Zwei Wege führen nach Grafwegen SERIE
29.07.2008 | 20:26 Uhr 2008-07-29T20:26:28+0200SERIE. 90 Einwohner leben gerne eingeklemmt zwischen Reichswald und Grenze. Viel Ruhe, Natur und eine Künstler-Kneipe.
GRAFWEGEN. Hört sich an wie: Viele Wege führen nach Rom. Von wegen. Den kleinen Flecken für weniger als 90 Einwohner, der zur Gemeinde Kranenburg gehört, hat sich der gute Falk-Niederrhein-Atlas gleich gespart. Zuviel Holland drumrum. Zuviel Reichswald davor. Und zuwenig Straßen. Drei genau: Grafwegener Straße, Groesbecker Weg und Kartenspielerweg. Wer braucht da einen Stadtplan?
Es führen genau zwei Straßen in das Örtchen. Der eine ist nur für die Forstwirtschaft und Radfahrer frei. Und als verbotene Abkürzung für mutige Autofahrer, die sich mit dem Förster anlegen wollen. Er geht vier Kilometer schnurgerade, aber hügelig durch den Reichswald. Wer den Kartenspielerweg entlang fährt, hat unweigerlich das Gefühl, hinter der nächsten Kuppe fällt er von der Scheibe. Da kann nur Nichts kommen.
Die andere, offizielle Straße, geht sozusagen hintenrum. Streift Kranenburg und schlängelt sich dann schmalspurig an der Grenze zu Holland entlang. Links Reichswald, rechts Gegend. Ganz schön hügelig, wie sich da in Holland die sattgrünen Wiesen in die Landschaft schmiegen.
So, da sind wir - schon am Ende. Kaum hat man den Dorfplatz zur rechten - ja, sowas gibt es hier - passiert, fährt man sich auch schon nach nur zweihundert Metern weiter in der Sackgasse fest. Schluss mit Grafwegen. Dahinter Feld, Wald und Wiesen. Davor viele gelbe Kennzeichen. Und das sympathisch unakkurat zugewachsene Merlijn. Eine Kneipe. Eine holländische Kneipe auf deutschem Boden, in der es Appelgebak und Koffie gibt. Der Besitzer heißt Hendrik-Jan Janssen, ist ebenso sympathisch unakkurat zugewachsen und unterhält diese gastliche Stätte, die nicht auf Laufkundschaft vertrauen kann, "auf meine Art". Soll heißen, wer frei laufende Hühner und Hunde nicht ab kann und Vogelkacke auf den grau patinierten Holztischen im lauschigen Biergarten nicht ertragen, sollte seine Pause woanders machen. Der Koffie, den uns der Chef anbietet, ist aber lecker.
Zwölf Jahre ist Hendrik-Jan Janssen nun schon Kneipier. Und Maler. Und Aussteiger. Bis 1984 war er als Tiermediziner an der Uni Nimwegen tätig. "Das Merlijn ist eine Kultkneipe für Künstler und Intellektuelle", sagt er. Hört sich nicht gerade nach Dorftreffpunkt an? "Doch, ein paar aus dem Dorf kommen auch manchmal, aber die meisten kommen aus Holland rüber." Ist ja nicht weit. Der große Blonde mit den braunen Lederstiefelen hat hier sein Glück gefunden, hier "am Arsch der Welt". Er spricht freimütig das aus, was wir uns nicht zu denken trauten. Aber selbst auf dem Amt in Kranenburg, so erzählt Janssen, habe man ihn jüngst gefragt: "Grafwegen? Wo ist das denn?"
Pünktlich Schluss
Na hier eben, wo auch der Restaurantbetrieb nicht in Arbeit ausartet, weil immer pünktlich Schluss ist. "Abends habe ich nicht auf. Das sind die verkehrten Leute, die sich spät in diese abgelegene Gegend verirren", brummt der Chef in seinen Bart. Auf der anderen Seite der Grenze geboren, hat Hendrik-Jan häufig hier im Garten gespielt. So bescherten ihm private Kontakte die Möglichkeit, das Haus in diesem "Reservat", wie er es nennt, zu kaufen. Mit den älteren Grafwegenern hat er kaum zu tun. Von ihnen weiß er nur, "dass jeder zweite Ärger mit dem anderen hat. Kommt wohl noch aus der Schmuggelzeit, als die Grenzen noch zu waren und der Kaffee in Holland billig." Da habe man sich gegenseitig die Abnehmer der Ware abspenstig gemacht.
Vor seinem Haus am Kartenspielerweg mäht ein junger Mann den Grünstreifen, der die geteerte Straße vom Reichswald trennt. Es ist Martin Zillig, 32 Jahre alt. Was treibt einen jungen Menschen in diese Gegend? "Die Ruhe", lacht er. "Stadt finde ich schick, aber abends will ich Ruhe und Natur haben. Meiner Frau geht es genauso." Martin hat seine Wurzeln hier. Zillig ist eine von zwei größeren Sippen, die in Grafwegen wohnen. Sein Onkel Hubert Zillig ist Dorfvorsteher und Vorsitzender der Dorfgemeinschaft - und gerade in Urlaub. Martins Eltern waren schon Grenzgänger, seine Mutter Holländerin. Er arbeitet in Nimwegen, hat bis vor kurzem noch an der Maas gewohnt - "Auch sehr ruhig" - und seine Frau ist ebenfalls Holländerin. Nimwegen ist von hier aus 15 Kilometer entfernt. Und wenn man Grafwegen als Vorort dieser Großstadt nimmt, liegt es auch nicht weniger zentral als andere Schlafvororte anderer Städte. Insofern zieht es auch immer mehr Holländer in dieses Nest, das so an der Grenze klebt. Wahlberechtigt sind von den etwa neunzig Einwohnern nur weniger als die Hälfte.
Und wenn es nach Martin Zillig geht - der Ruhe ist noch nicht genug: Er wartet darauf, dass das einsam gelegene Forsthaus im Reichswald frei wird, Das wäre die Krönung. So wie das alljährliche Dorffest. An dem man sich an der alten Schule trifft.
Es ist nicht leicht, um die Mittagszeit jemanden in Grafwegen zu treffen. Wir schellen die Langes raus, weil wir da jemanden ein Pony von der Wiese holen gesehen haben. Superschön gepflegter Garten, gefegter Dörpel - echte Niederrheiner eben. Die auch erst mal vorsichtig hinter der Scheibe gucken, wer da grad' geschellt hat. Ob er uns was über die alten Schmugglerzeiten erzählen kann? "Ach was", sagt Heinz Lange, "da drüben waren vier-acht-zwölf Zöllner jeden Tag präsent", und weist auf die drei alten Zöllnerhäuser gegenüber, die inzwischen kaum noch so aussehen, "da traut man sich doch nicht." Die Landwirtschaft hat ihm und seiner Frau Maria das Überleben gesichert. Und ein Foto von ihm und seiner Frau - och, nö. "Fotografieren Sie doch den Garten."
Grafwegen ist ein richtiges Dorf. Mit einem Mittelpunkt, der alten Schule, die inzwischen zum Dorfgemeinschaftshaus wurde. Der Weihnachtsbasar rundherum soll legendär sein. Davor haben die Grafwegener für die vielen Radfahrer, die ihr Dorf besuchen, ein Pavillon gesetzt. Damit sie in dessen Schatten oder unter dessen Dach Pause machen können. Heute ist niemand da. Es führen ja auch nicht viele Wege nach Grafwegen.
22:32
!ch ,Hans-Jürgen Berson wohne schon seit Okt. 1969 in Frankfurt. Mein Onkel und meine Tante waren vorher Inhaber dieses Lokals..Meine Mutter hat dort öfter ausgeholfen.Mein Vater hatte den Bogen über der Theke gemauert.Ich war früher, vor 1963 ,als Messdiener sonntags mit Pfarrer Max Opheys aus Frasselt in der Barake auf dem heutigen Dorfplatz zum Gottesdienst.Es kamen auch viele Niederländer.
Vor dem Gottesdienst hörte unser Pfarrer die Beichte - ich läutete eine kleine Glocke.
Nach dem Gottesdienst gab es bei Familie Scholten ein Frühstück.
Der Kartenspielerweg war auch einen ganzen Sommer wegen Waldbrand gesperrt. Im Winter war Grafwegen oft wegen Schneeverwehungen von der Außenwelt Kranenburg und heutigen B 504 abgeschnitten.
Der Kartenspielerweg kam zu seinem Namen, weil früher die Bauern aus Grafwegen mit Pferd und Wagen über diesen Weg nach Kleve fuhren.
Da dieser Weg bis Kleve immer geradeaus geht und die Pferde den Weg kannten, konnten die Bauern ganz ruhig Karten spielen.
Das fällt mir heute als 60 jähriger zu Grafwegen ein.