Campen im Vorgarten des Ruhrgebiets

Angeln mit Ausblick: Uwe Gurtler aus Ahlen mag das Beton-Panorama in Uentrop
Angeln mit Ausblick: Uwe Gurtler aus Ahlen mag das Beton-Panorama in Uentrop
Foto: Jakob Studnar
Was wir bereits wissen
Der Campingplatz Uentrop hat einen eigenen Charme: Der beschauliche Lippestrand hat Ausblick aufs Kraftwerk und wird beschallt von der Autobahn.

Lippetal..  „Hör’n se was, seh’n se was?“ Nichts, unterstellt die Frage, bloß ja: die Autobahn! Das Kraftwerk! Uwe Gurtler aber lehnt sich zurück und faltet zufrieden seine braunen Hände über dem Bauch: „Hier hat man Ruhe.“ Das ratlose Schweigen übertönt der Verkehr.

Sagt ja selbst der Chef persönlich: „Für einen Campingplatz eine sehr außergewöhnliche Industriekultur.“ Muss man mögen, wie das ganze Ruhrgebiet, und dies hier ist sein Vorgarten – mit Blumenkästen, Zwergen, Grill und Schalke-Fahne und mit Kaninchen, die Mannis Rosen abfressen, „alles kaputt“: der Campingplatz Uentrop.

220 000 Autos statt wie einst 20

Gewachsen aus einem Bauernhof in Lippetal bei Hamm, als auf der A 2 „noch 20 Autos am Tag rollten und nicht 220 000“, wie Achim Helbach sagt, Enkel des Gründers. Als es das Kraftwerk noch gar nicht gab und erst recht keine Ahnung, dass es in den 80ern eine Phase als Schneller Brüter haben würde. Weshalb man heute lachen muss, wenn die Frau im Badehandtuch vor ihrem Wohnwagen sagt: „Hier kann man herrlich abschalten“, witzig auf eine doppelbödige Art.

Es waren Zeiten, die stehengeblieben sind auf diesen zehn Hektar am Lippestrand. Wo es eine Dortmunder Straße gibt, wie ein blasses Schild verrät, und Gartentörchen, die in „Mein Revier“ führen. Aber „keine Hecken und Zäune“, wie Helbach betont: „Das ist für mich Campen!“ Wohnwagen stehen hier, die schon lange nicht mehr bewegt werden, seit den Jahren, als die Bergleute hier ihr Pausen-Grün suchten. Seit ein Paar, sie in Köln, er in Hannover, hier sein Wochenend-Nest baute. Seit Berliner, die einen Wohnwagen nur kaufen wollten, ihn ließen, wo er war: „Sie fanden es so schön hier.“

Und tatsächlich sagt das auch Anita Pieper in ihrem Stuhl: „Was soll ich in der Wohnung, wenn ich hier sein kann.“ Die Dortmunderin sitzt in einer typischen Szene, angelnder Mann auf dem Steg, Hund am Wagen angebunden, auf dem Fluss schwimmen Enten, am Ufer Celine und Lara-Marie, nebenan steht das Fischfutter neben der Cola auf dem Plastiktisch. Laut? „Man gewöhnt sich dran.“ Und der Ausblick? „Abends“, schwärmt Uwe Gurtler, der in der Gegend mal auf Zeche war, „ist das Kraftwerk beleuchtet wie die Frankfurter Skyline. Wunderschön. Klingt das bescheuert?“

Zwei Kilometer weiter wär’s schöner

Sie sagen es ja alle. Die vorn an stehen und auch Gänse sehen, Nutrias und das Naturschutzgebiet, durch das zu Füßen brauner Kühe kleine Wassergässchen mäandern. Die ihre Angeln im Fluss haben wie Manni in seinem Griechenland-Hemd; der hatte hier mal einen Aal von einem Meter und fünf! „Da war ich in der Zeitung.“ Achim Helbach sagt, es sei „schon schön“ auf seinem Platz, „er müsste nur zwei Kilometer da rüber“. Und schiebt mit großen Armbewegungen die Szenerie weg von der Autobahn.

Seine Dauercamper sind weniger geworden, aber das liegt nicht an der A 2, es liegt am Alter. Auch die drei Telefonzellen am Eingang, neben dem Minigolf, gibt es nicht mehr. Dafür hat er jetzt Arbeiter auf Montage, es gibt ja genug Baustellen in der Gegend, die Männer schlafen im Wohnwagen. Wochen- end-Väter hat er da, die Treffpunkte schafften für sich und die Kinder, Durchreisende von Nord nach Süd: Neulich waren da Finnen, die kamen aus Frankreich. „So lange diese Leute auf dem Rückweg wieder kommen, haben wir nicht so viel verkehrt gemacht.“ Und immer wieder campen Holländer, mit dem Fahrrad unterwegs nach Prag.

Da nahen schon Jan und Inge aus Leiden, „in zweieinhalb Wochen müssten wir da sein“. Sie lachen, als sie vom Rad steigen an der Lärmschutzwand, „ist das eigentlich noch Ruhrgebiet“? Sie finden, „das hat was“, und nach 80 Kilometern „bist du froh, dass es das gibt“. Toiletten, Dusche, Campingladen, trotzdem reißt die Übernachtung kein Loch in die Reisekasse. Kind kostet drei Euro in Uentrop, Hund zwei, ein Zelt 3,50 und jede Person darin 50 Cent.

Schützenfest ist auch nicht leiser

Rüwellers aus Kiel zahlen fünf Euro für ihr Wohnmobil, sind schon drei Wochen unterwegs und wollen „nur noch ausspannen“. Sie parken im Schatten der Leitplanke, ganz nah zeltet eine Jugendgruppe, die lauschige Lippe ist nicht einmal zu sehen. Allerdings kommen die Kieler eben aus dem Sauerland, und Hannelore Rüweller sagt: „Es ist kein Unterschied, ob Sie neben dem Schützenfest schlafen oder an der Autobahn.“

Jeder habe „seine eigenen Beweggründe“, weiß Achim Helbach. Nur einmal ist es ihm passiert, da haben Gäste auf der Achse wieder kehrt gemacht: „Sie wohnten auch in Köln schon an der Autobahn.“ Die Platzordnung haben diese beiden gar nicht mehr gelesen. Sie ist geschrieben „für ungestörtes Zusammenleben“.