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Geschichte

Wie Moers protestantisch wurde

22.05.2012 | 18:35 Uhr
Wie Moers protestantisch wurde
Eine Stadtansicht von moers aus der aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts auf einem Ölgemälde auf Schloss Burgsteinfurt.

Wesel.   Der Historiker Joachim Daebel veröffentlichte nach umfangreichem Quellenstudium jetzt ein 272 Seiten starkes Buch über die Geschichte der Reformation in der Grafschaft.

„Wir befinden uns im Jahre 1561 n. Chr. Der ganze Niederrhein ist von Katholiken bewohnt. Der ganze Niederrhein? Nein! Eine von unbeugsamen Protestanten bevölkerte Grafschaft hört nicht auf, Widerstand zu leisten…“ So könnte das neue Buch von Dr. Joachim Daebel „Die Reformation in der Grafschaft Moers 1527 – 1581“ beginnen. Doch die hochinteressante, Studie des Moerser Historikers liest sich verglichen mit „Asterix“ weitaus seriöser und ernsthafter.

Auf 272 Seiten beantwortet Dr. Daebel mit wissenschaftlicher Akribie, wie sich inmitten des katholischen linken Niederrheins des 16. Jahrhunderts, umgeben von den katholischen Territorien Jülich, Kleve, Berg, Kurköln und Geldern eine protestantische Insel bilden konnte, welche Protagonisten dabei mitwirkten, welche familiären und politischen Bindungen dahinter standen, welche Ursachen zur Reformation in der Grafschaft führten. Nach mehrjähriger Forschungsarbeit präsentierte Daebel sein Werk jetzt beim Kirchenkreis Moers.

Aufgrund umfangreicher Quellenforschungen zeichnet Daebel, der bereits zwei Bücher über die Kirchengeschichte des Niederrheins schrieb, diese Entwicklung nach, die sich über 55 Jahre erstreckte: 1527, zehn Jahre nach Martin Luthers Thesenschlag an der Wittenberger Schlosskirche von 1517, traten zwischen Budberg im Norden, Rumeln und Friemersheim im Süden, zwischen Vlyun im Westen und dem Rhein im Osten reformierte Prediger auf, wie die so genannten Wassenberger Prädikanten um den Moerser Prediger Hermann Staprade. Nach und nach bekehrten sie große Teil der Bevölkerung in der damaligen Grafschaft Moers.

1527 erste reformierte Prediger

Vor allem beim „gemeinen Mann“, den man heute wohl als Mittelstand bezeichnen würde, fielen die neuen Glaubenslehren von Martin Luther schnell auf fruchtbaren Boden. Nicht nur aus theologischen, sondern auch aus ganz handfesten materiellen Gründen: Denn die ursprünglich katholischen Gemeinden mussten damals einen großen Teil ihrer Einnahmen als Pfründe an den weltlichen und geistlichen Adel der Region abführen. Das sorgte auf die Dauer unter den Gläubigen für Unmut und Missstimmung, für eine Offenheit gegenüber einer reformierten Obrigkeit, die sie von diesem Übel erlösen konnte. Da traf es sich bestens, dass sich auch die Grafen von Moers immer mehr dem neuen Glauben zuwandten…

In der ersten Phase duldete und förderte Graf Wilhelm II. von Neuenahr die verschiedenen evangelischen Strömungen in seiner Grafschaft und wurde selbst durch die Lektüre von Luthers Schriften ein Anhänger des Reformators. 1535 schickte er seinen Hofprediger Johannes Uden für zwei Jahre zu Martin Luther nach Wittenberg, um u.a. wichtige Impulse für die Durchführung der Reformation zu erhalten. Seit 1538 besetzte er frei werdende Pfarrstellen mit lutherischen Geistlichen, die auf Pfarrkonventen zusammen kamen, und leitete eine landesherrliche Reformation ein.

In einer zweiten Phase wurde die Reformation in der Grafschaft Moers in eine feste Form gefügt. Wilhelms Nachfolger, Graf Hermann, war ein humanistischer Gelehrter auf dem Herrschersitz. Denn Hermann hatte in Wittenberg bei Melanchthon studiert.

1560 Übertritt zur Augsburger Konfession

Nachdem 1555 der Augsburger Religionsfrieden die reichsrechtliche Basis für einen Konfessionswechsel geschaffen hatte, trat Graf Hermann 1560 offiziell zur Augsburger Konfession über. Der Graf führte die Reformation in allen Territorien der beiden Linien des Hauses Neuenahr ein und gründete eine lutherische Landeskirche. Dr. Daebel: „Nach § 20 des Augsburger Religionsfriedens war ihm die Jurisdiktion eines Bischofs zugefallen. Damit war er Haupt der Moerser Landeskirche.“ In seinem letzten Lebensjahrzehnt wandte sich Graf Hermann, der von Anfang an der Theologie Melanchthons zuneigte, dem reformierten Bekenntnis zu und bereitete in seinen Ländern den Wechsel zum Calvinismus vor.

In einer dritten Phase vollendete Hermanns Nachfolger Graf Adolf die Reformation in der Grafschaft Moers. Adolf hatte in jungen Jahren das reformierte Bekenntnis angenommen und verinnerlicht. Anfang 1578 leitete er in Alpen – seinem eigenen Herrschaftsgebiet – den Konfessionswechsel in die Wege.

1581 Reformierte Kirchenordnung

1581 erließ er für alle neuenahrischen Territorien eine reformierte Kirchenordnung und gründete damit eine reformierte Landeskirche.

Durch die Errichtung einer Hohen Schule mit bedeutenden Gelehrten schuf Adolf eine Kaderschmiede für das reformierte Bildungswesen. Dr. Daebel: „Die Moerser Kirchenordnung mit ihren presbyterialen und synodalen Elementen war zukunftsweisend für das Gemeinde- und Synodalleben im 17. Jh. und legte den Grund für die reformierte Konfessionalisierung und mentale Prägung der Grafschafter.“ Immer nutzen die Grafen von Moers auch ihre Netzwerke zu anderen protestantischen Ländern, auch ihr taktisches Geschick gegenüber den benachbarten katholischen Landesherrn, um die Reformation auf ihrem Gebiet durchzusetzen.

Zur Person: Joachim Daebel

Dr. Joachim Daebel. Foto: Lindekamp

Dr. Joachim Daebel (76), lange Jahre Studiendirektor für Geschichte und Deutsch am Gymnasium Rheinkamp, betrieb für sein neues Buch „Die Reformation in der Grafschaft Moers 1527-1581“ umfangreiche Quellenstudien. Dabei erforschte der bekannte Historiker z. T. bislang unbeachtete Dokumente, auch solche, die mittlerweile nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs unwiederbringlich verloren sind.

Das Buch „Die Reformation in der Grafschaft Moers 1527-1581“ ist in der Neukirchener Verlagsanstalt „Neukirchener Theologie“ erschienen. Herausgeber ist der evangelische Kirchenkreis Moers. Das Buch mit 272 Seiten, 129 teilweise farbigen Abbildungen, Zeittafeln, genealogischen Tabellen, Begriffserklärungen und einem Personenverzeichnis ist in jeder Buchhandlung am Niederrhein oder bei der Neukirchener Verlagsanstalt erhältlich.

Martin Krampitz



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