Prozess gegen "Düsseldorfer Zelle" im Hochsicherheitstrakt

Halil S. wird nach seiner Festnahme in Bochum auf dem Gelände des Bundesgerichtshofes von Polizisten abgeführt.
Halil S. wird nach seiner Festnahme in Bochum auf dem Gelände des Bundesgerichtshofes von Polizisten abgeführt.
Foto: dapd
Sie sollen einen Bombenanschlag auf eine große Menschenmenge im Rhein-Ruhr-Raum geplant haben – im Auftrag der Al-Qaida-Führung: Vier mutmaßliche Terroristen der „Düsseldorfer Zelle“ stehen ab 25. Juli vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf. Der Kopf der Gruppe hat in Bochum studiert und gewohnt.

Düsseldorf/Bochum.. Es ist einer der spektakulärsten Terrorprozesse in Deutschland: Die vierköpfige „Düsseldorfer Zelle“ um die in Bochum gefassten mutmaßlichen Terroristen Abdeladim El-K. und Halil S. steht ab 25. Juli vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf. Die Gruppe soll von der Al-Qaida-Führung den Auftrag bekommen haben, einen schweren Terroranschlag in Deutschland zu verüben. So lautet die Anklage der Bundesanwaltschaft. Vier Männer sind beschuldigt: der Deutsche Halil S., der Marokkaner Abdeladim El-K. (beide aus Bochum) sowie der Deutsch-Marokkaner Jamil S. und der Deutsch-Iraner Amid C..

Der Prozess im OLG-Hochsicherheitstrakt am Kapellweg verspricht bundesweites Interesse. Denn die Vorwürfe der Bundesanwaltschaft wiegen schwer.

Laut Anklageschrift hat sich die Al-Qaida-Führung um den inzwischen verstorbenen Shaik Atiyatallah al-Libi spätestens Anfang 2010 zu Terroranschlägen in Europa entschlossen. Ein bevorzugtes Ziel: Deutschland. Scheich Younis Al Mauretani, der damals als „Außenminister“ von Al-Qaida galt, soll dazu militante Dschihadisten rekrutiert haben. Die Auserwählten sollten nach einer Ausbildung im Umgang mit Sprengstoff und Verschlüsselungstechniken in Europa Al Qaida-Zellen aufbauen. Die Formierung der Zelle für Anschläge in Deutschland sei Sache von Abdeladim El-K., 30, gewesen, sagen die Bundesanwälte.

Von der Bochumer Uni in den Dschihad

El-K. studierte und wohnte in Bochum. 2009 soll er sich für den gewaltsamen Dschihad in Afghanistan entschieden haben. Der Marokkaner sei im Januar 2010 in ein Al-Qaida-Ausbildungslager im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet gereist, dort im Umgang mit Schusswaffen sowie in der Herstellung von Sprengstoffen und elektronischen Zündvorrichtungen geschult worden. Er sei außerdem in Verschlüsselungsmethoden und -programme der Terrororganisation eingewiesen worden. Und er habe Zugriff auf Bombenbauanleitungen sowie Computerprogramme zur Produktion von Bekenner-Videos bekommen.

Im Mai 2010 soll El-K. im Auftrag der Al-Qaida-Führung nach Deutschland eingereist sein und drei Männer für Anschläge angeworben haben, die er aus seiner Studienzeit in Bochum kannte: Jamil S., Amid C. und Halil S.. Die Ausweisung von El-K. im Juli 2010 habe zunächst sämtliche Terrorpläne durchkreuzt. Mit Hilfe von Jamil S., 32, sei El-K. Ende November 2010 aber mit falschen Ausweispapieren wieder nach Deutschland eingereist. Anschließend hätten die Männer ihre Anschlagspläne forciert.

Eurovision Song Contest im Visier

Geistiger Führer war demnach El-K.. Er habe den anderen die Ziele und Strategien von Al-Qaida schmackhaft gemacht, sagt die oberste deutsche Anklagebehörde. Er habe sie konspiratives Verhalten gelehrt und durch Kampfsporttraining auf das beabsichtigte Attentat vorbereitet. Ab Dezember 2010 soll sich El-K. ein Bild von den Sicherheitsvorkehrungen an öffentlichen Gebäuden, Flughäfen und Bahnhöfen gemacht haben. Offenbar war eine größere Menschenmenge im Rhein-Ruhr-Raum ein mögliches Ziel, spekuliert wurde damals über den Eurovision Song Contest 2011 in Düsseldorf oder einen Nahverkehrsbahnhof.

Jamil S. habe El-K. in seine Düsseldorfer Wohnung aufgenommen und für dessen Lebensunterhalt gesorgt. Dafür habe Jamil S. bei der Herstellung des Sprengstoffes helfen sollen. Den beiden anderen Mitbeschuldigten wären vor allem logistische Aufgaben zugefallen.

Chemikalien aus dem Internet

Der Job von Amid C., 20, sei es gewesen, die verschlüsselte Kommunikation sicherzustellen – sowohl die der Männer untereinander als auch die mit der Al-Qaida-Führung. Zudem habe er sich – gemeinsam mit El-K. – darum bemüht, weitere Personen für Anschläge zu gewinnen. Der Bochumer Halil S. soll zahlreiche Kontodaten mit den dazugehörigen Personalien beschafft haben. Die seien für Vermögensstraftaten zur Finanzierung der Vorhaben bzw. für die Internetbestellung von Chemikalien für das geplante Sprengstoffattentat vorgesehen gewesen.

Die Anschlagspläne verdichteten sich. Ab Anfang April 2011 versuchten El-K. und Jamil S. nach Ansicht der Anklagebehörde, Wasserstoffperoxid, Aceton und weitere Materialien zu beschaffen, die für die Herstellung von Sprengsätzen nötig sind. El-K. habe Jamil S. außerdem beigebracht, wie man aus handelsüblichen Grundstoffen Sprengstoff herstellt.

Sprengstofftest in Wohnung flog auf

Ein praktischer Probelauf soll Ende April 2011 in der Wohnung von Jamil S. stattgefunden haben: Dort hätten die Männer versucht, aus Grillanzündern Hexamin für Initialsprengstoff zu gewinnen. Dabei wurde der Gruppe ein „Kommunikationsfehler“ zum Verhängnis. Per Handy und Internet redeten die Männer über den „bevorstehenden Test“. In der Leitung lauschten die Fahnder längst mit. Und schlugen gleich anschließend zu: Beamte des Bundeskriminalamtes und der Anti-Terror-Einheit GSG 9 nahmen die drei mutmaßlichen Al-Qaida-Mitglieder in Düsseldorf und Bochum fest. Zugleich durchsuchten starke Einsatzkräfte mehrere Wohnungen in Nordrhein-Westfalen.

Halil S. wurde zunächst nicht gefasst. Er habe seine Identität verschleiert und sei so der Festnahme entgangen, sagt die Bundesanwaltschaft. Die Anschlagspläne allerdings habe er weiterverfolgt, gemäß den Vorgaben der Al-Qaida-Führung. Einerseits habe der Bochumer versucht, Schusswaffen und Munition zu beschaffen. Andererseits habe er Vermögensdelikte begangen, um Anschläge zu finanzieren. Dazu baute er nach den Erkenntnissen der Bundesanwälte ein ganzes Betrugsnetz auf.

Viele Basiscamps im Ruhrgebiet

Als Basiscamps soll Halil S. zahlreiche Wohnungen im Ruhrgebiet angemietet haben. Gemeinsam mit Kumpanen in Kiel habe er sich dann Zugang zu Ebay-Konten Dritter verschafft und über die „gehackten“ Konten zum Schein digitale Spiegelreflexkameras angeboten – für insgesamt 25 000 Euro und gegen Vorkasse. Einige Fotofreunde fielen offenbar rein: So seien 5200 Euro auf ein Empfängerkonto geflossen, das die Gruppe unter falschem Namen eingerichtet habe. Laut Anklagebehörde bestellte Halil S. unter falscher Identität auch Notebooks, die allerdings nur zum Teil ausgeliefert worden seien.

Die Anklagebehörde ist davon überzeugt, dass die Mittäter aus Schleswig-Holstein nichts von den eigentlichen politischen Motiven des Halil S. wussten. Sie hätten sich ausschließlich illegal bereichern wollen. Deshalb hatte sie die Staatsanwaltschaft Kiel im Visier.

Prozess im Hochsicherheitstrakt

Am 8. Dezember 2011 ging Halil S. den Ermittlern ins Netz. GSG 9-Einheiten nahmen den Mann in seiner Bochumer Wohnung fest. Gleichzeitig durchsuchten 150 Polizeibeamte in NRW, Schleswig-Holstein und Hamburg 16 Wohnungen und zwei Geschäfte. Bei weiteren fünf Tatverdächtigen aus dem unmittelbaren Umfeld von Halil S. im Revier reichte der Anfangsverdacht für einen Haftbefehl nicht aus.

Der Prozess gegen die sogenannte „Düsseldorfer Zelle“ beginnt am 25. Juli um 9.30 Uhr im Hochsicherheitstrakt des Oberlandesgerichts Düsseldorf. Die Vorsitzende Richterin Barbara Havliza hat 30 Hauptverhandlungstermine bis Ende November 2012 festgelegt. Ob alle so durchgeführt oder weitere anberaumt werden, richtet sich nach dem Prozessverlauf.