Wer ist Reiner Michalke?

Reiner Michalke ist ein Mann, der keine Visistenkarte haben möchte.
Reiner Michalke ist ein Mann, der keine Visistenkarte haben möchte.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Seit zehn Jahren ist Reiner Michalke der Künstlerische Leiter des Moers Festivals. Wie tickt der Mann, der Vogelgezwitscher mag, Jimi Hendrix verpasst hat und früher über Zäune kletterte, um das Eintrittsgeld zu sparen? Ein Gespräch als Versuch einer Annäherung.

Moers..  Der Google-Vergleich: Reiner Michalke bringt 26.900 Treffer, Burkhard Hennen (noch) 3.000 mehr. Was uns das sagt? Michalke, seit zehn Jahren der Künstlerische Leiter des Moers Festivals, ist längst aus dem Schatten seines langjährigen wie legendären Vorgängers herausgetreten. Vier Tage vor dem Start des 44. Weltmusikertreffens ein Gespräch mit dem Mann, für den ein Leben ohne Musik „nicht vorstellbar ist“.


Die alte Glaubensfrage: Beatles oder Stones?

John Lennon. Weil er der Kreative und der Antreiber war, der sich sowohl für Karlheinz Stockhausen als auch für Jimi Hendrix interessierte.

LP, CD oder iPod?

Weder, noch. Ich habe zu Hause keine Musikanlage. Musik – nur live, keine Konserven. Ich esse auch am liebsten frisches Gemüse.

EinsLive oder WDR3?

Deutschlandradio Kultur.

Ganz spontan, vervollständigen Sie bitte den Satz: Mein Leben ohne Musik…

… ist nicht vorstellbar.

Warum sollen die Leute an Pfingsten nach Moers kommen - und nicht etwa nach Renesse fahren oder zur Jazz-Rallye in Düsseldorf gehen?

Weil Ihnen hier Sachen geboten werden, die sie sonst nirgendwo auf der Welt geboten bekommen. Fast alles in unserem Programm wird für und in Moers exklusiv gemacht. Dadurch entsteht ein ganz besonderer Reiz, den man nur erleben kann, wenn man auch tatsächlich hier ist.

Für Laien: Erklären Sie bitte in höchstens drei Sätzen das Moers Festival?

Moers ist die „documenta“ des Jazz. Moers ist ein Labor und eine Werkstatt, und gleichzeitig auch ein Vergnügen. Die Gleichzeitigkeit von Ernsthaftigkeit und spielerischer Leichtigkeit kenne ich von keinem anderen Festival der Welt.

Wenige Tage vor dem Festivalbeginn: Wie geht es dem Künstlerischen Leiter?

Je näher das Festival rückt, desto größer wird natürlich die Freude. Die Phase des Programmmachens ist vorbei, ich bin froh, wenn es am Freitag endlich losgeht. Mit Hayden Chisholm und dem Lucerne Jazz Orchestra wird es einen starken Einstieg geben.

Auf welchen Auftritt freuen Sie sich besonders?

Zum Beispiel auf den Auftritt der Jones Family Singers, die zum ersten mal Amerika verlassen werden. Das ist eine große Sache für sie und auch für mich. Vielleicht bleibt ein wenig Zeit und ich kann Ihnen auch etwas von der Region zeigen, mit ihnen Spargel essen und Riesling trinken. Das hat nichts direkt mit dem Festival zu tun, ist mir aber auch wichtig.

Sie sind 1956 geboren. Eine Wissensfrage: Welches war das erfolgreichste Lied in diesem Jahr in Deutschland?

(überlegt) Elvis Presley?

„Rock around the clock” von Bill Haley and The Comets.

Okay. Ganz ehrlich: Die weißen Beiträge zur Popkultur in der damaligen Zeit empfinde ich als Kopie der afroamerikanischen. Aber: Bill Haley hat irgendwie die Lunte für das gelegt, was danach kam, etwa für Jimi Hendrix.

1968 waren Sie gerade zwölf Jahre alt. Damals schon ein Revolutionslied im Ohr gehabt?

Nee, noch nicht. Im Nachhinein habe ich es sehr bedauert, die wichtigsten Jahre der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts, 1965 bis 67, so knapp verpasst zu haben. Ich habe sogar Jimi Hendrix verpasst, als er 1969 nach seinem Konzert in Köln eine Autogrammstunde gab, obwohl ich theoretisch hätte hingehen können.

1974 dann waren Sie volljährig. Ihr Favorit damals: Teenage Rampage von The Sweet, Waterloo von Abba, Kung Fu Fighting von Carl Douglas oder Tränen lügen nicht von Michael Holm?

Oh, gar nichts davon! Ich habe damals andere Sachen gehört: Volker Kriegel und Albert Mangelsdorff, und als ich noch etwas jünger war Canned Heat und Rory Gallagher. Mit 16, 17 war ich zum ersten Mal auf einem Live-Konzert, damals hat Eberhard Weber in Köln gespielt. Das war damals meine Musik.

Wann hat Sie zuletzt jemand auf die African Dance Night angesprochen, die sie 2006 abgeschafft haben?

(schmunzelt) Ach, das ist, glaube ich, schon neun Jahre her. Zumindest schon ziemlich lange.

Welche Entscheidung tat mehr weh: die vorübergehende Abschaffung des Pfingstmontages als Festivaltag oder das Zusammenstreichen beim Festival-Nebenprogramm?

Der Schmerz des Montags ist vergangenen, weil wir ihn wieder zurückholen konnten. Immer noch weht tut die Aufgabe der Schulprojekte. Ich bin damit auch nicht einverstanden und werde keine Ruhe geben, bis wir auch das wieder rückgängig gemacht haben. Die Schulprojekte sind der unauffälligste Teil des Festivals, aber ein sehr wichtiger. Oberstes Lernziel bei der Vermittlung von Kunst, ist den Kindern und Jugendlichen die Freude am Spiel nahe zu bringen. Ich bin davon überzeugt, dass so etwas irgendwann seine Wirkung entfaltet, wenn man es denn konsequent und kontinuierlich betreibt.

Im vergangenen Jahr kamen 12.000 Zuschauer. Wie viele müssen es diesmal sein, damit die Festival-Gegner ruhig bleiben?

Ach, die würden auch keine Ruhe geben, wenn 100.000 Zuschauer kommen würden. Aber ich möchte mich darüber gar nicht beschweren. Ich sehe das auch als ein Zeichen einer lebendigen Streitkultur an. Solange die Diskussion sachlich ist, finde ich eine solche in Ordnung und völlig legitim in einer demokratischen Gesellschaft.

Wann haben Moerser Politiker das Moers Festival kaputt gespart?

Der städtische Zuschuss hat sich in den letzten zehn Jahren halbiert. Der reale Wertverlust ist noch höher, weil in dieser Zeit natürlich alles teurer geworden ist. Wir haben im vergangenen Jahr den Punkt erreicht, an dem nicht weiter gespart werden kann. Mit dem Umzug in die neue Festivalhalle sparen wir auf lange Sicht viel Geld. Ich denke, dass die Politik dies auch verstanden hat. Deshalb blicke ich mit Optimismus in die Zukunft.

Ihr Lied zum Aufwachen?

Wenn ich jetzt ein Lied nennen muss, dann: „Conference of the birds“ von Dave Holland. In Wahrheit ist es aber tatsächlich: Vogelgezwitscher.

Ihr Klassiker unter der Dusche?

Keiner. Ich dusche oft und schnell und habe keine Zeit zum Singen.

Der beste Lovesong ever?

Die besten Balladen der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts stammen von Lennon und McCartney: Yesterday, Michelle, .....

Am Ende eines stressigen Tages: Welches Lied bringt Sie wieder runter?

Musik brauche ich dazu eigentlich nicht. Ich lese dann schon mal die Zeitung, all jene Artikel, die ich mir morgens aus Zeitgründen aufgespart habe, allerdings lese ich online.

Zehn Jahre Moers Festival unter Ihrer Leitung. Jetzt können Sie es ja verraten: Das hätten Sie damals selbst nicht gedacht.

Stimmt. Ich habe noch nie in so langen Zyklen gedacht. Als ich vor zehn Jahren in Moers anfing, hatte ich großen Respekt vor diesem Festival.

Von Ihnen ist das Zitat überliefert: „Moers, das war schon in frühen Jahren mein Festival.“

Ich war immer ein großer Fan des Festivals in Moers. 1975 war ich zum ersten Mal hier. Ich habe gecampt und bin über den Zaun geklettert, weil mir die Eintrittskarte zu teuer war. 1978 habe ich selbst mein erstes Festival organisiert, damals war Moers mein Vorbild, ansonsten gab es in Deutschland ja auch kaum andere Festivals.

Was würde Michalke, der Zuschauer von damals, dem Michalke, also dem Künstlerischen Leiter heute, zurufen?

Der junge Michalke war, wie der alte es heute noch ist, immer sehr fordernd, anspruchsvoll und leider auch ungeduldig. Er würde ihn wohl in den Hintern treten und fragen: „Mann, warum hast Du im vergangenen Jahr das Sun Ra Akestra noch einmal aus der Kiste geholt?“ Na ja, das war halt eine Programmentscheidung, die ich aus nostalgischen Gründen getroffen habe. Marshall Allen ist 90 Jahre alt, er wird wohl nie mehr in Moers spielen.

Zwischenzeitlich wurde von Politikern gefordert, Sie zu entlassen. Sind Sie eigentlich nachtragend?

Es ging ja nie um mich persönlich. Ich habe immer Signale erhalten, dass man hier mit meiner Arbeit zufrieden ist. Es ging manchen wohl eher darum, meine Vertragsverlängerung zu verhindern, um die Fortsetzung des Festivals zu erschweren. Das ist vorbei. Mit der neuen Festivalhalle steht das Moers Festival auf dem stabilsten Fundament in seiner Geschichte. Im Moment erkenne ich keine ernsthaften Bemühungen, das Festival abzuschaffen.

Sie spielen Bass. Als Jugendlicher: Welcher Bassist wollten Sie sein?

Früher galten Bassisten ja eher als unwichtig. Stark beeinflusst hat mich Jimi Hendrix. Der erste Bassist, der mich umgehauen hat, war Jaco Pastorius. Übrigens: Ich spiele nicht mehr Bass. Um ernsthaft zu spielen, fehlt mir die Zeit.

Bassisten gelten als komische Leute.

Ja, aber nur in der Klassik, da sind die Bassisten die Deppen. Und in der Popmusik sind es die Schlagzeuger.

Dafür gibt es aber ziemlich viele Bassisten-Witze. Kennen Sie einen?

Nee.

Warum gibt es Bass-Soli?

(überlegt) -

Damit man Zeit hat, aufs Klo zu gehen und Bier zu holen.

Ok, ok. (grinst)

Früher mal davon geträumt, auf dem Jazz Festival in Moers aufzutreten?

Na klar! Einmal hätte es auch fast geklappt, mit Shannon Jackson und der Köln Society. Aber leider bin ich nicht dabei gewesen. Schade.

Sie sind seit 1986 Programmmacher im Kölner Stadtgarten und seit 2006 Künstlerischer Leiter des Moers Festivals. Was steht denn auf Ihrer Visitenkarte?

Nix. Ich habe gar keine. Ich will auch keine haben.

Was hat Köln, was Moers nicht hat?

Die größere Kirche. Auch was schönes.

Wer hat Ihnen eigentlich die randlose Harry-Potter-Brille aus dem Gesicht geschwatzt und zur hippen Nerd-Brille geraten?

Mein Sohn. (lacht) Die Geschichte ging so: Mein Sohn wollte, dass ich ihn beim Brillenkauf berate. Die Brille, die ich jetzt trage, sollte er bekommen. Er mochte das Ding nicht, ich aber schon. Also trage ich es jetzt.

Blick in die Zukunft: Am Morgen nach dem Moers Festival, was machen Sie da?

Das ist immer ein ganz spezieller Morgen. Das ist ein Loch, das ich mittlerweile kenne, deshalb bin ich darauf vorbereitet. Der Abend ist noch wichtiger, dann gehe ich mit meiner Familie in die Pizzeria um die Ecke und höre mir ihre Kritik an. Meine Frau, meine Sohn und meine Tochter sind meine härtesten und schonungslosesten Kritiker. Und das ist auch gut so, denn ohne Kritik kommt man nicht weiter.