und zwar mit Personalausweis?

Der Puppenwagen steht für den Ausflug parat

Doch Mona versucht, ihrer Tochter ein schönes Zuhause zu bieten mit Wandtattoos, Hello-Kitty-Bildern, Farbfotos, die vor allem Marie und ihre Brüder (acht und elf Jahre alt) zeigen. Strahlende Kindergesichter gegen die Tristesse eines Gefängnisses. Maries weißes Bett wird von Kuscheltieren bewohnt, Puppen- und Stubenwagen stehen für den Ausflug parat. ,,Marie geht es gut“, sagt ihre Mutter.

Wenn die 30 Jahre alte Frau aus ihrem Leben erzählt, dann tut sie das mit fester Stimme. Einfache Verhältnisse, falsche Freunde. Sie bereut ihre Tat, Mitleid will sie nicht. „Ich habe es verdient, hier zu sein. Es ist gerecht.“ Sie arbeitet in der JVK-Küche und kocht das Mittagessen – für 70 Euro im Monat. „Bald haben wir eine eigene, kleine Wohnung“. Sie schmiedet Pläne für die Zeit danach – ohne Mann. Dann will sie eine Ausbildung machen, arbeiten, „ein einfaches Leben mit meinen Kindern“. Sie will endlich Vorbild sein.