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Wenn der Bordcomputer streikt

21.02.2012 | 18:23 Uhr
Wenn der Bordcomputer streikt
Ralf Goral hat sich in seiner Werkstatt „Exclusive Car Repair Service“ auf Oldtimer spezialisiert. Im Bild: ein alter DDR-Barkas, Baujahr 1957. Fotos: Volker Herold

Moers.   Die Freien Werkstätten hängen am Tropf der Autohersteller - findet nicht nur Kfz-Meister Ralf Goral aus Moers.

Ralf Goral ist nie in den Kindergarten gegangen, dafür hatte er keine Zeit. Seitdem der Moerser laufen kann, macht er sich die Finger schmutzig. Früher in der Werkstatt von seinen Eltern Elke und Dieter, heute in der eigenen. „Exclusive Car Repair Service“ heißt der Betrieb des Kfz-Meisters im Gewerbegebiet Hülsdonk, eine von rund 200 so genannten Freien Werkstätten am Niederrhein. Und die gehören für Goral zu einer aussterbenden Gattung. „Wir hängen mehr denn je am Tropf der Autohersteller“, sagt der 44-Jährige. Und das sagen viele seiner Kollegen auch.

Früher gab es sieben, heute 70 Sicherungen

Goral ist ein Spezialist, was die Wartung und Reparatur von Oldtimern betrifft. Das Prunkstück in seiner Werkstatt ist ein alter DDR-Barkas, Baujahr 1957, den er vor 20 Jahren einmal komplett restauriert hat. Das Tagesgeschäft, das sind aber vor allem die neuen Modelle. Und da macht dem Profi-Schrauber seit vielen Jahren der immer größer werdende Elektronik-Anteil im Auto zu schaffen. „Früher gab es sieben Sicherungen, heute sind es siebzig, zu denen keine Beschreibungen vorliegen“, sagt Goral. „Wenn da irgendwas kaputt ist, muss ich mich an den Hersteller wenden, und der rückt die Daten ungern heraus.“

Das stimmt so nicht mehr ganz, meint Stephan Reichert vom Verband des Kfz-Gewerbes NRW. Im Rahmen einer EU-Richtlinie seien die Fahrzeughersteller sogar seit dem dem 1. Januar 2012 dazu verpflichtet, „ihre Reparatur- und Wartungsinformationen weiter zu geben“. Die Freie Werkstatt könne also theoretisch alle nötigen Daten gegen eine, wie Reichert sagt, „nicht diskriminierende Gebühr“ via Internet anfordern. „Wir müssen allerdings“, so der Diplom-Ingenieur, „noch an der praxisnahen Umsetzung arbeiten“. Klar sei aber auch, dass es die Vertragswerkstätten da leichter hätten, „weil es von dort natürlich einen direkten Zugriff auf die Datenbanken gibt“.

Freie Werkstätten arbeiten günstiger und kundenorientierter, die Vertragswerkstätten sind dagegen oft unverhältnismäßig teuer, lautet eine weit verbreitete Meinung. „Ich kann nicht verstehen, dass da ständig polarisiert wird“, sagt Josef Lettgen, Geschäftsführer der niederrheinischen Kfz-Innung, die in den Kreisen Wesel und Kleve 330 Mitgliedsbetriebe zählt. Rund die Hälfte davon sind markenunabhängige Werkstätten. Lettgen sieht keinen Wettbewerbsnachteil für Freie Werkstätten in der Branche und verweist ebenfalls auf Brüssel. „Es gibt Vorgaben der EU, und natürlich gibt es da auch Schlupflöcher und kleine Nickeligkeiten seitens der Vertragswerkstätten“, sagt der Dinslakener. Aber in der Regel kämen die markenunabhängigen Betriebe nicht schlechter weg als die anderen.

15 000 Euro pro Jahr für Spezialwerkzeug

Kontakt muss sein: Anschlusskabel für das elektronische Diagnosegerät.

Ralf Goral macht in der täglichen Praxis andere Erfahrungen. Bis zu 15 000 Euro müsse er pro Jahr für Spezialwerkzeug ausgeben, um den Anforderungen der Branche gerecht zu werden. Von diversen „Sonderanschaffungen“ ganz abgesehen. Der Moerser hat sich vor einiger Zeit für 15 000 Euro einen Motortester gekauft, der Fehler innerhalb der Kfz-Bordcomputer aufspüren soll. „Diese Geräte können aber im Vergleich zu denen in den Vertragswerkstätten nur oberflächlich arbeiten, weil sie nicht markengebunden sind“, weiß Goral.

Ein anderes Beispiel: die Einführung der so genannten Runflat-Reifen. Das sind Reifen mit Notlauf-Eigenschaften, mit denen das Weiterfahren auch bei totalem Luftverlust erlaubt wird. Um die überhaupt auf- und abmontieren zu können, musste sich Goral unlängst ebenfalls ein völlig neues Gerät anschaffen. Kostenpunkt: rund 10 000 Euro.

Ganz schlimm wird es kommen, glaubt Goral, wenn die Elektroautos auf dem Markt sind. „Dann hast du ein Auto, das aus einem Akku, einem Motor und der Steuerelektronik besteht. Jedes Teil kostet 5000 Euro, wenn es kaputt geht. Da kaufen sich die Leute dann lieber ein neues Auto, und wir sind beschäftigungslos.“

Wobei auch schon im Zuge der Einführung der Abwrackprämie 2009 vom langsamen Sterben der Freien Werkstätten gesprochen wurde. Damals wurden Autos verschrottet wie ein Golf 1 oder ein VW-Käfer, die das Zeug zum Oldtimer hatten. Das tut Liebhabern wie Goral doppelt weh. „Tatsächlich war es aber so, dass den Werkstätten durch die Abwrackprämie nur sehr wenig Umsatz weggebrochen ist“, sagt Stephan Reichert vom Kfz-Gewerbe NRW. Und der Trend ginge zurzeit wieder eindeutig in Richtung ältere Fahrzeuge. „Im Schnitt bleibt derzeit ein deutsches Auto 8,5 Jahre im Besitz des Halters“, so Reichert. „Das ist viel, und das war vor der Abwrackprämie auch schon so, ist dann natürlich 2009 ein bisschen eingebrochen.“ Man könne aber unterm Strich sagen, dass die „Freien Werkstätten alle Trümpfe in der Hand haben. Sie müssen sie nur spielen“.

250 Aufträge pro Jahr

Leicht gesagt. In der Praxis nimmt Ralf Goral pro Jahr bis zu 250 Aufträge an. „Und die braucht man auch, um sich über Wasser zu halten“, sagt der Profi-Autoschrauber. Er könne froh sein, dass sich sein Betrieb über vier Jahrzehnte eine gepflegte Stammkundschaft aufgebaut hat. Große Sprünge könne er sich dennoch nicht leisten.

Immerhin hat er vor ein paar Monaten eine Ganztags-Bürokraft einstellen können, weil er den administrativen Kram alleine nicht mehr gestemmt bekam. Er sagt aber klipp und klar: „Heute noch eine Werkstatt aufmachen? Vergiss es!“

Stephan Wappner

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Kommentare
22.02.2012
21:42
@ #1: Reifen mit Notlaufeigenschaften
von petrag67 | #2

Das Gerät für 10.000 Euro ist zum Aufziehen des Reifens auf die Felge (das Rad). Bei einem Reifen mit Notlaufeigenschaften wäre nur dann ein Ersatzreifen zur Sofortmontage durch den Fahrer nötig, wenn der Reifen platzt. Mit einem Reifen mit Notlaufeigenschaften kann man mit verringerter Geschwindigkeit weiterfahren bis zur nächsten Werkstatt (die ein solches Gerät besitzt) und einen neuen Reifen mit Notlaufeigenschaften aufziehen. Oder man fährt in die nächste "konventionelle" Werkstatt und lässt einen 09/15-Reifen aufziehen ...

22.02.2012
07:33
"Um die überhaupt auf- und abmontieren zu können, musste sich Goral unlängst ebenfalls ein völlig neues Gerät anschaffen. Kostenpunkt: rund 10 000 Euro."
von hamicha | #1

und der Autofahrer bekommt dieses Gerät mitgeliefert,damit er im Pannenfall den Reifen wechseln kann ???
Bei Einbau eines normalen Reserverades müßten die Autos also einige tausend Euro billiger sein.
Oder wie ,oder was ?

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