Der Karneval an der Ruhr steckt in einer tiefen Krise

Der Präsident des "Bundes-Ruhr-Karneval", Peter Niemann, ist seit über 50 Jahren im Karneval aktiv.
Der Präsident des "Bundes-Ruhr-Karneval", Peter Niemann, ist seit über 50 Jahren im Karneval aktiv.
Foto: Volker Hartmann
Peter Niemann, Präsident des „Bundes Ruhr-Karneval“, über Imageprobleme und Nachwuchs-Sorgen der Narren im Ruhrgebiet: „Zahlen und Besucher gehen stark zurück!“

Ruhrgebiet.. Geht Peter Niemann in offizieller Funktion nach Mülheim, trägt er Mülheimer Karnevalsorden; in Herne trägt er Herner undsoweiter – alles andere wäre ja auch ein schlimmer Missgriff des Präsidenten des „Bundes Ruhr-Karneval.“ „Ich kann Ihnen sagen, Karneval ist harte Arbeit“, sagt Niemann (77) im Gespräch mit unserem Reporterüber Karneval und Gegenwart.

In Oberhausen stellt ein Verein runde Tische auf, weil sie den Saal voller erscheinen lassen. Gibt es ein Problem mit den Sitzungen?

Peter Niemann: Ja, Zahlen und Besucher gehen stark zurück. Das ist eine Kostensache: Saalmiete pro Stuhl, Gema, Künstler – und da muss es ja auch ein bisschen was sein. Ordner waren früher oft ehrenamtlich, heute müssen Sie sie bezahlen. Viele Menschen sind auch verwöhnt vom Fernsehen: Sie setzen sich zuhause hin und kriegen das beste Programm.

Ich würde Ihnen gerne ein paar Schlagworte aus Zeitungsberichten der letzten Wochen nennen. Sagen wir: Imageproblem.

Niemann: Bei Leuten, die vom Brauchtum keine Ahnung haben, hat Karneval manchmal den Anstrich von Sex und Saufen. Das wollen wir nicht. Ich war in Dortmund bei einer Herrensitzung, da wollte eine Sängerin sich plötzlich ausziehen. Sie habe eine Allergie gegen Kleidung. Da hat der Moderator sie von der Bühne geschickt. Das Publikum hat allerdings gepfiffen . . .

Rauchverbot?

Niemann: Am Anfang fast tödlich. Manche sind nicht mehr gekommen. Inzwischen ist ein Teil wieder da. Es gibt Raucherpausen im Programm, Tanzpausen, die Leute verpassen nichts, wenn sie kurz rausgehen.

Mangel an Prinzen?

Niemann: Bochum hat kein Prinzenpaar in diesem Jahr, das ist richtig. Das ist auch so eine Kostengeschichte. Der Prinz zahlt den Ornat für sie und ihn, einen Teil der Orden, Fahrten und was weiß ich noch alles. In Bochum kostet eine Session den Prinzen 10 000 Euro, und je größer die Stadt, desto teurer.

Klagen über Lärm?

Niemann: Davon habe ich nicht viel gehört. Aber ich wettere gegen Lärm wie ein Rohrspatz. Man muss auch in der Sitzung noch die Gelegenheit haben, ins Gespräch zu kommen. Allerdings haben wir heute mehr DJs im Karneval als früher, und die sind lauter als Live-Musik.

Ist das wieder so eine ,Kostengeschichte’?

Niemann: In einer Fünf- oder Sechs-Mann-Band geht jeder mit 200 Euro nach Hause. Ihr Aufwand ist ja auch sehr hoch. Sehr bekannte Bands sind noch viel teurer. Fünfstellig.

Nachwuchsprobleme?

Niemann: Ja, es kommt zu wenig nach. In den Führungsetagen des Karnevals haben Sie oft Leute, die die Hälfte ihrer Lebenszeit überschritten haben. Eventuell sagen Junge, was soll ich bei so alten Leuten. Unsere Idee ist, im Rahmen der Ganztagsschule Sportstunden zu übernehmen. Mit karnevalistischem Tanzsport. Wir müssen Nachwuchs fördern.

Gibt es eigentlich noch Neugründungen von Vereinen?

Niemann: Es kommen immer mal wieder neue Vereine dazu. Früher hatten wir wenig Kolpingfamilien, zum Teil sind die jetzt da. Andere Vereine entstehen dadurch, dass irgendwo Krach war. Als Abspaltung.

Das Ruhrgebiet ist keine sehr hohe Karnevalshochburg, oder?

Niemann: Viele Leute hier haben nicht das Gen, Karneval zu feiern. Zu den Zügen gehen viele Menschen, sie wollen Spaß haben, aber im Karneval engagieren wollen sie sich nicht. Ich sage immer: Als Prinz Karneval von Köln aus das Ruhrgebiet erobern wollte, ist er in Wattenscheid hängengeblieben. Aber in Dortmund nochmal aufgetaucht!

Sie haben uns das erklärt mit den Orden. Wie viele haben Sie denn eigentlich?

Niemann: Über 1000. Ich bin über 50 Jahre im Karneval aktiv und habe als Schlagersänger mein Taschengeld verdient. Dann hat eine Karnevalsgesellschaft gesagt, die Gage ist zu hoch, den holen wir in den Elferrat. – Die Orden sind in DIN-A-4-Tüten nach Städten geordnet, und die sind in meinen Refugium. Da ist auch meiner Frau der Zutritt verboten.

Beginnt jetzt die intensivste Woche?

Niemann: Ich habe pro Session 120 bis 130 Termine, die meisten zwischen Januar und Aschermittwoch. Ich sage immer an Aschermittwoch ,Gott sei Dank’ – und zwei Wochen später: ,Wann geht’s endlich wieder los?’

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