Rad und Tat auf der "Reise & Camping"-Messe in Essen

Das Wandern ist nicht nur des Müllers Lust, sondern definitiv gesund.
Das Wandern ist nicht nur des Müllers Lust, sondern definitiv gesund.
Was wir bereits wissen
Wer auf der „Reise & Camping“ Gesundheitsangebote sucht, findet Rad und Tat – und Wellness mit viel Whirlpools. Am meisten Wert auf körperliche Ertüchtigung legen sinnvollerweise die FKK-Sportler.

Essen.. Ein anständiger Deutscher wird im Urlaub niemals faulenzen. Denn, so will es das Bundesurlaubsgesetz von 1963: Urlaub ist „bezahlte Freizeit, die der Wiederherstellung und Erhaltung der Arbeitskraft des Arbeitnehmers dienen soll“. Urlaub heißt: an sich arbeiten statt nicht zu arbeiten.

Am Doktor-See wartet kein Badearzt

Die Aussteller auf der Messe „Reise und Camping“ haben das verinnerlicht. Wilhelm Dickhage zum Beispiel. Der Mann ist 74 und sitzt dort im Auftrag des sauerländischen Hönnetals. Das einzige, das bei ihm ans verdiente Rentnerdasein gemahnt, ist das Frühschoppenbier vom nahegelegenen Stand einer Privatbrauerei. Dickhage hat noch vor der ersten Frage eine Hand voll Antworten: „Hier: Höhenflug Sauerland. Gehense den Weg mal schnell, bevor die Bäume nach Kyrill wieder hochwachsen.“ Wandern ist Fitness mit Tradition. Wer wüsste das besser als der ehemalige Hotelier.

Gleich am Anfang der Messe wirbt ein Stand für „Alternative Heilwege“, nennt Farbstrahlen als Therapieform. „Die glücklichste Reise ist der Weg nach innen“, steht drunter. Dagegen lässt sich wenig sagen. Beim Wandern trägt mancher ohnehin gern ein spirituelles Gewand: Pilgern auf doch reichlich ausgelatschten Jakobswegen wird mehrfach angeboten.

Innere Einkehr reicht jedoch nicht: Touristiker lieben Wanderer der Jausen und Pausen wegen. Im Rucksack hat er hoffentlich Dukaten fürs Wellness-Hotel. Whirlpools scheinen auch für sprudelnde Gewinne zu stehen. Es gibt aber auch den „Doktor-See“. Nein, erklärt die nette Frau am Strand-Stand, auf dem Campingplatz wirkt kein Leibarzt. Dereinst, als Rinteln eine Uni hatte, bis ins Jahr 1810, weideten die Akademiker dort ihre Rindviecher. Und weil es Doktoren auch hungert und dürstet, entstand das Wirtshaus Doktorweide. Später wurde Kies gegraben, die Weser holte sich die Wiesen und gebar den Doktorsee, heute Badeplatz auch für akademische Nichtschwimmer.

Apropos Schwimmer: Ein Campingstand in der Nähe wirbt mit auffällig vielen Angeboten zur Körperertüchtigung: Der „Sportbund Helios“ bietet Trampolin, Badminton, Fußballtennis, Volleyball. Der Verein „Natur und Sport am Chiemsee“ addiert noch „Großschach“. Kein Wunder: Wir sind am Strand der Naturisten, die urlauben paradiesisch. Also nackt. Da ist es fürs Auge angenehm, wenn die enthüllten Körper dann ebenfalls möglichst paradiesisch aussehen.

Bei Jörg Klaverkamps „Rucksack-Reisen“ empfiehlt sich jedoch ein Outdoor-Outfit: Paddeln, Kanuwandern, Wildnis-Trips mit Karte und Kompass statt Handy-App. Sportlicher wie geografischer Höhepunkt: Radtouren über die Alpen. Radeln ist ohnehin das häufigste Fitness-Angebot hier. Nicht ohne Grund hat die Reise&Camping seit ein paar Jahren auch die Fahrradmesse unter dem Dach: Kaum ein Tourismus-Verband, der nicht neue Fernradwege auslobt. Ob es noch alte Bahndämme und Flussufer gibt, wo nicht gestrampelt wird? Kaum vorstellbar in der Fitness-Welt.

Gibt es noch Bahndämme, die kein Radweg sind?

Jedenfalls kommt auch Messe-Veteran Dickhage in Tritt: „Der Zabel ist ja Fröndenberger“, sagt er. Der Grüne-Trikot-Tour-de-France-Held war zum Glück Sprinter. Deswegen muss man für Zabels Route von Fröndenberg nach Wickede und zurück gerade mal 21 Kilometerchen strampeln, und die steigungsfreie Variante kommt gar mit 17 Kilometern aus. Klingt, als wüssten Sauerländer noch die berühmte Work-Life-Balance zu halten: Das Gleichgewicht zwischen Selbstoptimierung und Beine hochlegen.

Wer die dabei verknoten will und doch die Reise ins Innere antreten will: Bad Meinberg wirbt erfolgreich, Yoga-Hauptstadt Europas geworden zu sein. Es liegt ja auch ungefähr dort, wo NRW Indien am nächsten kommt. Und besser als rumsitzen und Nichtstun ist meditieren ja allemal, zumindest im Sinne des Urlaubsgesetzes.

Die „Reise&Camping“ und die Fahrradmesse sind noch bis Sonntag geöffnet, jeweils von 10 bis 18 Uhr, Eintritt: 8,50 Euro, Familienticket 12 Euro.

Wer nicht hinwandern oder radeln will: Im Internet gibt es für vier Euro extra ein Kombiticket mit Bus&Bahn-Nutzung. Weitere Infos: www.die-urlaubswelt.de