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Naturgewalt

Vom Leid und von der Leichtigkeit Zeelands

18.06.2012 | 17:57 Uhr
Vom Leid und von der Leichtigkeit Zeelands
Dünen und Strand bei Westenschouwen auf Schouwen-Duiveland /Zeeland. Foto: Peter Oelker

Oostkapelle/Ouwerkerke.  Die als Ferienparadies bekannte Region Zeeland blickt auf eine im Wortsinn bewegte Geschichte zurück. Sie ist geprägt von der Bedrohung durch das Wasser. Museen zeigen dazu Ausstellungen mit beeindruckenden Exponaten.

Die Geschichte der als Ferienparadies bekannten Region Zeeland ist eine Geschichte von Leid und Vernichtung. Zu sehen ist das im „Terra Maris” in Oostkapelle bei Domburg; „Terra Maris“ ist das „Museum voor Natuur en Landschap”, also das Landschaftsmuseum Zeelands. Dort sind auf einem schwarzen Monolithen die Namen derjenigen Dörfer eingeritzt, die im Laufe der Jahrhunderte in der von Wasser durchzogenen und nach wie vor bedrohten Gegend den Fluten zum Opfer fielen. Es sind viele Namen, also auch viele Dörfer, die es nicht mehr gibt - irgendwann vom Erdboden verschluckt. Über die Oberfläche des Monolithen gluckert unaufhörlich ein Rinnsal Wasser. Der Besucher bleibt vor diesem imposanten Exponat unweigerlich stehen und hält inne.

„Terra Maris“ erklärt in einer abwechslungsreichen, lebhaften und crossmedialen Ausstellung viel über die dynamische Natur des Deltas im Südwesten der Niederlande. „Die Menschen hier begannen erst im elften Jahrhundert damit, höhere Deiche zu bauen”, erklärt Biologe Chiel Jacobusse während einer Führung durch die Ausstellung. In den Jahrhunderten zuvor sei das Land von belgischen Mönchen kultiviert worden, die einfache, niedrige Hügel mit Hilfe von Spaten und Körben herstellten. „Doch es gab immer wieder verheerende Überschwemmungen und Rückschritte”, so Jacobusse. Und als im Mittelalter die rund 30 Inseln Zeelands durch den Bau von Poldern immer mehr zusammen gewachsen waren, exportierten die Menschen der Region gleichzeitig das sich im Boden festgesetzte Salz nach ganz Westeuropa. Wieder flachte das Land ab, wieder kam das Meer näher.

Burg auf Stelzen

Fast mediterranes Flair: Das Örtchen Veere

„Terra Maris“, das wörtlich „Land der See“ bedeutet, verfügt nicht nur über eine Dauerausstellung, über eine Wechselausstellung sowie über eine geheime „Wunderkammer“ für Kinder, sondern auch über einen etwa zweieinhalb Hektar großen Landschaftsgarten. Blickfang ist dort die Rekonstruktion einer mittelalterlichen „Motteburg“ - einer primitiven, auf hölzernen Stelzen errichteten Fliehburg für Würdenträger in Zeiten von Krieg und Flut.

Noch näher rückt die im Wortsinn bewegte Geschichte Zeelands beim Besuch im „Watersnoodmuseum“ 40 Autokilometer von Oostkapelle entfernt auf der Insel Schouwen-Duiveland. Es ist ein Hochwasserkatastrophen-Museum und gleichzeitig Gedenkstätte für die Ereignisse des Jahres 1953, als eine Sturmflut die Deiche der Region auf einer Länge von insgesamt 500 Kilometern brechen ließ. 1835 Menschen kamen damals ums Leben. Die Ausstellung mit unzähligen Fotos, spannenden Textdokumenten und einigen Multimedia-Räumen ist in vier so genannten Caissons untergebracht. Das sind flache Betonbauten, die von den britischen Alliierten 1944 im Zuge der Invasion gebaut wurden und als Wellenbrecher dienen sollten.

Peter Maartense ist ehrenamtlich tätig für das Watersnoodmuseum, er führt dort Besuchergruppen durch die vier jeweils Fußballplatz großen Caissons. Der 69-Jährige wundert sich häufig über die Leichtigkeit seiner Landsleute. „Dass die deutschen Urlauber sich nicht auskennen, ist verständlich“, so Maartense. „Aber auch die meisten Holländer wissen nicht, dass sie auf keinem festen Boden leben, sondern auf einer mehr oder weniger dicken Moorschicht.“ Gerade West-Holland sei vergleichbar mit einem „nassen Kuhfladen, der auf einem gesättigten Schwamm liegt”.

Zynisches Kunstwerk

In Caisson 4 hängt ein riesiges Bild, das zwei spielende Kinder am Strand zeigt. Schaut man genauer hin, ergibt sich dieses Bild aus Hunderten kleinerer Fotos, auf denen Momentaufnahmen von Flutkatastrophen aus der ganzen Welt festgehalten sind. Ein zynisches Kunstwerk, aber es wirkt nach. Maartense sagt: „Mit dem Wasser sicher zu leben, das ist eine große Illusion!”

VEERE - DIE SCHOTTEN UND DER WOLLHANDEL

Historisch bedeutend ist in der Region Zeeland auch das kleine Örtchen Veere mit seinen verwinkelten Gässchen, schiefen Fassaden und alten Gemäuern. Das Dorf am „Veerse Meer“, das im Kern nur 500 Einwohner zählt, lockt alljährlich viele Touristen mit seinem prächtigen, mediterran anmutenden „Kaai“ und diversen Besichtigungsmöglichkeiten. Das Museum „De Schotse Huizen” etwa zeugt von rund 300 Jahren im späten Mittelalter, in denen schottische Kaufleute den Ort bevölkerten und von dort aus den Wollhandel von Schottland zum europäischen Festland regelten. Ende des 18. Jahrhunderts wurde die schottische Gemeinde in Veere immer kleiner. Das hatte nichts mit der Bedrohung durch das Meer zu tun, sondern mit den Folgen der Französischen Revolution. Die Anhänger Bonapartes fielen ins Land ein, sämtliche Privilegien der Kaufleute waren plötzlich hinfällig.

PREISE UND ÖFFNUNGSZEITEN

Das Landschaftsmuseum „Terra Maris“ in Oostkapelle ist vom 15. April bis Oktober täglich von 10 - 17 Uhr sowie von November bis 14. April mittwochs bis freitags von 12 - 16 Uhr und Samstag und Sonntag von 12 - 17 Uhr geöffnet. Bis zum 14. April 2013 ist zudem die Ausstellung „Strand“ zu sehen. Eintrittspreise: 6 Euro für Erwachsene; 3,50 Euro für Kinder.

Das „Watersnoodmuseum“ in Ouwerkerk ist vom 1. April bis Ende Oktober täglich von 11 - 17 Uhr und vom 1. November bis Ende März täglich von 13 - 17 Uhr geöffnet. Eintrittspreise: 8 Euro für Erwachsene (Gruppenpreis 6,50 Euro); 2,50 Euro für Kinder von 6 bis 12 Jahre (Gruppenpreis 2 Euro); Kinder unter 6 Jahre haben freien Eintritt.

Mehr Infos unter www.terramaris.nl, www.watersnoodmuseum.nl sowie beim Touristikzentrum: www.vvvzeeland.nl

Stephan Wappner

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