Das aktuelle Wetter NRW 20°C
RUHR 2010

Wir sind Kulturhauptstadtteil!

06.01.2010 | 21:32 Uhr
Wir sind Kulturhauptstadtteil!

Dinslaken. Ein Besuch bei den ersten Lokalhelden: Welche Hoffnungen verbindet der Dinslakener Stadtteil Lohberg mit der Kulturhauptstadt Ruhr 2010. Kreativwirtschaft soll künftig die Kohle ersetzen.

Dinslaken. „Es liegt was in der Luft”, fühlt Matthias Schreyer. „Es knistert.” Der 21-Jährige meint nicht die klirrend klare Kälte, die den Plakatierern auf der Hünxer Straße in die Knochen fährt. Er meint die erste sogenannte „Local Hero”–Woche im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres 2010, die am Samstag beginnt.

 Eine Woche lang wird die Kulturwelt mit Argusaugen auf Dinslaken schauen. „Eine Herausforderung für uns”, räumt auch Thomas Pieperhoff, der Beauftragte der Stadt für Ruhr 2010. Aber kein Mitleid. Dinslaken hat's so gewollt: „Auf die erste Local Heroes–Stadt schaut die Region, auf die 17. nur die Stadt selbst.”

Marktfrau Heinke Klimek bekommt nicht viel von Ruhr 2010 mit. Foto: Heiko Kempken

Daher haben die Dinslakener ein Programm auf die Beine gestellt, das sich trotz einer Prise Lokalkolorit regional sehen lassen kann. Das örtliche Landestheater Burghofbühne inszeniert in der Straßenbahnlinie 903 nach Duisburg; mit ARD-Mann Ulrich Deppendorf, Verfassungsrichter Udo di Fabio und Filmemacher Adnan Köse kommt die aus Dinslaken stammende Prominenz zur Diskussion aus der weiten Welt zurück in die Heimat.

Knappenchor mit Freejazz

Die Kölner Freejazzerin Angelika Nescier wird ein Konzert mit dem Knappenchor MGV Concordia spielen. „The Kilians” geben wieder ein Konzert in der Stadthalle, die nach der Schauspielerin und Regisseurin Kathrin Türks benannt ist. Die war nach dem Krieg nach Lohberg gezogen, um dort den einfachen Bergleuten das große Theater nahe zu bringen.

Der „Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf” (Land NRW) stellt mit seinem ehemaligen Zechengelände und dem Ledigenheim gleich zwei Spielorte. „Es ist wichtig, dass hier etwas passiert”, sagt auch Matthias Schreyer. Denn Lohberg hat offensichtliche Probleme. Die Struktur im Stadtteil stimmt nicht mehr.

Friseurin Stefanie Beckmann Foto: Heiko Kempken

Mittlerweile stellen Migranten aus der Türkei die Bevölkerungsmehrheit. Und die wenigen verbliebenen deutschen Bewohner fühlen sich bedrängt. „Ich bin kein Rassist, aber hier gibt es zu viele Ausländer”, urteilt Heinz Schmidtke am Kiosk am Johannismarkt. Der 58-Jährige hat sein Leben lang als Bergmann auf der Zeche gearbeitet. Jetzt ist er Rentner und steht beim Bier am Büdchen.

Nebeneinander statt Miteinander

In Lohberg gebe es zwar ein Nebeneinander, aber wenig Miteinander der beiden Bevölkerungsteile, urteilt auch die Wissenschaftlerin und „Bürgerin des Ruhrgebiets” Inge Litschke, die unter dem Titel „Im Schatten der Fördertürme” ein lesenswertes Buch über die einstige Thyssensche Modellkolonie verfasst hat.

Zeche, Kirche, Sportvereine: Der Kitt, der einst diese Gesellschaft zusammengehalten hatte, ist offensichtlich brüchig geworden. Das merken alle. „Hier gibt's keine Arbeit mehr, alles zieht weg. Es ist sehr traurig”, schüttelt auch Hüseyin Cubukcuoglu den Kopf. Der 52-Jährige hat 35 Jahre lang im Bergbau gearbeitet. Bis 2005 auch auf Lohberg, dann war Schicht am Schacht Lohberg I und II.

Der markante, 70,5 Meter hohe Förderturm des Industriearchitekten Fritz Schupp sollte ursprünglich abgebaut und in die Türkei verkauft werden. Daraus ist - zum Glück - bisher nichts geworden.

Pfarrer kommt aus Hiesfeld

Die katholische Kirche hat sich bereits teil-verabschiedet: Nach dem Tod des langjährigen Pfarrers Wilhem Lepping wurde die Stelle nicht neu besetzt, stattdessen ein Verbund gegründet.

Husseyn Cubukcuoglu Foto: Heiko Kempken

 Einmal in der Woche kommt der Priester aus Hiesfeld in die hübsche Marienkirche mit der Schutzmantelmadonna, um dort Gottesdienst zu halten. Am Sonntag werden die Kirchen wieder in trauter ökumenischer Gemeinsamkeit - wie so oft in Lohberg - zur Feier der Kulturwoche einen Gottesdienst in der Lohnhalle der Zeche abhalten. „Da werde ich dabei sein”, kündigt nicht nur „Schorsch” Arnold an, der sich regelmäßig freitagabends im Sportschützenkeller des Stadtteils mit Gleichgesinnten trifft.

Aber auch die Sportvereine haben ihre Integrationskraft verloren. Auf der Dorotheen-Kampfbahn kämpft der VfB Lohberg um Punkte. In der Bezirksliga. Bitter für einen Verein, der schon Bundesliga-Profis wie Franz Raschid und Peter Loontiens hervorgebracht hat. Auf einem Nebenplatz rackert sich der RW Selimyespor Lohberg ab. Das Verhältnis der beiden Vereine ist - freundlich formuliert - frostig.

Frostiges Verhältnis 

Denn zur Gründung des Clubs, der eng mit der türkischen Moschee verbunden ist, soll unter anderem geführt haben, dass angeblich keine türkischen Fußballspieler in der ersten Mannschaft des VfB spielen durften. Heute trifft das nicht mehr zu. Selbstverständlich kickt beim Traditionsclub von 1919 ein Hasan Dogan mit einem Sascha Grote und ein Tuncay Yildirim mit einem Jörg Wittwer.

Doch die Zeiten, in denen auch der runde Ball die nach Lohberg zugewanderten Polen, Ost- und Westpreußen, Schlesier und Tschechen, Österreicher, Südtiroler, Jugoslawen und Niederländer verbunden hatte, sind vorbei. Heute schließen hier sogar Schulen. Im vergangenen Sommer wurde die Glückauf-Hauptschule dicht gemacht. Über die Grundschule wird auch diskutiert. Nicht ohne Grund: Ein Migrantenanteil von fast 100 Prozent kann definitiv nicht zu fairen Startchancen führen.

Deprimierende Aussichten 

Deprimierende Aussichten. Oder auch nicht. Denn im Stadtteil tut sich wirklich eine Menge. „Es war schon bei der Extraschicht zu merken, dass plötzlich Leute von überall her nach Lohberg kamen”, berichtet die Friseurin Stefanie Beckmann, die seit drei Jahren einen Salon im Ledigenheim führt. Das ehemalige „Bullenkloster”, ein Wohnheim für bis zu 600 unverheiratete Bergleute, ist heute ein Zentrum für Kultur, Dienstleistung und Gewerbe geworden.

Im Erdgeschoss hat sich ein arabisches Restaurant niedergelassen, dazu haben dort Freiberufler oder Agenturen ihre Büros. Unter anderem auch das Unternehmerinnenzentrum „Luzi”, in dem Rechtsanwältin Julia Stremplowski neben der Diplom-Geologin und Mediatorin Birgit Emmerich und Sozialwissenschaftlerin Dr. Doris Beer sitzt.

Die Unternehmerinnen Julia Stremplowski, Dr. Doris Beer und Birgit Emmerich Foto: Heiko Kempken

„Das Interesse an Lohberg ist deutlich spürbar”, bemerken die drei Gründerinnen. Hans-Karl Bellinghausen von der Stiftung Ledigenheim, fasst es in Zahlen: „Das Zentrum ist zu 80 Prozent belegt”. Eine ähnliche Entwicklung soll das Zechengelände nehmen. Das soll zu einem Kreativquartier umgebaut werden, in dem sich Künstler, Werbeagenturen, Galerien und ähnliches niederlassen könnten. Startschuss für die Entwicklung soll die Local Heroes-Woche des Kulturhauptstadtjahres werden.

"Was bleibt ist die Zukunft"

Doch einstweilen wird erstmal nur die neue Feuer- und Rettungswache der Stadt Dinslaken gebaut. Was in Zukunft noch kommt, wird man sehen. Oder wie es in 4,5 Meter hohen Lettern auf dem Dach der ehemaligen Waschkaue der Zeche geschrieben steht: „Was bleibt ist die Zukunft.”

Markus Peters

Facebook
 
Kommentare
22.03.2010
16:11
Blockierter Kommentar.
von Tenrix | #2

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

07.01.2010
11:25
Wir sind Kulturhauptstadtteil!
von vonDinslakengenervt | #1

Ich ärgere mich immer noch das da kein Outlet Center hingekommen ist, das hätte den Stadtteil angehoben, dann wäre auch die Hünxerstraße auf Höhe der Zechenparkplätze mal angepackt worden.
Ansonsten reizt es niemanden nach Lohberg zugehen, warum auch?

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/2352361/create

Aktuelle Fotos und Videos
Musik und Sonne pur
Bildgalerie
Moers Festival
Sommer, Sonne ...
Bildgalerie
Hitze
Heftige Unwetter in NRW
Bildgalerie
Unwetter
Unwetter am Niederrhein
Bildgalerie
Wetter
Aus dem Ressort
Mann beim Grillen vom Balkon geschleudert
Grillparty
Eine schwere Verpuffung hat am Pfingstwochenende ein junger Mann in Rees ausgelöst. Bei einer Grillparty kippte er Spiritus in die Glut. Durch die Druckwelle wurde ein 33-Jähriger vom Balkon geschleudert. Er wurde schwer verletzt.
200 Liter pro Abend
Pfinsten daheim! (V)
Vom gelben Engel bis zum Bademeister. Das lange Pfingstwochenende am Niederrhein aus fünf verschiedenen Blickwinkeln. Mit Dragan Simic, Kellner im Duisburger Biergarten „Lindenwirtin“