Pokal zu Besuch - Weltmeister für einen Tag

Anstehen fürs WM-Gucken: 2014 Menschen dürfen rein, immer in Elferteams, versteht sich.
Anstehen fürs WM-Gucken: 2014 Menschen dürfen rein, immer in Elferteams, versteht sich.
Foto: Lars Heidrich
Was wir bereits wissen
Der WM-Pokal aus Rio ist zu Gast bei der SV Rheinwacht Stürzelberg. Und die will die goldene Trophäe der Nationamannschaft als Katalysator nutzen: Der Aschenplatz soll sich in Rasen verwandeln

Dormagen.. Heute sind sie alle ein bisschen Weltmeister. Der WM-Pokal ist da. Der aus Rio. Zu Gast bei der SV Rheinwacht Stürzelberg von 1928. Güldener Glanz in der Fußballprovinz: Wenn es in der Vereinshymne „Rot und Weiss“ heißt: „Bis ans Ende der Welt folgen wir Dir“, bedeutet das Auswärtsspiel bei Bayer Dormagen statt Bayer Leverkusen, Reisen nach Rommerskirchen statt Rio.

An der holzverkleideten Wand im Dachgeschoss des Vereinsheims hängt Berti Vogts’ Autogramm aus dem Gladbacher Meisterjahr 1977 und der Vereinswirt bietet erst einen Handschlag und dann zwei Bockwürstchen mit Toast für 2,50 Euro an. Draußen fegt böiger Westwind die rote Asche über die tapferen Bambini-Kicker von Kitas und Nachbarvereinen.

„Es war ein wenig wie in der Geisterbahn“

So sieht es aus, wo der Fußball wirklich nach Hause kommt, in vielen der knapp 25 000 Vereine im Land. Doch für den SV Rheinwacht ist Festtag, heute glänzt der Fußball in Gold, heute stehen zwei schwarze DFB-Trucks neben dem Vereinsheim, muss der Ordner auf der Schulstraße den randalierenden Rentner beruhigen: Ein Pokalhooligan, der einfach gucken will. Und keines der 2014 Tickets hat.

So wie Inge Hammes und ihr Freund Hermann Dedie. „Es war ein wenig wie in der Geisterbahn“, sagt Inge. Gänsehaut gibt es aber nicht nur wegen des dunklen Gangs hin zum Panzerglasschrein, sondern auch wegen der Videos. Die zeigen noch einmal die Spiele von Rio und die WM-Erfolge. Heute jährt sich das 7:1 gegen Brasilien, heute vor 25 Jahren schoß Andi Brehme in Rom die Deutschen zum dritten Titel. Fußballfesttag.

Noch wichtiger ist auf dem eigenen Platz: Die Asche soll einer neuen Platzanlage weichen. Rasen und Kunstrasen für 160 Kicker im Jugend- und Seniorenbereich. Und Duschen, in denen nicht Rost und Schimmel wiehern und die dennoch 2500 Euro Nutzungsgebühr im Jahr kosten. Doch heute lamentiert darüber niemand. Heute sind sie Weltmeister für einen Tag.

So wie Jonas. Er ist der Erste, der gucken durfte im Truck. „Das ist ein bisschen, als ob man schwebt“, sagt der elfjährige D-Jugend-Kicker. Links hinten spielt er und sagt, dass er irgendwann diesen Pokal mal anfassen möchte, ohne Panzerglas dazwischen. Den Weg dahin kennt er: „Ich will für Borussia Dortmund spielen“, sagt er. Immerhin ist er jetzt in der Sportklasse der Gesamtschule Nievenheim. Ist ja schon mal was.

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Der Vereinsvorsitzende Michael Krause will Jonas bessere Bedingungen bieten: Den Kunstrasen. Klar haben sie viele der 2014 Pokal-Guck-Tickets verschenkt, aber sie haben sie auch versteigert. Und neben Mettbrötchen und der CD mit der Vereinshymne steht die Spendenbox, in der ein Umschlag des Dormagener Bürgermeisters verschwindet, ein VIP-Gast heute. Eine fünfstellige Summe soll am Ende drin sein, hofft der Vereinschef. Denn 100 000 Euro muss der Verein aufbringen, abzüglich Muskelhypothek. Nur dann wird es was mit der neuen Sportanlage.

Auf Asche wollen selbst Jugendmannschaften nicht mehr

63 Stationen absolviert der Pokal auf seiner Ehrenrunde durch die deutsche Fußballprovinz. Aus der auch die Weltmeister von Rio stammen. Die lernten das Kicken nicht nur bei Schalke, sondern auch bei Westfalia Gelsenkirchen. Nicht nur bei Borussia Dortmund sondern auch beim TSV Pahl, der SG Blaubach-Diedelkopf oder dem FC Bergheim. Peter Frymuth, Chef des Fußballverbands Niederrhein und DFB-Vizepräsident erinnert daran.

Und daran, dass Fußball auch Jugend- und Sozialarbeit sei. Auch bei der Rheinwacht von 1928, die mit Feuerwehr und Schützenverein das Dorfleben prägt und dafür sorgt, dass es eine Straßenmeisterschaft alle Gassen Stürzelbergs zum Kicken bringt. Auf gute Nachbarschaft. Und die über der Heimat die Welt nicht vergisst, die Flüchtlinge einlädt und seit fast 50 Jahren ein internationales Pfingstturnier ausrichtet. Jugendteams mancher Bundesligamannschaften kicken da mit und Teams aus Spanien, Frankreich, Italien.

Dafür gab es 2008 eine Medaille des EU-Parlaments. Doch auf Asche wollen selbst Jugendmannschaften von Top-Teams nicht mehr antreten. Zeit, dass sich was dreht, mithilfe des Pokals und der heute eingespielten Euros. Weil niemand weiß, aus welchem Dorfklub oder Stadtviertelverein die nächsten Weltmeister kommen. Es könnte ja Stürzelberg sein.