Bochumerin hat einen Brieffreund in der Todeszelle

Annika Gillmann aus Bochum: Warum nur schreibt eine 20-jährige angehende Kauffrau für Marketingkommunikation Briefe an einen Häftling, der in den USA zum Tode verurteilt wurde?
Annika Gillmann aus Bochum: Warum nur schreibt eine 20-jährige angehende Kauffrau für Marketingkommunikation Briefe an einen Häftling, der in den USA zum Tode verurteilt wurde?
Foto: Kai Kitschenberg
Was wir bereits wissen
Eine 20-jährige Auszubildende aus Bochum korrespondiert mit einem verurteilten Mörder in den USA. Es ist ihr Zugang zu einer völlig fremden Welt.

Bochum.. Der Mörder Emanuel Johnson Senior hat sich für seine Bochumer Brieffreundin vor einer gesprühten Bergidylle fotografieren lassen, über ihm ein Seeadler auf Beton. Der massive schwarze Mann hält sein Gesicht verschlossen und das Kinn hoch, was Überlegenheit, Distanz oder Selbstschutz ausdrücken mag. „Für mich sieht er nett aus“, sagt Annika Gillmann. „Wir glauben, dass wir viele Dinge gemeinsam haben . . . Ob es so etwas wie Zufall gibt?“

Warum nur schreibt sich eine 20-jährige angehende Kauffrau für Marketingkommunikation Briefe mit einem Häftling, der in den USA zum Tode verurteilt wurde?

„Ich wollte, dass er weiß, dass seine Geschichte jemanden erreicht hat.“

„Es war Zufall. Nachts um drei bin ich beim Zappen auf eine Doku über Robert Pruett gestoßen.“ Ein weiterer Todeskandidat; die Schweizerin Ines Aubert begann vor 22 Jahren, ihm zu schreiben; daraus ist der Verein Lifespark entstanden, der nun solche Brieffreundschaften vermittelt. „Am Tag nach der Sendung habe ich beschlossen, Pruett zu schreiben“, sagt Gillmann. „Ich wollte, dass er weiß, dass seine Geschichte jemanden dort draußen erreicht hat.“

Den eigenen Brieffreund hat sie sich nicht ausgesucht, der Verein hat ihn zugeteilt – nicht ohne die kritischen Fragen angesprochen zu haben: Was, wenn er hingerichtet wird? Wenn er nach Geld fragt? Und es gibt ja auch Frauen, die es auf eine Liebschaft anlegen. Auch Lifespark-Mitglieder haben schon Brieffreunde geheiratet. Annika Gillmann sagt, sie fühle sich reif genug. Zwar standen die Mutter und der Freund anfangs kritisch zu Annikas neuem „Hobby“. Aber die las viel vor, erklärte ... und überzeugte.

„Ich habe meinen ersten Brief an Emanuel geschrieben, bevor ich ihn gegoogelt habe. Eigentlich wollte ich es gar nicht wissen.“ Aber man muss: Emanuel Johnsons zweites Opfer hieß Iris White. Als er 25 war, pflegte er ihren Garten; 1988 tötete er die 73-Jährige mit 24 Messerstichen. Ihre Leiche wurde halb entkleidet gefunden.

„Man darf nicht zu viel darüber nachdenken“, sagt Gillmann. „Für mich ist er 27 Jahre nach der Tat einfach nicht mehr der gleiche Mensch. Er ist der, der er jetzt gerade ist... Ich kann verstehen, dass die Familien der Opfer das anders sehen. Und ich finde auch nicht, dass man ihn entlassen sollte. Er hat eine Strafe verdient.“ Aber eben nicht die Todesstrafe. Annika Gillmann ist nicht sonderlich politisch oder christlich geprägt, aber sie hat eine Meinung: „Ich will diese Menschen nicht abhaken.“

Seine Familie hat ihn abgehakt

Ihrem ersten Brief an die „Union Correctional Institution“ in Raiford, Florida, legte sie vor einem halben Jahr Bilder von Feldern in Witten-Stockum bei, wo sie herkommt. Der 52-jährige Emanuel Johnson hat diese Bilder lange betrachtet in seiner fremden, geschlossenen Welt: Ein Bett, ein Tisch, ein Waschbecken und ein Klo, auf dem er den Blicken der Wärter ausgesetzt ist. Jederzeit dürfen sie ihn durchsuchen, ihn nackt machen. Seine Familie, sie hat ihn „abgehakt“: fünf Kinder von vier Frauen. Der Bruder ist todkrank; wenn er stirbt, will Johnson den Platz auf der Besucherliste an die Freundin aus Bochum vergeben.

USA Der Häftling schreibt seine Briefe, als säße ihm ein Annika-Avatar gegenüber: „Sorry, ich muss kurz unterbrechen, es ist Yard-Zeit“ – der seltene Freigang im Hof. Er erzählt von Schuld und Sühne und Wandel. Das meiste ist trivial: „Wir alle haben nur einen Versuch frei im Leben, gestalte ihn, wie Du es willst.“ Seine Gedanken schickt er auch in Gedichtform. Und natürlich wirken sie tiefer, wenn sie von diesem jenseitigen Ort kommen, aus der Todeszelle. Warum sind Mörder sonst so präsent in Film und Literatur? Gillmann ist sich dieses Effekts bewusst. „Würde mir ein Arbeitskollege solche Gedichte zeigen, würde ich denken: Der weiß gar nicht, wovon er spricht.“

Der Luxus der Briefmarke

„Dass Du so sehr das Gute und Positive in mir siehst – es bedeutet mir die Welt“, schreibt er. Und Annika Gillmann, diese an sich und der Welt zweifelnde junge Frau, bekommt das Gefühl, gebraucht zu werden, etwas besonderes zu tun: Wenn er nur schreibt, wie er sich Würstchen in der Zelle warm macht, dann tut er das doch in einer fremden Welt, in der er sich die Würstchen gegen Widerstände abgespart hat. In der der Gefängnisladen Luxus ist. Ebenso wie die kleinkalibrigen Briefmarken, die seine Briefe pflastern.

Immerzu schwebt über dieser Freundschaft die existenzielle Bedrohung. „Wenn jemand ein Datum bekommt“ – Annika Gillman meint: einen Hinrichtungstermin – schreibt Lifespark eine Gruppenmail. Wer sie liest, möge eine Kerze anzünden. Im April ließ Annika Gillmann das erste Mal eine Kerze leuchten – für Robert Pruett. Seine Hinrichtung wurde in letzter Minute aufgeschoben. Aber wie redet sie darüber mit Johnson? „Warten auf den Tod, da sind wir noch nicht. Man redet über Zukunft.“