"50 Shades of Grey" statt Sonnenfinsternis in NRW

Sonnenfinster-Nix: Trotz optimaler Vorbereitung guckten die Kinder der Moerser Regenbogenschule nur in den nebeligen Himmel.
Sonnenfinster-Nix: Trotz optimaler Vorbereitung guckten die Kinder der Moerser Regenbogenschule nur in den nebeligen Himmel.
Foto: Kai Kitschenberg/Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Schutzbrillen restlos ausverkauft, Schulen in Alarmstimmung - und dann das: die Sonnenfinsternis fällt in NRW weitgehend aus - wegen Nebels.

Düsseldorf/Herten/Köln.. Wer die Sonnenfinsternis in Nordrhein-Westfalen beobachten wollte, schaute am Freitag meist ins Leere: In vielen Landesteilen versperrten eine breite Wolkendecke und dicke Nebelfelder den Blick auf das seltene Ereignis am Himmel. Allenfalls über 400 Meter - etwa im Rothaargebirge oder Hochsauerland - konnte man beobachten, wie sich das Naturschauspiel an der verdunkelten Sonnenscheibe abzeichnete, sagte ein Sprecher des Deutschen Wetterdienstes (DWD).

Sonnenfinsternis Mit Teleskopen und Foto-Stativen richteten sich Schaulustige auf dem Kahlen Asten (842 Meter) oder an den Externsteinen im Teutoburger Wald (267 Meter) ein. Rund 100 Menschen kamen insgesamt zu beiden Aussichtspunkten. Vor allem Schüler, Studenten oder Fotografen waren dabei, aber auch so manche "Esoteriker und Freaks" will eine Mitarbeiterin des Info-Zentrums auf dem Weg zu der markanten Sandstein-Felsformation gesehen haben.

Witzeln im Netz

Weil am Kölner Himmel - wie auch in Düsseldorf, Essen oder Münster - so gut wie nichts zu entdecken war, lenkte eine skurrile Gestalt auf dem Vorplatz des Doms alle Blicke auf sich: Als "urzeitlicher Astronom" bezeichnete sich Gajdács Zakariás - ein Selbstdarsteller in einem auffälligen Gewand mit Schottenkaro-Muster, Ochsenhorn, schwarzer Maske und Schutzbrille. Medienwirksam setzte er sich für die Fotografen in Szene. Er pflege einen keltischen Brauch, der angeblich vor den Römern in der Gegend um Köln existierte: "Damals war die Sonnenfinsternis ein Feiertag, deshalb möchte ich sie nach altem Brauch empfangen".

Auch im Internet hatten Witzbolde in sozialen Netzwerken mehr Spaß an dem Spektakel als die eigentlichen Beobachter: "Sonnenfinsternis, oder wie es in Düsseldorf heißt: "50 Shades Of Grey"", hämte ein Nutzer im Kurznachrichtendienst Twitter. Ein anderer kommentierte: "Köln-Tourismus plant Postkarte zur Sonnenfinsternis in Köln." Der "Entwurf": ein graues Rechteck.

Ernüchterung auf der Halde Hoheward

Ernüchterung auch bei jenen, die das Ereignis mit sportlicher Ertüchtigung verknüpften: In Herten im Ruhrgebiet waren einige Hundert auf die Halde Hoheward gestiegen (höchste Stelle: 152,5 Meter). Die Belohnung für ihre Anstrengungen? Frösteln bei fünf Grad, feucht-kühlem Wetter und eine sprichwörtliche Nebelsuppe. Vor allem die zahlreichen Schulklassen hatten sich von ihrem Ausflug mehr erhofft.

Mit viel Glück konnte man gerade mal 100 Meter weit blicken. Genug, um zumindest die Stative der Hobby- und Profi-Fotografen aus dem Nebel auftauchen zu sehen. Die Sonnenfinsternis spielte sich dagegen hier lediglich auf dem Boden ab: Hinter einem Gebüsch an einer Weggabelung wurde das Himmelsphänomen auf einer Schautafel für die Besucher erklärt.

Beste Sicht auf die Sonnenfinsternis in Bayern und Hamburg

Von Hamburg bis zur Zugspitze: Anderswo herrschte bestes "SoFi"-Wetter. Millionen von Menschen beobachteten durch gerade noch erhaschte "Sofi"-Brillen, wie der Mond sich langsam vor die Sonne schob. Andere drängten sich in Sternwarten.

An der Berliner Archenhold-Sternwarte bildete sich schon vor dem Himmelsschauspiel eine lange Schlange. Auch in Baden-Württemberg freuten sich Menschen über die "angeknabberte" Sonne: "Wir sehen die Sonnenfinsternis jetzt schon volle Kanne", berichtete der Astronom Hans-Ulrich Keller gegen 10.00 Uhr aus der Sternwarte Welzheim. Das Maximum der Sonnenfinsternis war in Deutschland je nach Ort kurz nach 10.30 Uhr. Dann wurde es vielerorts etwas düster.

Alexander Gerst guckte zusammen mit Schülern

Astronaut Alexander Gerst betrachtete mit Schülern vom Berliner Technikmuseum aus die "Sofi", wo gerade Sieger im Ideenwettbewerb "Beschützer der Erde" geehrt wurden. In der Volkssternwarte Hannover verfolgten rund 200 Menschen das Schauspiel, vor den vier Teleskopen bildeten sich lange Warteschlangen. Die Sternwarte hatte sogar noch rund 50 der vielfach ausverkauften "Sofi"-Brillen im Angebot. Einige Schaulustige hatten sich aus Kartons ihren Schutz selbst gebastelt.

Beim Volkswagen-Konzern gab es keine Extrawurst für die Arbeiter. Die Frühschicht habe aber in der Regel gegen 10.00 Uhr Pause, sagte ein Konzernsprecher. Damit hätten auch die Kollegen vom Fließband eine Chance gehabt, das Spektakel sehen. Ebenso verfuhr der Daimler-Konzern in Stuttgart. Selbst die Funktionäre des Fußball-Weltverbandes FIFA nutzten eine Sitzungspause in Zürich, um das Naturschauspiel zu verfolgen.

Auch die Royals schauten in den Himmel

Der niederländische König Willem-Alexander und seine Frau Máxima hatten bei ihrem Besuch in Hamburg Glück, denn der Nebelschleier in der Stadt riss gelegentlich auf. So konnten auch sie einen Blick auf das Himmelsschauspiel werfen. Auf Sylt, wo der Mond die Sonne mit 83 Prozent am stärksten in Deutschland bedeckte, war es wie in vielen anderen Teilen Schleswig-Holsteins dagegen dicht bewölkt.

Je nach Standort in Deutschland verdeckte der Mond maximal 66 bis 83 Prozent der Sonnenscheibe. Ganz dunkel wurde es dort somit nicht. Nur in einem schmalen Streifen auf dem Nordatlantik verfinsterte sich die Sonne komplett. Darin liegen die Färöer-Inseln und Spitzbergen. Eine Wolkendecke hatte auf den Färöern jedoch im entscheidenden Augenblick die Sicht auf die totale Sonnenfinsternis versperrt. Kurz danach klarte es auf. Enttäuscht waren die meisten der angereisten Touristen dennoch nicht. "Es ist schon ein seltener Anblick und beeindruckend zu sehen, wie das Tageslicht innerhalb weniger Minuten ausgeht und wieder angeht", sagte Christoph Hennigfeld aus Düsseldorf.

Stromnetz besteht Stresstest

Sonnenfinsternis Das deutsche Stromnetz bestand den Stresstest "Sofi" nach Angaben der Betreiber mit Bravour. Bundesweit habe es keine Engpässe oder Stromausfälle gegeben, berichteten die vier Betreiber. "Uns fällt ein großer Stein vom Herzen. Alles lief wunderbar", sagte der Geschäftsführer Systembetrieb bei 50Hertz, Dirk Biermann, in Neuenhagen bei Berlin. Nach der maximalen Abdeckung der Sonne durch den Mond mussten die Netze innerhalb kurzer Zeit einen gewaltigen Solarstrom-Anstieg verkraften: von unter 7000 auf knapp über 20 000 Megawatt. Die Leitungen hielten. "Das ist ein gutes Signal für die Energiewende", meinte Biermann. Zur Sicherheit hatten die Betreiber Reservestrom gekauft und einen Teil genutzt. Das kostete etwa 3,5 Millionen Euro - eine überschaubare Summe, da es pro Jahr weit über 20 Milliarden Euro an Förderung für die erneuerbaren Energien gibt.

Wer die Sonnenfinsternis verpasst hat muss lange warten: Erst am 25. Oktober 2022 ist eine partielle Sonnenfinsternis von Deutschland aus zu sehen. Die nächste totale Sonnenfinsternis gibt es über Europa 2026 - und in Deutschland erst 2081. (dpa)