Und es wird licht

Gerade Linie.
Gerade Linie.
Foto: Kai Kitschenberg
Was wir bereits wissen
Blickwinkel und Sichtachsen. In den Villengärten von Haus Lange und Haus Esters in Krefeld fließen Natur und Architektur ineinander. Alles ist eins.

Krefeld..  Das Schöne am Winter ist ja, dass man freier atmen kann. Und besser gucken auch. Weil keine Büsche und Laubburgen sich in den Weg stellen. Mal abgesehen von der Stimmung, die ein verschneiter Weg, ein zugefrorener Teich, eine verpuderzuckerte Baumkrone einem ins Gemüt zaubert. Ein Garten im Winter ist ein ganz besonderer. Er öffnet Sehwege, erfindet Perspektiven, die im Sommer gar nicht denkbar sind. Winter-Gärten sind kleine Entdeckungsinseln – sogar ohne Schneemäntelchen und Eisblumen.

Zurzeit ist es eher der Wind, der seine Muster in die Natur strickt. Selbst hier: Auf den kantigen, klar strukturierten, geometrisch exakt gewinkelten Wegen in den Villengärten der Häuser Ester und Lange, da bricht das Chaos ein: Auf den geradlinigen mit rotem Splitt gepufferten Schlenderpfaden haben sich Ästchen und Laub hineingeschmuggelt, nicht akurat, nein, kreuz und quer. Als erlaube sich die Natur einen augenzwinkernden Schabernack mit Mies van der Rohe, dem berühmten Architekten und bahnbrechenden Gestalter von Drinnen und Draußen. Der hat Ende der Zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts nicht nur zwei benachbarte Wohnhäuser entworfen und gebaut – sondern auch die Gärten dazu: eine Einheit, klar, geradlinig, zurückhaltend. Die Häuser mit großen Panoramafenstern, die Gärten mit großzügigen Blickachsen – drinnen und draußen zerfließen, alles ist eins.

Thomas Visser ist Beigeordneter der Stadt Krefeld (Fachbereich 67, Grünflächen). Und er ist auch Gärtner und Vorstandsmitglied des Projektes „Straße der Gartenkunst“. Und steht da jetzt mitten auf dem Rasenareal im Garten von Haus Esters mit Blick auf das zweigeschossige, mit dunkelroten Backsteinen verkleidete Gebäude. So viel Garten. So viel Frei-Raum. Alles ist aufeinander abgestimmt. Buchen und Linden umspielen in kleinen Baumgruppen die strenge kubenförmige Architektur. Immer wieder ergänzen Solitäre die Dramaturgie. Zwei mächtige Kastanien, beide wohl so um die 100 Jahre, wachen an den unsichtbaren Grenzen zum Nachbargrundstück. Hell kommt der Winter hier an, licht ist es jetzt, wo selbst Lorbeer- und Eibenwände durchsichtig scheinen und zum Lünkern verführen, zum vorsichtigen Entdecken. Eine Etage tiefer hat Mies van der Rohe die Gärten angelegt, doch Treppen fügen sich behutsam in die Gestaltung ein, finden ohnehin nur an den Seiten der Häuser statt, unaufdringlich, zurückhaltend. Bloß nicht stören.

Unaufgeregt, sachlich, klar

Ein paar Bänke finden sich. Und Kunst. Große Kunst. Von Richard Long, Richard Serra, Ludger Gerdes, Claes Oldenburg zum Beispiel. Selbst im Sommer explodieren hier keine Farben und Blumenmeere. Es regiert das Grün. Efeu mit großen Blättern. Gräser. Gewinkelte Hainbuchenhecken. Kirschlorbeer, Flügelnuss, Blumenesche, durchgewachsener Buxus, ab und an ein Rhododendronstrauch.

„Das Wegesystem begrenzt die beiden Gärten“, sagt Thomas Visser und blättert einen Lageplan auf. „Es ist nicht ganz klar, wie weit Mies van der Rohe wirklich auch verantwortlich für die Gartengestaltung war. Es gibt keine Unterlagen dazu, weil im Krieg das Bauamt und das Stadtarchiv abgebrannt sind.“ Aber wie so oft, der Zufall half. „Es haben sich tatsächlich dann noch in einem Archiv in New York Skizzen von Mies van der Rohe gefunden.“

Ganz klar ist: der Garten, die Natur nimmt die Formensprache der Architektur auf, unaufgeregt, sachlich, klar, licht. Und jetzt, im Winter, kann man das sogar noch ein bisschen deutlicher sehen.

Übrigens: Wenn Sie durch den hinteren Teil des Gartens von Haus Lange flanieren, dann stolpern Sie wohl möglich – weil Rasen betreten ja erlaubt ist – über eine ganz leicht erhöhte kreisrunde Rasenkante – mitten auf dem Grün. Nun, das ist Kunst, ein Graswerk von Richard Long. Macht nix, wenn Sie das nicht auf Anhieb erkennen sollten – ist den Gärtner auch so ergangen. Wie weiland die Fettecke von Beuys weggeputzt wurde, raffte der Rasenmäher eines eifrigen Gärtners die große Kunst dahin – nunja, sie konnte wiederhergestellt werden.

„Jede Jahreszeit ist schön“, sagt Thomas Visser. „Im Frühjahr, wenn die Natur aus allen Nähten platzt, im Sommer, wenn alles grün ist und blüht. Im Winter sieht man dann plötzlich die Dinge wieder ganz anders.“ Vor allem, wenn da so viel Platz für ist.