Nordrhein-Westfalen baut ein Dorf im Nordirak

Kinder in einem Flüchtlingslager nahe Erbil. Dort leben 1200 Familien, die meisten von ihnen in Zelten.
Kinder in einem Flüchtlingslager nahe Erbil. Dort leben 1200 Familien, die meisten von ihnen in Zelten.
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
Hunderttausende Flüchtlinge leben im Nordirak unter schlimmen Bedingungen. Politiker aus NRW sammeln jetzt Geld für ein „Flüchtlingsdorf Ruhrgebiet“.

Erbil/An Rhein und Ruhr.. Es gibt auch im Leben von Bashar Ado Elias noch glückliche Momente, seinem Leben, das sich im Sommer vergangenen Jahres von einem Tag auf den anderen so dramatisch verändert hat. Vor wenigen Wochen ist seine Tochter Gule auf die Welt gekommen. „Ich habe geweint vor Freude“, erzählt er. In der Zeit davor hat er nur Tränen vergossen aus Trauer und aus Wut darüber, was in seiner Heimat geschieht. Der 33-Jährige ist einer von Hunderttausenden Flüchtlingen, die vor der Gewalt in Syrien und im Irak in die sicheren kurdischen Gebiete im Nordirak geflohen sind. Eine Initiative aus dem Ruhrgebiet und vom Niederrhein will diesen Menschen jetzt helfen.

Im August überrannte die Terrormiliz „Islamischer Staat“ die Heimatstadt von Elias, Bashiqa, einen dieser Orte in der Nineveh-Ebene nahe der nordirakischen Millionenmetropole Mossul, in denen seit Jahrhunderten Araber, Kurden, Christen und Jesiden Seite an Seite leben. Elias ist Jeside, er gilt den Fanatikern als Teufelsanbeter. Gnade konnte er nicht erwarten, er musste Hals über Kopf mit seiner Frau Amani fliehen, gemeinsam mit vielen anderen Familien aus der Stadt.

„Wir sind sieben Autos gefahren, vollgepfercht mit insgesamt 40 Menschen, darunter waren viele Kinder.“ Sie erreichten unversehrt die sichere Kurdenhauptstadt Erbil, lebten dort fast zwei Wochen auf der Straße, bis sie in einem Schulgebäude unterkamen. Es war gerade Ferienzeit. Jetzt lebt Elias mit seiner kleinen Familie in einem Wohncontainer, der mit Spenden aus der gemeinsamen Hilfsaktion von Funke Mediengruppe und Caritas im Ruhrbistum finanziert wurde. Gule wurde in diesem Container geboren, auf einer der Matratzen, die tagsüber an einer Wand gestapelt sind. Zwölf Quadratmeter einfachstes Leben. „Wir sind sehr dankbar für eure Hilfe“, sagt Elias und seine Frau lächelt.

Die Ferienzeit ist schon lange zu Ende, trotzdem sind einige der Klassenräume in der Schule noch immer mit Flüchtlingen besetzt. „Wir müssen improvisieren“, sagt Fahmi Slewa, der Generaldirektor für Bildung der Provinz. „Wir unterrichten die Kinder in Schichten. Die einen vormittags, die anderen nachmittags.“ 1,8 Millionen Flüchtlinge sind aktuell in der autonomen Region Kurdistan untergekommen. Kurden aus den syrischen Bürgerkriegsgebieten, Jesiden aus der Sindschar-Region, Christen aus der Nineveh-Ebene, Araber aus der zentralirakischen Provinz Anbar. Die Regierung tut, was sie kann. Es reicht nicht.

Hunderttausende leben in provisorischen Unterkünften

Bashar Ado Elias und seine Familie können sich glücklich schätzen. Noch immer leben Hunderttausende in provisorischen Unterkünften, windschiefen Zelten oder in Rohbauten. Besonders in Dohuk, der nördlichsten der drei kurdischen Provinzen, ist die Lage katastrophal. „Wir haben hier 820 000 Flüchtlinge“, erzählt Farhad Ameen Atrushi, der Governeur der Provinz. „Wir brauchen dringend Hilfe.“

Region Serdar Yüksel will helfen. Der Bochumer Landtags-Abgeordnete hat das Projekt „Flüchtlingsdorf Ruhrgebiet“ ins Leben gerufen. Die Idee: Städte und Firmen aus der Region spenden Geld für Wohncontainer, die im Nordirak zu einer kleinen Siedlung aufgebaut werden. „Das Leid der Menschen dort ist unermesslich“, sagt Yüksel. „Es wird noch viel zu wenig humanitäre Hilfe geleistet.“

Rund 83.000 Euro sind schon eingegangen, Bochum, Castrop-Rauxel, Essen und Hattingen haben bereits gespendet, aber auch Unternehmen wie Evonik, Ferrostaal, Hochtief, die NRW-Bank, die RAG und Mennekes. Das Geld reicht für 17 Container. 100 Wohncontainer – das ist das ehrgeizige Ziel von Yüksel.

Minister Schneider spendete aus der eigenen Tasche

Am Niederrhein will der Moerser Landtagsabgeordnete und integrationspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Ibrahim Yetim, für das Projekt die Werbetrommel rühren. „Ich finde die Idee klasse und unterstützenswert“, sagt Yetim, „ich werde am Niederrhein meine Fühler ausstrecken“.

Der Dortmunder Landtagsabgeordnete und Landessozialminister Guntram Schneider tut das Gleiche in Westfalen. Er hat schon aus eigener Tasche Geld für einen Container gespendet. So könnten neben dem Flüchtlingsdorf Ruhrgebiet im Nordirak auch die Flüchtlingsdörfer Niederrhein und Westfalen entstehen.