Das beste, was man jetzt tun kann: Baden

Paula, eineinhalb Jahre alt, lässt sich nicht aufhalten auf ihrem voll konzentrierten Weg ins Wasser.
Paula, eineinhalb Jahre alt, lässt sich nicht aufhalten auf ihrem voll konzentrierten Weg ins Wasser.
Foto: Lars Heidrich
Nicht nur am Großenbaumer See in Duisburg finden die Menschen einen Platz an der Sonne mit Wasseranschluss. Die Betreiber frohlocken: Endlich Saison!

Duisburg.. Die Region geht baden. Was soll sie auch sonst tun bei diesem Wetter. „Gut“, soll Heinz Stahl (ein Name, wie er sich für einen Duisburger gehört) vom Chef ausrichten, „dass die Saison endlich da ist.“ Die letzten drei Jahre nämlich, sagt Stahl am Großenbaumer See, „war nix Gutes“. Sommer für die Regentonne. Jetzt aber: Sonne gut, alles gut, die Badegäste schwitzen Schlange. Mit Sonnenschirm und Strandmuschel, Badematte und Bermuda: eine Völkerwanderung.

Und was für ein Völkchen!

Mit Bermuda und Badematte

Bikini-Bänder unterm Trägerhemd, Flip-Flops an den Füßen, die Bräune der vergangenen Tage bis Oberkante Hemdkragen und Unterkante kurzer Ärmel. Röcke schmal wie Gürtel, umgedrehte Kappen, vielversprechende Badeanzüge. Mückenstiche gibt solch’ knappe Kleidung frei, großflächig wie Tätowierungen, die Engel zeigen oder einen halben Brustkorb voll Duisburg. Oder Piercings in Bäuchen, die sichtlich schon ganz anderes erlebt haben.

Manche erheben sich durchaus beeindruckend über geblümten Badetüchern, das Werbeplakat vor der Tür ist längst außer Sicht: „Nie wieder Diät!“ Und irgendjemand ruft nach „Maaarie, wo is’ die Käppi“? Ach, echtes, ehrliches Ruhrgebiet!

Oma reibt das Kleinkind ein, es riecht nach Sonnenmilch und Frittenfett („Sechs Pommes, bitte!“) wie in jedem anständigen Freibad, – dabei ist dies hier keins. Großenbaum hat einen wirklichen See, aus Grundwasser, mit Fischen drin: Die eine Hälfte gehört dem Angel-, die zum Schwimmen einem Trägerverein. Der trägt das Risiko, die Verantwortung und einheitlich Orange, obwohl einer wie Heinz Stahl (66) nicht wirklich ein „Baywatcher“ sein will. Aber „wenn’s keinen Spaß machen würde . . .“

Die Badeaufsicht hört auf „Schatz“

Sie haben hier eine „gute Truppe“, alle freiwillig, „kein Verein kann bezahlte Leute beschäftigen“. Nur die Putzkolonne, die kriegt Geld. Trotzdem machen sie neuerdings abends eine Durchsage: „Bitte den Müll mitnehmen!“ Hilft. Ein wunderbarer Ort ist dies, wo man „Schatz“ sagt zur Badeaufsicht oder „junge Frau“, damit die bitte ihre „Schweißfüße vom Stuhl“ nimmt. Wo „Siggi“ mit dem Schlüssel die Sonnenschirme spannt und „Baden auf eigene Gefahr“ auch auf Türkisch angeschlagen ist.

Nebst einer Wassertemperatur, die „22 Grad“ behauptet, „oder schreib’ mal 25 heute oder lass’ besser“. Über der Hecke liegen Handtücher zum Trocknen, auf der Wiese gestapelte Schwimmreifen, auf den Luftmatratzen strampelnde Halbstarke und nur im ganz flachen Wasser Blätter, Vogelfedern und ein zarter Film von Lichtschutzfaktor 30.

„Unsere Gäste!“, schwärmt Heinz Stahl an der Kasse, die eigentlich ein alter Billett-Automat ist. Mit Rollen! Drei Euro kostet der Eintritt hier für Leute ab sechs, und hinter Herrn Stahl im Fenster klebt vorsichtshalber ein Zettel (nebst toter Fliege, also schon länger): „Geld ist hier nicht. Nur bei der Sparkasse, ok?“ Was nicht immer stimmt (Diebe lesen hier nicht weiter!), Donnerstag waren 1000 Leute da, am Freitag sind mittags die Karten alle, da wandern schon Scheine in den Tresor.

Das muss aber auch so, nächste Woche kommen 500 Tonnen frischer Sand, weil aus dem alten bereits die Grashalme sprießen. Etwas Neues zum Springen hätten sie gern, kostet „ein paar Mark“, und ein Klettergerüst. „Die Kinder haben sonst gar nichts.“ Was nun gar nicht wahr ist, die Kinder haben das Wasser, die Rutsche, den Sand und sogar Spielzeug darin. Und dann diesen grünen Schwimm-Frosch, der gerade einen Jungen in Drachen-Badehose jagt, und die blaue Wasserpistole und das rote Himbeereis und: „Mammaaaaa – da ist ein Krebs!“

Dies hier ist ein Badesee, und auch, wenn die Mama jetzt „Mein Gott“ sagt, die Aufsicht mit der Schaufel anrückt und fünf Erwachsene versuchen, unter Wasser zu sehen: Heinz Stahl hat gesagt, er genießt hier „die freie Natur“. (Baden geht er übrigens erst abends.)

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