Babymilch wird knapp - und deshalb nur noch eingeschränkt verkauft

Hamsterbäckchen statt Hamsterkäufe: Sorgen muss sich wohl keine Mutter machen. Engpässe bei Babymilch sind immer nur lokal und zeitlich begrenzt.
Hamsterbäckchen statt Hamsterkäufe: Sorgen muss sich wohl keine Mutter machen. Engpässe bei Babymilch sind immer nur lokal und zeitlich begrenzt.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Die extreme Nachfrage aus China macht Babymilch knapp. So knapp, dass nicht nur die Drogeriekette „dm“ nun die Abgabe von Milupa-Produkten einschränkt – um Hamsterkäufen vorzubeugen und die Versorgung zu sichern.

Bochum/Pengshang.. Babymilch ist knapp derzeit. So knapp, dass die Drogeriekette „dm“ nun „die Abgabe von Aptamil-Produkten vorübergehend beschränkt“, erklärt Geschäftsführer Christoph Werner. Gerade Aptamil aus dem Hause Milupa wird seit einigen Monaten extrem nachgefragt im von Lebensmittelskandalen verunsicherten China.

Kleinexporteure machen glänzende Geschäfte, Mütter und Väter stehen immer wieder vor leeren Regalen – und neigen darum ihrerseits zu Hamsterkäufen. „Das Resultat ist eine noch schnellere Erschöpfung des Warenbestandes“, so Werner. Einkaufswagen voll mit Babymilch sollen nun an der Kasse gestoppt werden – „bis sich die Situation wieder normalisiert hat“.

Die Drogerie ist kein Einzelfall. Aus informierter Quelle ist zu hören, dass auch verschiedene Supermarktketten ihre Verkäufer angewiesen haben, im Zweifelsfall nur „haushaltsübliche Mengen“ abzugeben. Offenbar sind diese Rationierungen nötig geworden, denn das Produkt ist sensibel. Ob ein Baby die Umstellung auf eine andere Milch ohne weiteres verträgt, möchten die Eltern nur ungern am lebenden Objektchen testen.

Beiträge wie der einer Userin in einem Forum für junge Mütter sind jedenfalls keine Seltenheit: „Oh Mann! Ich ärgere mich gerade so. Ich war jetzt schon in mehreren Geschäften und nirgends, aber wirklich nirgends bekomme ich Aptamil 1 zu kaufen #aerger. Noch hab ich ja, aber was mach ich, wenn die Packung hier leer ist und ich noch immer nichts neues kaufen kann?“ – Ja, wie machen die Chinesen das eigentlich?

Chinesen vertrauen auf deutsche Qualität

Schokolade und Solinger Besteck, über solche Mitbringsel freut sich die chinesische Verwandtschaft, weiß Hui Zhou aus Bochum. Schwarzwälder Kuckucksuhren wären auch gern gesehen, sind aber doch etwas sperrig. Ein Muss aber ist Milchpulver. Nicht nur für das eigene Kleinkind, sondern schon mal für das Ungeborene der schwangeren Schwester hat die Germanistin vier Kilo im Gepäck, als sie aufbricht zum Verwandtschaftsbesuch in der Kreisstadt Pengshan, ziemlich in der Mitte des Reichs der Mitte.

Verbraucherschutz Dort befindet sich die junge Mutter zurzeit. „Das Baby einer Freundin hat Milch aus China bekommen, auf der Packung stand: nach holländischem Rezept. Einen Monat lang hatte es Durchfall. Vielleicht ist es Zufall, aber das hat erst aufgehört, seitdem die Freundin ihre Babymilch aus Deutschland oder Holland bestellt – über Taobao, das chinesische Pendant zu Ebay.

Die Leute haben einfach Vertrauen in deutsche Produkte.“ Man könnte auch von einem gesundheitsbewussten Misstrauen gegenüber chinesischen Lebensmitteln sprechen. „Es ist ja nicht nur das Milchpulver“, sagt Hui. „Alles ist unsicher.“

Als Folge kann natürlich selbst die natürliche Muttermilch belastet sein. Das ist ein Grund, warum in China nur kurz gestillt wird. Noch mehr fällt ins Gewicht, dass Mütter spätestens vier Monate nach der Geburt wieder arbeiten müssen.

Nur über Beziehungen kann man diese Elternzeit verlängern. Drum ist Milchpulver auch eine Art Wirtschaftstreibstoff. und wer sich nichts aus dem Ausland mitbringen lassen und es sich leisten kann, der ordert eben übers Internet. „Meist sind es deutsche Studenten, die hier was anbieten. Die sind durchaus vertrauenswürdig.“

Rund vierzig Prozent Gewinn für die Studenten

Die Gewinnspanne ist nicht zu verachten. Eine Packung Aptamil, die in Deutschland für rund 22 Euro zu haben ist, verkauft sich in China für 250 Yuan, umgerechnet rund 30,75 Euro – macht fast vierzig Prozent minus Versand. Offenbar sind einige Kleinexporteure auch gar nicht so klein.

Milupa erreichte jüngst die Anfrage eines Händlers, der bereits regelmäßig 100 000 Einheiten bezieht und diese Menge gerne verdoppeln würde. – Wurde natürlich abgelehnt. Denn auch beim Hersteller laufen die Telefone längst heiß.

„Die Mütter sind nicht erfreut“, bestätigt Stefan Stohl. Aber man habe einfach nicht schnell genug reagieren können. „Die Nachfrage ist in den letzten Monaten um 30 Prozent nach oben geschnellt, und zwar sprunghaft.“

[kein Linktext vorhanden] Erst Ende Juni hatte es den letzten großen Babymilchskandal in China gegeben: Der staatliches Großproduzent Yili, noch bestens bekannt durch die Milchpanscherei mit dem Holzleim Melamin (2008), musste erneut zugeben, das seine Babymilch Quecksilber enthielt – ein Gift, das Gehirn, Organe und Immunsystem schädigen kann.

„Unser Marktanteil ist seitdem um drei bis vier Prozent gestiegen“, so Stohl. „Das habe ich so noch nicht erlebt. Sonst freuen wir uns über Verschiebungen im Bereich von 0,1 Prozent.“ Milupa will allerdings zunächst nicht direkt nach China exportieren. zum einen agiert dort bereits die Schwestergesellschaft Dumex, ebenfalls unter dem Dach der Danone-Gruppe. Zum anderen seien die Bestimmungen für Milchpulver „in allen Einzelheiten geregelt“ – und können sich im Detail von den deutschen Vorgaben unterscheiden.

Milupa müsste eine eigene Produktion für den chinesischen Markt aufbauen, inklusive Verpackungen mit chinesischer Beschriftung. „Damit“, so Stohl, „würde aber auch der Effekt wegfallen, dass das Produkt erkennbar nicht aus China stammt.“

Werke deutscher Milchpulver-Hersteller sind voll ausgelastet

Milupa erfreut sich also ohne großes Aufhebens an seiner neuen Popularität – und reagiert, indem es seine Produktion europaweit umschichtet. Das bereits voll ausgelastete Werk in Fulda soll andere Produkte nach Irland abgeben, um die hohe Nachfrage aus Deutschland und Asien bedienen zu können. „360 Tage produzieren wir hier rund um die Uhr, und fünf Tage benötigen wir für die Reinigung.“

Im Gegensatz zu Milupa können sich die Kleinexporteure offenbar in einem Graubereich bewegen, was die Importbestimmungen angeht. Man darf mutmaßen, dass die chinesische Regierung ihr Gebaren schlicht duldet – auch weil sonst ein Proteststurm besorgter Mittel- und Oberschichtmütter droht.

Ähnlich und doch ganz anders sieht es bei Nestlé aus: „Grauexporte waren für uns bislang kein Problem“, sagt eine Sprecherin. Der weltgrößte Lebensmittelkonzern fährt allerdings eine andere Strategie: Er führt schon länger eigene Marken für den asiatischen Markt. Doch besonders in Hong Kong und Taiwan sei die Nachfrage riesig. Das Werk in Biessenhofen im Ostallgäu habe auch deswegen seine Produktion verdoppelt.