Wie ist das denn so im OP – mitten im Busch, Herr Dr. Kohler?

Großes Medieninteresse in Gohomey, Benin. Dr. Johannes Kohler nahm einen OP-Container in Betrieb. Und konnte bei zahlreichen Interviews direkt seine frischen Französisch-Kenntnisse einsetzen.
Großes Medieninteresse in Gohomey, Benin. Dr. Johannes Kohler nahm einen OP-Container in Betrieb. Und konnte bei zahlreichen Interviews direkt seine frischen Französisch-Kenntnisse einsetzen.
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
40 Grad im Schnatten. Lehmhütten und ganz viel Elend. Der Xantener Chirurg Dr. Johannes Kohler hat jetzt in Benin gearbeitet und mitten im Busch einen OP-Container und ein digitales Röntgengerät eingeweiht

Niederrhein/Benin/Westafrika..  Dr. Johannes Kohler hat viele Jahre das Skalpell geführt, zuletzt war der Unfall- und Orthopädiechirurg Chefarzt am St. Josef Hospital in Xanten. Seit ein paar Monaten ist der 66-jährige im Ruhestand – und war jetzt mit der Hilfsorganisation „Aktion pro Humanität“ vierzehn Tage lang in Benin,Westafrika, im Einsatz – um einen Operations-Container in Betrieb zu nehmen, um medizinisch zu helfen. Nach fast 50-stündiger Heimreise ist er am Samstag wieder in Xanten angekommen.

Guten Tag Herr Dr. Kohler, Sie haben alle Strapazen gut überstanden?

Ja, zum Glück. Alle im Team – wir sind ja insgesamt mit 14 Leuten unterwegs gewesen, alle sind gesund wieder heimgekommen. Wir waren aber auch sehr vorsichtig und haben uns konsequent und strikt an alle Regeln gehalten, die wir uns zu unserem Schutz aufgestellt hatten.

Das klingt ein bisschen abenteuerlich.

(lacht) Naja, wir haben vor allem ganz genau darauf geachtet, was wir gegessen haben, etwa. Das Centre Medical in Gohomey, also die Krankenstation, die die „Aktion pro Humanität“ betreibt, liegt ja nun wirklich mitten im afrikanischen Busch. Da muss man als Europäer schon höllisch aufpassen, dass man sich nicht Magen und Darm verkorkst.

Das heißt…

Keine Milch trinken, keine Eier essen. Obst nur essen, wenn man es geschält hat. Leitungswasser nicht mal zum Zähneputzen benutzen. Wir haben uns fast ausschließlich von Spaghetti, Reis und Couscous ernährt – immer mit Tomatensoße aus der Tüte von zu Hause… Ganz wichtig u.a. auch: unterm Moskitonetz schlafen und wegen der Mücken auch Malariaprophylaxe machen, zum Beispiel.

Mit welchen Erwartungen sind Sie nach Afrika aufgebrochen?

Mit sehr realistischen. Wir hatten uns vorgenommen, mit leichten Operationen zu beginnen, um uns einzuspielen und um uns an das beengte Arbeiten im OP-Container zu gewöhnen. Vor allem aber waren wir heilfroh, dass der OP-Container und der zweite, mit medizinischem Gerät und Materialien vollgepackte Container den Transport bis auf kleinere Blessuren heil überstanden hatten und tatsächlich an Ort und Stelle standen.

Wie sah Ihr Tag aus?

Nun, am Anfang mussten erst einmal die Container leer geräumt werden. Viele Kisten und Kartons, aber auch der mehr als 700 Kilo schwere Generator, den wir brauchen, um immer sicheren Strom zu haben. Es ist jetzt heiß und schwül in Benin – und es gibt keine technischen Hilfsmittel wie einen Kran oder so etwas.

Heißt, alles musste mit Muskelkraft bewegt werden. Die Einheimischen haben da sehr beherzt mitangepackt. Nach zwei Tagen habe ich dann mit der Sprechstunde angefangen, um zu schauen, wer für eine Operation in Frage kommt. Es hat sich im Busch sehr schnell herumgesprochen, dass wir da waren, so dass wir schon jetzt eine Warteliste haben für die nächste Mission.

Was haben Sie operieren können?

Leistenbrüche. Kleinere Tumore. Verletzungen. Kinder mit leichteren Krankheitsbildern, etwa Nabelbrüche, Phimosen. In der zweiten Woche haben wir dann auch größere Tumore behandelt, haben infizierte Wunden versorgt und Knochenentzündungen. Wir haben allerdings auch Fälle gesehen, die wir jetzt beim ersten Mal nicht operieren konnten, weil uns spezielle Instrumente fehlten oder wir es zeitlich auch gar nicht schaffen konnten. Insgesamt haben wir gut 20 OPs gemacht.

Operieren im Container – wie fühlt sich das an?

Eng. Sehr eng – auch was die Raumhöhe anbelangt. Zum Glück ist der OP-Container klimatisiert, aber man kann nur mit einem kleinen Team arbeiten. Ich war sehr froh, dass mein langjähriger OP-Leiter aus Xanten, Dirk Henricy, an meiner Seite war und auch mein Gelderner Kollege, der Anästhesist Dr. Wolfgang Paul. Für unsere Patienten war das alles auch nicht so einfach. Viele leben wirklich noch in Lehmhütten, und dann kommen sie plötzlich in so einen hochtechnisierten Raum und werden von Menschen in grünen Kitteln und Mundschutz und Haube empfangen – das hat vor allem den Kindern Angst gemacht. Man muss sehr empathisch sein. Aber alle Patienten waren sehr sehr dankbar, freundlich, geduldig.

Was war das für ein Gefühl, als Sie den OP dann wieder verschlossen haben?

Erst einmal war ich erleichtert. Alles ist wirklich gut gegangen. Nun wird ja einmal in der Woche ein beninischer Chirurg operieren. Und wir werden uns hier Gedanken machen, wie es weiter geht. Ich denke, dass die Routinefälle künftig vom beninischen Kollegen behandelt werden können und wir uns der speziellen Fälle annehmen, vor allem im Bereich der Orthopädie und Unfallchirurgie.

Das digitale Röntgengerät…

… ist wirklich ein Segen. Wir haben einige Röntgenbilder auf CD mitgebracht, die ich mit Experten weiter besprechen möchte. Wir haben auch ganz schlimme Sachen gesehen, die mich sehr berührt haben. Zum Beispiel einen acht oder zehn Jahre alten Jungen, dem die Harnröhre fehlt.

Das bedeutet, dass Tag und Nacht Urin aus dem Körper läuft, der Junge ist traumatisiert. Sein Vater hat gehört, dass wir da sind und ist mit dem Kleinen mehr als 170 Kilometer weit auf dem Mofa zu uns gefahren. Da müssen wir helfen. Oder die beiden kleinen Zwillingsschwestern, die aufgrund einer Rachitis extreme O-Beine haben. Auch da müssen wir uns etwas einfallen lassen.

Ihr Fazit der Reise?

Es war ganz sicher mein bester, mein befriedigendster medizinischer Auslandsaufenthalt, was auch am tollen Team und Miteinander liegt. Wir waren 14 Leute, die sich ja nur zum Teil vorher kannten. Aber wir haben alle prima zusammengearbeitet – wir haben auch gelacht und Spaß gehabt und wir sind im Tun alle bis an unsere Grenzen gegangen. Eine gute Erfahrung.

Seit 20 Jahren engagiert sich die Kevelaerer Hilfsorganisation „Aktion pro Humanität“ in Benin, Westafrika. Und hat u.a. eine Krankenstation aufgebaut.


Jetzt konnten die Niederrheiner dank der Spende eines Klever Hoteliers einen OP-Container und ein digitales Röntgengerät installieren.


Ehrenamtlich hat das „Team Benin“ 14 Tage lang in Benin gearbeitet, u.a. Dr. Johannes Kohler, Dirk Henricy aus Xanten; Dr. Angelika Mosch-Messerich und Walburga Koep, Emmerich; Dr. Wolfgang Paul, Geldern; Dr. Elke Kleuren-Schryvers, Kevelaer.

Mediziner, Hebammen, Pfleger, Krankenschwestern, die sich für einen Einsatz vor Ort interessieren, können sich informieren: www.pro-humanitaet.de