NIERS
Wasser aus zweiter Hand
19.07.2010 | 18:56 Uhr 2010-07-19T18:56:00+0200
Mönchengladbach.Zähne putzen, Haare waschen, Geschirr spülen, auf die Toilette gehen – statistisch gesehen produziert jeder Mensch rund 120 Liter Abwasser pro Tag. Literweise Schmutz, der auch die Niers belastet.
Das größte Klärwerk des Niersverbandes steht in Mönchengladbach-Neuwerk. Hier werden die Abwässer aus Mönchengladbach sowie aus Korschenbroich, Tönisvorst, Willich und Viersen gereinigt, also die von rund 408 000 Menschen.
An einem trockenen Tag fließen dort durchschnittlich etwa 150 000 Kubikmeter Abwasser zusammen. „Leider auch jede Menge Müll, der eigentlich gar nicht in den Abfluss gehört“, bedauert Bernhard Rembarz, der Betriebsleiter vor Ort ist. Essensreste, Hygieneartikel wie Damenbinden, Putzlappen, Zigarettenstummel... „Früher kam hier auch mal ein halbes Schwein an“, erzählt er.
58 Mitarbeiter arbeiten auf dem 67 Hektar großen Gelände, das direkt an der A52 liegt. Die Anlage wird an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr betrieben. Der Säuberungsprozess läuft über ein mehrstufiges Reinigungssystem.
Am Anfang steht die mechanische Reinigung durch einen Rechen. Dieser fischt gröbere Abfälle wie Toilettenpapier aus dem Abwasser heraus. Im Jahr immerhin 2 450 Tonnen. Danach durchläuft das Abwasser einen Sandfang, in dem der mitgeführte Sand und ähnliche Partikel zurückgehalten werden. Anschließend wird das Abwasser über dicke Rohre quer über das Betriebsgelände in die biologische Reinigung geleitet. In eigens dafür errichteten Becken werden gezielt Bakterien mit dem Abwasser in Berührung gebracht, die sich von dem verunreinigten Wasser ernähren, und dadurch die gewässerbelastenden Stoffe abbauen. Ein unappetitlich klingendes Verfahren, das genau genommen ein natürlicher Prozess ist. Vorbild ist die Natur, in der ähnliche Abbauprozesse alltäglich sind.
Nach der biologischen Reinigung bleibt ein Schlamm-Wasser-Gemisch übrig, das in Nachklärbecken geleitet wird. Dort sinkt der Schlamm zu Boden, der später in drei Faultürmen gelagert und genutzt wird: Beim Austrocknen des feuchten Schlammes entstehen Gase, vor allem Methan, das in einem betriebseigenen Blockheizkraftwerk verwendet wird. Letztlich übrig bleiben rund 20 000 Tonnen Klärschlamm, der zu einem geringen Teil in der Landwirtschaft genutzt wird, größtenteils in Müllverbrennungsanlagen vernichtet wird.
Von Aal bis Zander – alle da
Zurück zum gereinigten und nun auch klaren Wasser, das aus den Nachklärbecken in den benachbarten Nierssee abfließt. In dem sogenannten Schönungsteich, der bei Hochwasser auch als Überlaufbecken dient, setzen sich die kleinsten noch verbliebenen Schwebstoffe ab. Dort wird dem Wasser zusätzlich lebenswichtiger Sauerstoff zugeführt – bevor er in die Niers fließt.
Die Öko-Bilanz, die Bernhard Rembarz für sein Klärwerk zieht, ist positiv: „Mehr als 90 Prozent der chemischen und mehr als 99 Prozent der organischen Schmutzstoffe können wir aus dem Wasser entfernen.“ Aal, Barsch, Zander und 22 weitere Fischarten bestätigen sein Urteil, sie tummeln sich wieder in dem früher als Rio Tinto verspotteten Fluss. Knapp 250 Millionen Euro hat der Niersverband seit Anfang der 1990er Jahre in seine Klärwerke und sonstigen Anlagen investiert.
Wie wichtig dies für die Niers ist, verdeutlichen zwei Zahlen: In Kempen besteht das Nierswasser zur Hälfte aus gereinigtem Abwasser, in Goch noch aus bis zu einem Drittel.
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