Von der Schnapsidee zum Brauprojekt

Voerde-Spellen..  Drei Merkmale eines Bieres, das beim „Global Craft Beer Award 2014“ die Silbermedaille geholt hat? „Herber Antrunk, fruchtig-blumig, mit leichter Zitrusnote“, beschreibt Arne Hendschke. Der 30-jährige Spellener ist der Kopf hinter der Rezeptur des preisgekrönten India Pale Ale (IPA).

Dabei war’s am Anfang nicht viel mehr als eine Bierlaune. Und jugendlicher Leichtsinn, ein Männerding. Arne Hendschke ist 20 und in der Ausbildung zum Brauer und Mälzer, als er sich im Sommer 2004 mit Torsten Mömken in den Garten setzt, ein Feuer macht und darüber in einer Milchkanne Bier braut. „Geschmeckt hat das schon, wenn auch ziemlich undefinierbar…“, erinnert sich Mömken. Zehn Jahre, eine aus Gartenschläuchen zusammengeschusterte Kühlanlage, zwei Sudwerke und einige Tausend Liter Gerstensaft später sagen die beiden noch immer: „Bier ist unsere Liebe.“

Mit und ohne Reinheitsgebot

Und inzwischen auch ihr Job: Brauprojekt 777 – das Logo steht auf einem unscheinbaren Garagentor direkt hinter dem Spellener Ortseingang. In der Halle dahinter, einer ehemaligen Schlosserei, brauen Torsten Mömken und Arne Hendschke heute Pils und Alt, Bockbier, Weizen und Co..Mit und ohne Reinheitsgebot: „Unser Traum ist es, auch Biere zu brauen, die es innerhalb des deutschen Reinheitsgebots nicht gibt“, betont Mömken. Dahinter stecke auch der Pioniergedanke, „Bier neu zu entdecken“, sagt Hendschke. Auch wenn sie ihr Bier fern von Alt und Pils, Red Ale und IPA damit streng genommen gar nicht so nennen dürfen. Die amerikanische Craft-Beer-Bewegung hat’s vorgemacht. „Heute machen die Leute auch in deutschen Mikrobrauereien wilde Sachen.“

Klar und goldgelb oder ein dunkles Rotbraun. Die Bierfarbpalette, die Arne Hendschke und Torsten Mömken in bauchigen Gläsern in ihrer Privatbrauerei auftischen, ist groß. Der Geruch reicht von mild bis würzig. Und der Geschmack? Von süffig bis herb, vom Klassiker bis zum Exoten: „Es darf ruhig verrückt sein, muss aber schmecken“, fasst Torsten Mömken das Credo vom Brauprojekt 777 zusammen. Als Tester halten Freunde und Familie her – vom Veltins- bis zum Champagnertrinker.

Was dabei rauskommt heißt dann Sommerbier, Single Hop oder Snow White Seven. Letzteres ist ein auf 180 Flaschen limitiertes Gewürzbier, bei dem Zimt, Ingwer, Nelken, Piment und getrocknete Orangenschalen für weihnachtlichen Geschmack sorgen. „Ein mutiges Bier“, findet Torsten Mömken, „weil man den klassischen Biertrinker damit wohl erst mal verschreckt.“ Und andere vielleicht enttäusche, weil das Bier dann doch nur in Nuancen nach Zimt und Orangen schmeckt.

Ein Bier, das polarisiert? „Für die einen schmeckt es vielleicht wie Spülwasser, für die anderen ist es ein Göttergetränk“, sagt Arne Hendschke. „Wir wollen den Leuten zeigen, was Bier und wie es schmecken kann.“

Nicht nur nach Weihnachten, sondern auch nach Kürbis, Birne oder Honig. Und die kommen vom Niederrhein. „Wir verwenden nur natürliche und wann immer es geht lokale Produkte“, erklärt Mömken. Das kommt inzwischen nicht nur bei Männern an: Für die süßeren, saisonalen Biersorten mit Honig- oder Birnenaroma stehen zum Werksverkauf immer öfter auch Frauen in der Schlange.

Das erste Pils aus Spellen ging dort im Januar 2013 über die Theke. „Angefangen haben wir damals mit etwa 80 Kästen und 320 Litern“, rechnet Torsten Mömken vor. Innerhalb einer Stunde war alles ausverkauft. Als Kastenwagen umgebaut, liebevoll mit Blumen, Comics oder Sprüchen bemalt kommen die in der Dinslakener Albert-Schweitzer-Einrichtung hergestellten Holzbierkästen zurück in die Privatbrauerei. Und erzählen Geschichten, auch wenn die Künstler anonym bleiben. „Ich war am Bodensee“ oder „Mein Leben dauerte nur drei Minuten“, steht darauf. Über mangelnde Nachfrage können die Männer hinter dem Brauprojekt 777 auch heute nicht klagen: „Nachfrage? Ich weiß nicht, wann wir die endlich mal decken können“, sagt Mömken. An die 2000 Liter Bier verkaufen die Spellener inzwischen beim monatlichen Werksverkauf – an Privatkunden vom Niederrhein und aus dem Ruhrgebiet, aus Köln, Frankfurt oder Nürnberg. Auch Bierliebhaber aus England, den Niederlanden und sogar aus China kommen dafür nach Spellen.„Unser Ziel ist es, erstmal nicht ausverkauft zu sein.“

Ein Luxusproblem, sollte man meinen. „Wir haben aufgehört, uns verrückt zu machen“, sagt Mömken.„100 Prozent handgemachtes Bier“, das sei eben nicht bloß ein Slogan. „Die Kunden bekommen bei uns die Garantie für ein gutes Bier. Aber dafür brauchen wir Zeit.“

Denn die Jungs vom Brauprojekt 777 setzen beim Bier auf Reife: Zwischen vier und acht Wochen, je nach Sorte, lagert das in den Tanks – damit sich das Aroma entfalten kann. Ein Unterschied zu den meisten industriellen Bieren: „Viele bekommen nicht mehr die Zeit, die sie brauchen“, glaubt Hendschke. Dabei droht das Fass in Spellen tatsächlich überzulaufen: Mit einer Kapazität von 500 Litern stößt die Brauanlage an ihre Grenzen. Ganz anders als die Experimentierfreude von Arne Hendschke und Torsten Mömken. „Wir sind ständig auf der Suche nach neuen Geschmackserlebnissen“, sagt Hendschke. Beim Bier sei das ähnlich wie bei einem Theaterstück, findet Mömken: „Eine andere Interpretation ist spannend.“ Und: „Mir ist es lieber, wenn die Leute kommen und sagen: ,Das Bier schmeckt mir nicht‘, als ,Das schmeckt aber wie…‘.“

Aber wie schmeckt eigentlich ein Bier auf der Basis von Kopfweidenrinde? Das neueste Projekt ist bislang zwar nur eine Idee – aber unverwechselbar niederrheinisch. Und katerfrei noch dazu, denn: „In der richtigen Dosis wirkt Kopfweidenrinde wie Aspirin“, weiß Arne Hendschke.

Na dann, Prost!