Welche verrückten Ideen haben Sie denn noch so, Herr Groot Obbink?

Han Groot Obbink . Im Hintergrund der Kühlturm des nie ans Netz gegangenen „Schnellen Brüters“ – mit einer fröhlichen „Kettenreaktion“: Ein Kettenkarussel in 58 Metern Höhe.
Han Groot Obbink . Im Hintergrund der Kühlturm des nie ans Netz gegangenen „Schnellen Brüters“ – mit einer fröhlichen „Kettenreaktion“: Ein Kettenkarussel in 58 Metern Höhe.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Ein Ort, an dem nichts unmöglich scheint: Das „Wunderland“ Kalkar ist für alle da: Spiel, Spaß, Essen, Übernachten, Tagen, Messestandort... Interview mit Geschäftsführer Han Groot Obbink

Kalkar..  Ein komisches Ding, eine verrückte Idee: Im ehemaligen „Schnellen Brüter“, dem nie ans Netz gegangenen Kernenergie-Riesen, hat sich die Spaß- und Messegesellschaft etabliert. Han Groot Obbink ist seit vielen Jahren Geschäftsführer im „Wunderland“. : Sofa, Kamin, Cappuccino – außergewöhnliche Gemütlichkeit hinter meterdicken Betonwänden. Das „Wunderland“ hat sich zu einem erfolgreichen Hotel-, Business- und Freizeitpark entwickelt.

Tach Herr Groot Obbink. Sie haben einen seltsamen Arbeitsplatz.

(grinst) Stimmt. Der ist weltweit einmalig.

Was treibt einen an, in einem ausgedienten Kernkraftwerk zu arbeiten?

Die Idee ist einfach großartig. So verrückt es ist, so toll ist es, in einem solchen Komplex Spaß und Unterhaltung für alle Generationen anzubieten. Karussells statt Kernkraft – ist doch ein super Motto.

Sie sind Geschäftsführer, Gastronom, neuer Kreisvorsitzender des Dehoga Kreis Kleve...

Ich versuche, sechs Tage die Woche für das „Wunderland“ da zu sein und einen Tag in der Woche für den Hotel- und Gaststättenverband und die Kalkarer Gastronomie. Außerdem bin ich im Vorstand des Werberings Kalkar aktiv und als Lehrbeauftragter der Hochschule Rhein-Waal für das Fach Hotelmanagement tätig. Ich bin als Bauernjunge groß geworden. In unserer Nachbarschaft gab es ein Hotel und ein Restaurant. Da habe ich als Jugendlicher schon gejobbt. Ich wollte immer zur Hotelfachschule – aus diesem Grunde habe ich zunächst eine Ausbildung als Koch absolviert, um die Qualifikation für das Studium des Hotelmanagements in Tilburg zu erlangen.

Und seit zwei Jahrzehnten im „Wunderland“.

Ja. Wirklich schon 20 Jahre. So lange war ich vorher noch nie an einem Ort. (überlegt) Das ist der 17. Betrieb in dem ich arbeite, 22 Mal bin ich umgezogen. (Pause) und jetzt lebe ich schon 10 Jahre in Kalkar. Aber es gibt hier auch so viele Möglichkeiten. Als ich in den 90ern hierher kam, habe ich mich überraschen lassen, was auf mich zukommt. Heute würde ich natürlich anders an die Sache ‘rangehen.

Inwiefern?

Ich hatte mir zum Beispiel keine Gedanken darüber gemacht, dass es einen Unterschied zwischen deutscher und niederländischer Gastronomie gibt. Und ich ahnte nichts von den bürokratischen und verwaltungstechnischen Regelwerken, die mich hier erwarteten.

Das Wunderland hat sich entwickelt – zu einem Freizeitpark mit Hotelbetrieb. Inzwischen auch zu einem munteren Messe-Standort.

Wir haben im Jahr alles zusammen rund 630.000 Besucher, 45 Prozent davon sind Holländer. Im Hotelbereich gibt es 435 Zimmer und 1000 Betten. Im Schnitt zählen wir 120.000 Übernachtungen pro Jahr. Durch die Messen können wir neue Zielgruppen erreichen - und ungefähr 650 Mitarbeiter während der Hochsaison einstellen.

Die einen wollen Party machen, die anderen Kongress.

Aber das passt doch. Wir haben für jeden ein Angebot. Unser Park ist riesengroß, die sechs Hotels sind weit weg von dem Trubel. Und wir sind dabei, die Zimmer noch komfortabler einzurichten, ein bisschen mehr Luxus darf es jetzt schon werden. Diese sind derzeit noch „standard“.

Kommen immer noch so viele Vereine zu Ihnen zum Abfeiern?

Das hat sich verändert. Früher waren viele Kegelclubs hier und haben Stimmung gemacht. Aber es gibt weniger Kegelclubs, also müssen auch wir unser Konzept verändern und darauf reagieren. Das gilt auch für die Gastronomie. Frische und regionale Kost ist angesagt. Das werden wir auch umsetzen und unsere Buffet-Landschaft verändern.

Bei den Messen sind Sie hart im Nehmen: Mallorca-Party und Heimtiermesse, Schlager der 70er und Tourismusbörse. Zwischendrin Riesenrad und Softeis...

Das ist ja das Tolle. Wir sind für alle da. Es gibt einige Wochenenden im Jahr, da raten wir Familien ab zu kommen, weil da richtig Party gemacht wird. Wochentags kommen dann die Geschäftsleute und die Senioren. Die Fach- und Verbrauchermessen waren früher unser Standbein für den ruhigeren Winter. Inzwischen sind wir ganzjährig Messestandort. Das ist ja auch die besondere Herausforderung, die mich reizt: Ein solches Terrain zu entwickeln, eine Gastronomie und ein Hotel in einem alten Kraftwerk aufzubauen, immer etwas Neues zu probieren. Die Kombination „alles an einem Platz“ ist am Niederrhein einzigartig. Aber natürlich müssen wir auch ehrlich sein: Wir sind ein drei Sterne-Haus. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Denn das Verhältnis Preis/Qualität stimmt. Alle Events sind auf Maß gemacht. Bei uns finden viele wirtschaftliche Veranstaltungen statt, der Dehoga-Neujahrsempfang etwa, mit 2000 Gästen. Aber auch größere Betriebsfeiern, Kongresse und Tagungen.

Der Tourismuszweig wird für den Niederrhein immer wichtiger.

Der Niederrhein ist ein sehr wichtiger Tourismus-Faktor. Er definiert sich über eine gute Erreichbarkeit, eine sehr gute Infrastruktur und viele Sehenswürdigkeiten, gute Gastronomie, schöne Landschaft und netten Menschen. Wenn wir uns all diese Aspekte bewusst machen, kann sich hier noch viel mehr tun. Aber es muss auch noch viel passieren. Es gibt immer noch Geschäfte, die samstags um 13 Uhr schließen. Es gibt immer noch Gastronomien, die machen zwei Stunden Mittagspause. Wir müssen mehr auf die Bedürfnisse der Touristen eingehen. Auch die Zusammenarbeit mit Politik und Handel ist sehr wichtig. Wir müssen das Gefühl entwickeln, dass wir stolz sind auf unsere Region.

So ein Kernkraftwerk ist ja auch ganz schön viel Beton.

Oh ja. Das macht viele Möglichkeiten, etwa im und am Kühlturm durch das Echoland oder Klettermöglichkeiten. Die Gebäude bieten uns noch viel Potential, Neues zu schaffen. Wir wollen gemütlicher werden, geselliger. Unseren Eingangsbereich haben wir schon verändert, mit einem großen Teich, vielen Pflanzen, kleinen Wegen...

Und das Maskottchen?

Kernie? Das bleibt, natürlich! Ohne Kernie, das wäre ja – wie Berlin ohne Brandenburger Tor.

Was haben Sie noch vor?

Wollen Sie wirklich wissen, welche Träume Hennie van der Most und ich haben? Eine Indoor-Spielstadt. Ein Shopping-Center. Ein Wellness-Tempel. Eine richtig tolle Wunderland-Winterlandschaft. Vielleicht auch einen richtig tollen Sportplatz und Fitnessbereich für alle Sportvereine hier. Wir haben noch so viel Platz...

Karussells statt Kernenergie. 1995 kaufte Hennie van der Most die Industrieanlage – eine Freizeit- und Erholungsanlage der besonderen Art entstand, u.a. Kernie’s Familienpark – mit mehr als 40 Fahrgeschäften. Geöffnet bis 1. November, täglich 10-18 Uhr. Erw. 27,50 Euro; Kinder 20,50 Euro; Griether Str. 110. (Parken, Pommes, Eis, Getränke inkl.). www.wunderlandkalkar.eu