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Über alle Berge

24.10.2007 | 20:10 Uhr

KUNSTLABOR. Gratwanderungen zwischen Zipfelmützen, Eisbrüsten und Wäschestapeln in Bedburg-Hau.

BEDBURG-HAU. Wenn Sie drüber sind, sind Sie durch. Zwei Etagen, 13 Künstler, und überall: Berge. Voller Kunst, voller Gedanken, voller Überraschungen. Sie werden sich ein bisschen mit sich selbst und Ihren eigenen - gelungenen oder nicht gelungenen Gipfelstürmen - beschäftigt haben - geht nicht anders, schon wegen der Atmosphäre und dem Ort des Geschehens. Vielleicht sind Sie ein bisschen ins Schnaufen gekommen, so verblüffend ist das, was eine hoch motivierte und ambitionierte internationale Künstlertruppe da vor Ihnen aufgetürmt hat. Sie sind verwundert und amüsiert, ein bisschen erschreckt wohl auch - Kunst - und dann noch die, die man sich in aller Regel nicht ins Regal stellen oder an die Wand hängen kann - wirkt bei jedem anders und weckt immer wieder neue, andere, ganz individuelle Gefühle. Genau das ist es, was seit 15 Jahren das Kunstlabor ArToll auszeichnet: es regt an und auf, es bewegt, Menschen, Gedanken. "ArToll ruft die Berge" ist das Thema der aktuellen Ausstellung im Künstlerhaus ArToll. Mitten auf dem Gelände der Rheinischen Kliniken in Bedburg-Hau.

Es rieselt, der Berg lebt

Das hat von Beginn an die Künstler angezogen und die Besucher irritiert und fasziniert: Kunst entsteht, wächst und wird ebenda, wo Patienten versorgt, wo Schutzzäune stehen und Schicksale nicht immer ihren schönen Lauf nehmen. Nun hat Dini Thomsen, Frau der ersten Stunde und Motor des Kunst-Laboratoriums, wieder eine Künstlerschar um sich vereint. Wie immer war es eine finanzielle Gratwanderung, ein Kraftakt, der zum Glück in diesem Jahr einen Förderer fand: die Firma Schoenmackers aus Goch.

ArToll ruft die Berge - ja, klar, da ist auch die Schweiz vertreten. Romy Weber und Ruth Pfalzberger. Sieben schwarze Zipfelmützen stehen auf dem Boden - symbolisieren sieben Alpen-Länder, na, und dann türmen sich kleine, grauweißgraue Berge auf einem Löffel - feiner Marmorsand, an die Wand fotografiert. Und wie das so ist, der Berg lebt, er verändert seine Form, mal rieselt was weg, mal rutscht was aus und dann kommt das Licht und alles verändert sich.

Natürlich gibt es auch einen richtigen Berg, den Mont Blanc. Strahlend blau der Himmel, stark und protzig die felsigen Massive - aber Achtung: Masuyama Hiroyuki aus Japan hat den Foto-Berg am Computer gebaut - wenn man lange guckt, entspannt sich der Geist, trotzdem.

Und dann sind da noch die Berg-Variationen. Dini Thomsen selbst hat Schattenberge geschaffen, die jeder von uns vielleicht, die Welt aber ganz bestimmt mit sich herumträgt. Auf alten Medizintischchen stapelt sich Klinikwäsche - eingegipst und bedrückend. Ein Bildordner lässt ahnen, wie dünn die Luft wohl einmal war, hier im Haus 6, wo die "halbruhigen Frauen" untergebracht waren.

Sisyphos, der Glückspilz

Manfred Vogel lässt die Besucher einfahren, sein Raum wird zum Stollen, an der Decke Wortfetzen und irgendwo der weise Camus: "Man muss sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen denken."

Und während der Spruch noch wirkt, die beweglichen Spanplattenberge von Rob Verwer wieder mäandern, weil irgendjemand den Bewegungsmelder ausgelöst hat, während die Farbe Lila an der "Kletterwand" von Juliane Heise und Michael Vorfeld in den Akkorden der Schrittfolge einer echten Bergbesteigung nachklingt, ja, da tauen die Eisbrüste in den Gipshänden von Marijke Schlebusch langsam weg. Eine kleine Klimakatastrophe, doch die Niederländerin lässt im Eisfach schon die nächste Generation gefrieren. "Ein Busen ist in jeder Form schön, egal ob jung oder alt."

Im Nebenraum sind ganz viele davon - als Haltegriffe an der Kletterwand. Die Brüste ihrer Freundinnen hat Marijke eingegipst, in Form gegossen und an die Wand genagelt. Komisch. Tut man sowas? Aber schön, alle. Und dann sind da noch Arbeiten von Claus van Bebber, Casper ter Heerdt, Thomas Klegin, Vesna Mravunac-Tomsic....

ArToll ruft die Berge, bis zum 18. November täglich, 11 bis 17 Uhr. Rheinische Kliniken, Bedburg-Hau, Zur Mulde 10 (Haus Nr. 6)

HEIKE WALDOR-SCHÄFER

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