Und sie drehen sich noch
25.08.2009 | 17:30 Uhr 2009-08-25T17:30:00+0200
Kinderdijk. Nach 270 Jahren werden die Mühlen von Kinderdijk, niederländisches Weltkulturerbe, zum ersten Mal restauriert
Kinderdijk. Das Schlimmste haben Cor und Tieneke den Boer überstanden. Die Bagger sind weg, die Maurer haben ihre Arbeit getan, und so langsam lässt sich wieder erkennen, wo einst der Garten war. Tieneke den Boer liebt ihren Garten, die Hortensien und Rosen, die noch im letzten Sommer so unverschämt üppig geblüht haben und auf deren Anblick sie jetzt fast ein Jahr verzichtet hat. „Das war schon eine anstrengende Zeit”, sagt die blonde Holländerin, die in traditionellen Holzschuhen vor ihrem Haus steht und die schmalen Gehwege fegt. Fast ein Jahr lang haben sie und ihr Mann auf einer Baustelle gelebt und jeden Tag hautnah mitverfolgt, wie ihr Haus, eine historische Wassermühle aus dem 18. Jahrhundert, von Grund auf restauriert wurde.
Idylle pur
Cor und Tieneke den Boer lieben ihre Mühle. Seit 46 Jahren leben sie in dem historischen Backsteinbau mit der berühmten Adresse „Overward 6” in Kinderdijk. Die Unesco hat ihre Wohnung 1997 als Weltkulturerbe eingetragen, ebenso die 18 anderen Mühlen, die in unmittelbarer Nähe stehen und einen einzigartigen Eindruck niederländischer Wasserbaukultur vergangener Tage vermitteln. Es ist die größte Ansammlung von historischen Mühlen, die man in den Niederlanden noch finden kann. Jährlich kommen Tausende Touristen aus der ganzen Welt, um diesen wunderschönen Anblick zu genießen.
Cor und Tieneke den Boer haben meistens ihre Ruhe. Zu ihrer Mühle gelangt man nur mit dem Fahrrad - oder zu Fuß. Vorbei an dichten Schilfwäldern und dem Kanal „De Overward.” „Sicherlich ist das anstrengend”, sagt Tieneke. Denn jeder Einkauf, jeder Gang zum Friseur, zur Arbeit, zu Freunden oder Nachbarn - alles geht nur über einen schmalen Feldweg. Die Mühlen von Kinderdijk, die im Sommer in der Sonne glänzen und im Herbst aus dem Nebel schimmern, hat sie dabei immer im Blick. Für Touristen ist das die Idylle pur. Und Tieneke den Boer kann sich zum Glück auch nach über zwanzig Jahren an diesem Anblick nicht satt sehen.
Seit Februar 2004 sind die Handwerker da. Die Mühlen von Kinderdijk müssen nach fast 250 Jahren überarbeitet werden, um die niederländischen Wahrzeichen vor dem Untergang zu retten. Und das im wörtlichen Sinne. „Die Fundamente der Wassermühlen haben in den vergangen Jahren starken Schaden genommen”, erklärt Henk Bronkhorst, der für die „Stiftung Weltkulturerbe Kinderdijk” die Bauarbeiten an 14 Mühlen begleitet.
Heute wird beim Nachbarn von Cor und Tieneke gearbeitet. Die Maurer haben die Steinfundamente der alten Mühle freigelegt und sind damit zugange die Mauern auszubessern. Im 18. Jahrhundert wurden die Mühlen auf dicke Eichenpfähle gesetzt, die unter den ständigen Wasserstandsänderungen stark gelitten haben. „Die Pfähle sind zwar noch meist intakt, aber da der Boden ständig nachgibt, haben sich auch die Pfähle verschoben”, erklärt Henk Bronkhorst. Mit viel Aufwand werden jetzt Betonfundamente unter die Mühlen gespritzt und Ausbesserungen an den Wassermahlwerken vorgenommen. „Vier Mühlen haben wir bereits restauriert. In zweieinhalb Jahren müssen wir fertig sein. Zurzeit restaurieren wir immer zwei Mühlen gleichzeitig. Allein die Fundamentarbeiten dauern vier bis fünf Monate.
Voll funktionsfähig
3,5 Millionen Euro stehen der Stiftung zur Verfügung, um die Mühlen von Kinderdijk für die nächsten 100 Jahre wind- und wetterfest zu machen. Tieneke den Boer freut sich, dass endlich etwas an ihrer Mühle getan wurde: „Das war schon vonnöten, denn mit der Zeit bildeten sich Risse im Mauerwerk und da muss schnell gehandelt werden.”
Zumal fast alle Mühlen bewohnt sind. Wer hier einziehen möchte, muss sich zum Müller ausbilden lassen und wissen, wie er seine Mühle im Notfall repariert – und wie er sie richtig bedient. Denn alle Mühlen sind noch voll funktionstüchtig, auch wenn sie ihre eigentlich Aufgabe – die Abfuhr von Wasser aus niedrig gelegenen Gebieten – nicht mehr erfüllen.
Nach Abschluss der Restaurierungsarbeiten möchte die Stiftung die Mühlen von Kinderdijk stärker vermarkten als bisher. 100 000 Besucher kommen bislang jedes Jahr. Geht es nach Henk Bronkhorst, dann dürfen dies auch gerne 400 000 oder 500 000 Besucher werden. Die Mühlen lassen sich am Besten vom Wasser aus beobachten. Bootsrundfahrten werden zwar bereits angeboten, „können aber noch stärker ausgebaut werden”, sagt Bronkhorst. Denn die Gäste lassen noch zu wenig Geld in Kinderdijk. „Da müssen wir unser Angebot verbessern.”
Bootsfahrten und Lichterglanz
Die Mühlen von Kinderdijk, Westkinderdijk 236. Kontakt für Besuchergruppen: 0031/6 52 08 34 86. Rundfahrt mit dem Boot: 0031/6 22 24 84 27. Internet: www.kinderdijk.nl
Vom 7. bis zum 20. September werden die Mühlen von 21.30 Uhr bis 23 Uhr mit LED-Lampen beleuchtet. Am 11. September gibt es einen Mühlenmarkt, von 17 bis 23 Uhr. Am 19. September startet auf dem großen Markt in Ablasserdam das Hafenfestival, von 9 bis 17 Uhr.
Ob Cor und Tieneke den Boer dann noch ihre geliebte Ruhe haben? „Nach 18 Uhr sind die meisten Touristen ja wieder weg”, beruhigt sich Tieneke den Boer. Und über den kleinen Feldweg wird sich sicherlich niemand trauen...
Im 18. Jahrhundert waren die Mühlen von Kinderdijk holländisches Hightech. Dank der Mühlen ist es den Niederländern gelungen, ihr Land trocken zu halten. Das Dörfchen Kinderdijk liegt gut zweieinhalb Meter unter dem Meeresspiegel. Bereits seit dem 14. Jahrhundert wird hier mit Hilfe von Windmühlen das Wasser aus den Poldern geschöpft. Da der Meeresspiegel im Laufe der Jahrhunderte immer weiter anstieg, mussten sich die Menschen in Kinderdijk eine Art Terrassenkonstruktion ausdenken, um den Höhenunterschied von 2,50 Meter ausgleichen zu können. Sichtbarstes Resultat dieser raffinierten Technik sind die 19 Mühlen von Kinderdijk. Dabei schöpfen acht Windmühlen das Wasser in eine Art Zwischenbassin, acht weitere Mühlen führen das Wasser dann vom Zwischenbassin durch die Schleusen von Elshout in den Fluss Lek ab. Nirgendwo in den Niederlanden kann man dieses komplizierte Mühlensystem so gut betrachten.
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