Rentner tötet Frau aus Verzweiflung

Bonn..  Es war eine Unfallmeldung von der Art, wie sie oft in den Zeitungen stehen. Am 9. November des vergangenen Jahres hat sie der Polizeireporter der Kölnischen Rundschau aufgeschrieben: „Zwei Schwerverletzte und erheblicher Sachschaden. Das ist die vorläufige Bilanz eines schweren Unfalls auf der Bundesstraße 56 in Bonn. Ein Mercedes war am Sonntag aus bisher nicht bekannten Gründen von der Straße abgekommen und gegen einen Baum gerast.“ Inzwischen sind die Gründe bekannt. Heute Vormittag werden die Richter am Landgericht Bonn ihr Urteil im Prozess gegen den Autofahrer verkünden, der damals vorsätzlich gegen den Baum raste. Er wollte seine kranke Ehefrau töten. Und sich selbst.

Sein Versprechen halten

„Ich hatte meiner Frau versprochen, sie niemals alleine zu lassen“, sagte er in der vergangenen Woche im Gerichtssaal. Im seien die Kräfte ausgegangen, seine eigene Gesundheit hatte sich verschlechtert. Er fürchtete, sein Versprechen nicht mehr halten zu können. Und entschied sich für eine Suizidfahrt. Während er überlebte, erlag seine Frau ihren Verletzungen. Der Staatsanwalt hat dem 85-Jährigen heimtückischen Mord vorgeworfen. Doch noch während der Verhandlung wurde der Vorwurf fallen gelassen. Der Vorwurf lautet nun „Totschlag“. Eine Bewährungsstrafe scheint möglich.

An einem Sonntagmorgen hatte der Angeklagte seine Frau nach dem gemeinsamen Frühstück zu einem Besuch bei der Tochter überredet. Dort aber kamen sie nie an. Stattdessen fuhr er auf der B56 im Bonner Stadtgebiet wiederholt die schnurgerade Straße rauf und runter, bis er kein anderes Auto gefährden konnte, gab Gas und fuhr mit 75 Kilometern pro Stunde gegen eine Birke. Die 81-Jährige starb zwei Tage später im Krankenhaus. Der Angeklagte überlebte, musste aber wegen Suizidgefahr in der Landesklinik aufgenommen werden.

Die Frau, mit der er 60 Jahre verheiratet war, war seit Jahren ein Pflegefall: Blutarmut, Schilddrüsen-OP und schließlich auch Wirbelbrüche, nach der letzten OP im Sommer 2013 wurde sie rapide dement und hatte Angstzustände. In den Tagen vor der Suizidfahrt hatte auch der herzkranke Angeklagte zunehmende körperliche Probleme – eine Augen- und eine Aorta-Operation standen an: „Ich hatte Angst, vollständig zu erblinden und ebenfalls dement zu werden – und meine geliebte Frau nicht mehr pflegen zu können.“

Wehrlosigkeit ausgenutzt

In der Nacht zuvor fasste er den einsamen Entschluss, ihr Leben gemeinsam zu beenden. Er habe nicht geschlafen, schilderte er dem Gericht. Stattdessen ordnete er die Papiere für die beiden Kinder, die von seinem Plan keine Ahnung hatten. Der gemeinsame Tod schien ihm damals die einzige Lösung. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, die 81-jährige Ehefrau nicht in den Suizidplan eingeweiht und damit ihre Arg- und Wehrlosigkeit ausgenutzt zu haben.

„Die Geschichte raubt mir heute den Schlaf“, erzählte der alte Mann unter Tränen. „Ich muss allerdings sagen, es wäre auch ihr Wunsch gewesen, dass wir gemeinsam sterben. Dennoch weiß ich, dass ich große Schuld auf mich geladen habe.“

Der 60-jährige Sohn bestätigte als Zeuge, dass der Vater sich jahrelang aufopferungsvoll um seine Frau gekümmert habe – und dass das Paar bis zum letzten Tag unzertrennlich gewesen sei. In welcher Not sein Vater gewesen sei, das habe er nicht geahnt...

Prozessbeobachter gehen nicht davon aus, dass der 85-Jährige heute ins Gefängnis muss. „Jetzt sind wir beide alleine. Das wollte ich nicht“, soll der Rentner zum Schluss der Gerichtsverhandlung noch gesagt haben. Für die Todesanzeige, die er gemeinsam mit seinen Kindern für seine Frau in der Zeitung aufgegeben hatte, hatte er einen Spruch von Dietrich Bonhoeffer ausgesucht: „Es gibt nichts, was die Abwesenheit eines geliebten Menschen ersetzen kann. Aber das vergangene Schöne trägt man wie ein kostbares Geschenk in sich.“