Warum muss die Kirche modern sein, Herr Weidisch?

Interview mit Karsten Weidisch,  Pfarrer in der Kirche St. Joseph Moers.
Interview mit Karsten Weidisch, Pfarrer in der Kirche St. Joseph Moers.
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Was wir bereits wissen
Karsten Weidisch wollte in Emmerich frischen Wind in den Gottesdienst bringen – das gefiel nicht jedem. In Moers kommt seine Art bislang gut an.

Moers..  Seit September ist der ehemalige Emmericher Pfarrer Karsten Weidisch in der St. Josef-Gemeinde in Moers tätig. Mit seiner modernen Art Kirche zu machen, konnte er die Gläubigen für sich begeistern und machte gemeinsam mit Kaplan Christian Olding mit seiner Veni-Jugendkirche bundesweit Schlagzeilen. Seine moderne Ausrichtung gefiel allerdings nicht jedem: Es kam zum Streit mit konservativ ausgelegten Katholiken, der schließlich eskalierte. Im Gespräch erzählt Weidisch, wie es ihm in Moers ergeht und wieso es wichtig ist, die Botschaft der Kirche in die heutige Zeit zu transportieren.

Herr Weidisch, haben Sie sich gut in Moers eingelebt?

Ja, das kann man nicht anders sagen. Ich kannte Moers ja schon aus meiner Zeit in Xanten. Und ich habe mich sofort gemeldet, als die Stelle hier frei wurde. Schon als ich am 1. September hierher gekommen bin, hatte ich ein gutes Grundgefühl. Ich lebe und arbeite hier wirklich gerne. Die Gemeinde ist toll, und die Stadt ist auch attraktiv.

Was gefällt Ihnen an Moers?

Mir gefällt, dass die Stadt am Niederrhein liegt, denn ich wollte unbedingt wieder in der Region arbeiten. Trotzdem ist Moers sehr ruhrgebietsnah. Man lebt ruhig und kommt durch die Autobahnanbindung trotzdem schnell überall hin.

Wie ist denn bislang die Resonanz der Gemeinde?

Bis jetzt kann ich mich nicht beklagen. Die Moerser haben sich bis jetzt nicht beschwert. Ich stehe ja mehr für die moderne Kirche, das heißt, ich versuche, klare Worte zu finden und meine Predigten an die Lebenswirklichkeit der Menschen anzupassen. Natürlich kann man es nicht immer allen Recht machen und es gibt auch immer Mitglieder in der Gemeinde, die den Gottesdienst vielleicht gern etwas salbungsvoller hätten. Aber im Großen und Ganzen sind die Reaktionen auf meine Art sehr positiv.

Sind es eher die jungen oder älteren Gemeindemitglieder, die ihre Art schätzen?

Ich glaube nicht, dass das eine Generationenfrage ist. Die positiven Stimmen kommen sowohl von älteren Menschen, die über 80 sind, als auch von den jüngeren. Gerade bei unserem modernen Gottesdiensten habe ich mit älteren Leuten gesprochen, die sich gefreut und gesagt haben, dass sie auf so etwas schon ihr ganzes Leben gewartet haben. Ich würde eher sagen, dass ist eine Sache der Offenheit.

Ihre Predigten orientieren sich an der Lebenswirklichkeit der Menschen. Können Sie dafür ein paar Beispiele geben?

Eine wichtige Frage ist zum Beispiel, wie wir mit den geschiedenen und wieder verheirateten Gemeindemitgliedern umgehen. Die müssen wir mehr integrieren und solche Dinge müssen auch klar benannt werden. Es hilft ja nichts an Praktiken festzuhalten, die mehrere Jahrzehnte alt sind, denn nur weil es früher funktioniert hat, heißt es ja nicht, dass es heute auch noch funktioniert. Wenn es denn überhaupt je funktioniert hat. Unsere Mission als Kirche ist ja klar definiert: Wir haben eine ganz alte Botschaft, die heute immer noch aktuell ist, aber wir müssen es schaffen, sie in die heutige Zeit zu übersetzen.

Heißt das, die Botschaft der Kirche neu zu interpretieren oder sie einfach in moderne Sprache zu verpacken?

Ich glaube, letzteres reicht in der Regel. Wenn ich mir die Botschaft von Jesus Christus als Person anschaue, ist die in der Regel sehr konkret. Und die kann man fast eins zu eins in unsere Zeit übertragen. Schauen Sie sich doch mal an, wie oft Jesus in Konflikt mit den Ältesten und Schriftgelehrten war. Schon damals hat sich gezeigt: Wer immer nur strikt auf die Texte schaut, lebt an der Lebenswirklichkeit der Menschen vorbei. Das heißt nicht, dass ich in meinen Gottesdiensten versuche, einem gewissen Zeitgeist hinterherzulaufen oder alles bunter und aufregender machen will.

Wie bereiten Sie sich denn auf ihre Predigten vor?

Meine Grundintention ist, dass die Texte biblisch verankert sind. Und damit sind sie schon nah am Ursprung orientiert. Aber ansonsten sieht die Vorbereitung immer anders aus. Schriftlich halte ich eigentlich nie etwas fest. Ich habe immer drei Punkte im Kopf, die ich gerne ansprechen würde und dann überlege ich mir, wie ich von A nach B und von B nach C komme. Ein Manuskript habe ich eigentlich noch nie gebraucht. Das wäre auch für mich nicht förderlich. Es kommt immer auf die Messe an. Eine Frühmesse hat ein anderes Klientel als spätere Messen, darauf muss man eingehen. Und dann kann ich schauen: Was habe ich zum Beispiel tagsüber in St. Josef erlebt, was in St. Ludger und was in Asberg? Man muss den Ort, an dem man predigt, auch einbeziehen. Und da sind wir wieder bei der Lebenswirklichkeit. Eine fertig vorgeschriebene Predigt wäre mir persönlich auch zu langweilig, wenn ich die vier mal am Wochenende halten muss.

Besteht da nicht die Gefahr, dass Ihnen mal nichts einfällt?

Eigentlich nicht. Da verlasse ich mich ganz auf mich selbst und bin dankbar, dass ich diese Fähigkeit habe und nicht stundenlang etwas in schriftlicher Form ausarbeiten muss. Neulich hatte ich ein sehr schönes Erlebnis: Da hat einer der Seniorenmessdiener ganz beiläufig zu mir gesagt: „In Rom ist ja wieder mächtig was los.“ Und damit hatte ich das Schlagwort für meine Predigt. Natürlich besteht die Gefahr, dass mal ein Satz falsch verstanden wird oder etwas zu salopp gesagt wird. Aber dann stehe ich auch dazu. In solchen Fällen muss man authentisch sein.

Haben Sie noch Kontakt zu Mitgliedern aus Ihrer alten Emmericher Gemeinde?

Ja, tatsächlich. Ich glaube, ich hatte sonntags nur wenige Gottesdienste ohne Leute aus Emmerich. Zweimal haben die Emmericher sogar einen Bus organisiert und sind nach Moers gekommen. Das freut mich natürlich, weil ich die Menschen auch gerne wiedersehe. Wir haben ja eine Menge Zeit miteinander verbracht. Aber ich würde so etwas niemals selbst mobilisieren, weil ich natürlich auch will, dass die Gottesdienste in Emmerich gut besucht sind.

Neue Gottesdienstformate wie „Celebration at home“, in denen sie die Gottesdienste bei Gemeindemitgliedern zuhause abgehalten haben, sind in Emmerich gut angekommen. Ist so etwas auch für Moers geplant?

Theoretisch ja, weil ich gute Erfahrungen damit habe. Aber momentan bin ich ja kommissarisch auch der leitende Pfarrer in Moers, von daher bin ich auch mit vielen Verwaltungsaufgaben beschäftigt. Aber sobald ein neuer leitender Pfarrer kommt, würde ich das Format gern wieder aufleben lassen.