Ziemlich Kunstvoll

Kunst sta(d)tt Leerstand - Ausstellung verschiedener Künstler in leerstehenden Ladenlokalen in Dinslaken.
Kunst sta(d)tt Leerstand - Ausstellung verschiedener Künstler in leerstehenden Ladenlokalen in Dinslaken.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Galerie auf Zeit – an diesem Wochenende füllen Künstler leerstehende Geschäfte in Dinslaken

Dinslaken..  Mr. and Mrs. Balloon sind weit gereist: In Dubai und New York, ja in fast ganz Europa haben sich die beiden Strichmännchen mit ihrem roten Luftballon in der Hand schon verewigt – Bilder ihrer Reisen gibt’s jetzt in Dinslakens Altstadt zu sehen. Ob anonyme Streetart wie die aus „Balloonien“, Fotografie, Graffiti, klassische Malerei, Upcycling oder Comiczeichnungen: „Kunst sta(d)tt Leerraum“ heißt die Aktion, bei der 40 Künstler aus der Region, aber auch aus Freiburg oder Hamburg bis Samstagabend sieben leerstehende Ladenlokale in der Innenstadt zu Galerien machen.

Der kreative Kopf dahinter ist Benjamin Perdighe. In diesen Tagen ist der 37-jährige Dinslakener das Mädchen für alles. Vor seinem Projektbüro trifft er sich zur Schlüsselübergabe mit den Künstlern, fährt auf dem Rad kreuz und quer durch die City, hängt Plakate auf, kümmert sich darum, dass es in den Leerständen Strom gibt. „Aus Liebe zur Kunst“ habe er das Projekt im vergangenen Jahr erstmals gestartet. „Und weil es hier viele kreative Leute, aber wenig Foren für Künstler gibt. Es war ein Experiment.“

Max Zorn ist mit Tape-Art dabei

Ein erfolgreiches: „Gerade viele Kinder und Jugendliche haben die Künstler da in den Ladenlokalen besucht, das war auffällig“, erinnert sich Svenja Krämer von der Wirtschaftsförderung der Stadt. In Sachen „Kunst sta(d)tt Leerraum“ ist sie in diesem Jahr wieder die Frau an Perdighes Seite. Auch die Künstler kommen gerne wieder. Max Zorn, Streetartist aus Amsterdam, dessen Tape-Art – Kunstwerke aus Paketklebeband – international bekannt ist, hat sogar die Art Basel abgesagt, um nach Dinslaken zu kommen.

Nicht nur in Dinslaken gibt es unliebsame Leerstände, und die Idee, sie mit Kunst zu füllen, ist nicht neu. In Oberhausen oder Essen etwa gibt es ähnliche Aktionen. Svenja Krämer: „Natürlich wollen wir damit die Innenstadt beleben und auch neue Kunden nach Dinslaken bringen, um die Leerstände wieder zu vermieten.“ Bei vier der sieben im vergangenen Jahr zu Galerien auf Zeit umfunktionierten Räumlichkeiten sei das bereits gelungen. Trotzdem gibt es aktuell noch 25 leerstehende Ladenlokale in der Stadt. „Wir wollen auch zeigen, dass Leerstände nicht immer nur schlecht sind“, betont Svenja Krämer, „man kann sie positiv nutzen.“

Mit Kunstwerken darin wirke ein eigentlich verwaistes Ladenlokal ganz anders. Gleichzeitig nehme die Aktion Menschen die Scheu vor Kunst, mache sie greifbarer. „Viele Besucher waren noch nie in einem Atelier. Die Hemmschwelle ist viel niedriger, einen Laden zu betreten und sich dort ausgestellte Kunstwerke anzusehen.“

Zu bestaunen gibt’s links und rechts des Weges eine Menge: Mitten auf der Einkaufsstraße hat Walburga Schild-Griesbeck vom Lohberger Atelier Freiart die ehemaligen Räumlichkeiten eines Schuh-Discounters bezogen. Noch hängt eines ihrer Bilder verlassen in dem viel zu großen Raum. Das soll sich ändern: „Kunst ist dafür da, gesehen zu werden“, findet die 61-Jährige. „Ich freue mich darauf, mit jungen, wilden Künstlern zu arbeiten.“

Ein paar Meter weiter stapeln sich auf dem staubigen Boden Asad Amanis Leinwände. Die düsteren Ölgemälde zeichnen fast alle Bilder von Kriegsszenarien, die in Syrien, Afghanistan und im Irak spielen.

Streetphotography aus aller Welt

„Sie sind in meiner Phantasie entstanden“, erzählt der 29-Jährige aus Düsseldorf. Aber die Kunstwerke haben einen traurigen Hintergrund: Der junge Mann aus Afghanistan ist selbst Kriegsflüchtling, musste seine Heimatstadt Kabul, seine Familie und die Galerie dort vor fünf Jahren verlassen. Auf anderen Bildern gibt es Lichtblicke: Lachend tanzen Menschen auf einer Wiese. Im See dahinter versinkt die rote Sonne.

Südostasien, Nordamerika oder Neuseeland liegen manchmal nur wenige Schritte von Dinslakens Innenstadt entfernt. Gespenstisch grinsend starrt da der Buddha vor dem laotischen Tempel sein Gegenüber an, andere Aufnahmen zeigen Straßenszenen aus Asiens Großstädten oder die Redrocks in Arizona. Vor allem aber Menschen haben es Daniel Tom-czak angetan. Da ist das Porträt der faltigen Frau aus Vietnam. „Gesichter erzählen Geschichten“, sagt der 30-Jährige. Die fängt der Fotojournalist auf seinen Reisen mit der Kamera ein. „Angefangen habe ich mit Bildern von Schiffen auf dem Rhein, vom Landschaftspark. Dinslaken ist meine Heimat, hier hat alles seinen Ursprung.“ Und dahin führen ihn seine Reisen immer zurück.

Ein paar Straßen weiter hat Marten Dalimot sein Atelier bezogen. Schon von weitem leuchtet das Gefieder des im Schaufenster ausgestellten Papageis. Seine Arbeiten nennt der Wandgestalter fotorealistische Illustrationen. In Duisburg verschönert er Stromkästen, in Kamp-Lintfort eine Arztpraxis, manchmal ganze Häuserwände mit seinen Graffiti. „Bei KSL kann ich endlich mal private Werke ausstellen“, sagt Dalimot. Im Namen der Kunst kommt der Duisburger auch gern nach Dinslaken. „Warum nicht – Kunst passt doch in jede Stadt.“

Schon die ganze Woche sind die Künstler in Dinslaken los – offiziell startet die Vernissage von „Kunst sta(d)tt Leerraum“ aber am heutigen Freitag, 17.30 Uhr, am Projektbüro an der Ritterstraße
3-5 in Dinslaken. Bis 21 Uhr können die Künstler in ihren Galerien besucht werden. Am Samstag öffnen die Galerien auf Zeit von 11 bis 18 Uhr ihre Türen. Ab 20 Uhr beginnt die Abschlussparty mit allen Künstlern und Musik im Ulcus an der Duisburger Straße 35. Der Eintritt ist frei.


Den kostenlosen Katalog mit Lageplan der Leerstände und Informationen zu den ausstellenden Künstlern gibt’s im Projektbüro.