Tierisch kalt

Krefeld..  Vier Grad und Dauerregen. Perfektes Wetter für einen Zoobesuch – jedenfalls wenn man dabei ungestört sein will. Zur Mittagszeit ist es im Zoo Krefeld menschenleer, aber: Auch die meisten Tiere haben sich verzogen. Ziemlich einsam drängen sich da drei Pfauen mit geduckten Köpfen auf dem überdachten Geländer des Geheges zusammen – ein bemitleidenswerter Anblick. Wenigstens stehen sie nicht ohne Schirm im Regen...

Den exotischeren Trampeltieren scheint das niederrheinische Winterwetter dagegen eher wenig auszumachen. Triefend nass schauen sie aus treudoofen Kamelaugen über den Zaun. Aber müssen die nicht völlig durchgefroren sein? Schließlich kommen sie ja ursprünglich aus der Wüste. Dass es da aber ständig heiß wäre, sei ein Irrglaube, sagt Petra Schwinn. Die Diplombiologin und Sprecherin des Krefelder Zoos weiß: „Auch in der Wüste kann es im Winter ordentlich kalt werden.“ Bis auf den Gefrierpunkt fallen da die Temperaturen schon mal. „Deshalb haben Kamele ein dickes Winterfell.“

Trotzdem: Nässe und Dauerregen finden eigentlich alle Zoobewohner unangenehm. Besonders Huftiere, die wie Gazelle und Co. aus Afrikas Savannen kommen, mögen die nasse Jahreszeit überhaupt nicht: „Bei ihnen kann langanhaltende Feuchtigkeit zu Infektionen oder Fäulnis an den Hufen führen“, erklärt Petra Schwinn. Im Krefelder Zoo dürfen sie deshalb im Stall überwintern. Auch Bernhard, mit 120 Jahren nicht mehr der Jüngste, und die anderen Riesenschildkröten machen es sich dieser Tage in ihrem Glashaus mit Fußbodenheizung gemütlich. So viel Luxus gibt’s nicht mal in ihrer Heimat, auf den Seychellen..

Palmölplantagen statt Urwald

Und dann übertragen sich ja Erkältungskrankheiten in der nassen Jahreszeit besonders gut. Davon bleiben übrigens auch Tiere nicht verschont. „Wenn ein Elefant erkältet ist und niesen muss, möchte man lieber nicht vor ihm stehen“, sagt Petra Schwinn.

Zwei asiatische Elefanten leben derzeit im Krefelder Zoo. Richtig glücklich ist die Biologin darüber nicht. Der Platz für die Urwaldriesen, die in freier Wildbahn kilometerweit laufen – am liebsten nachts – sei hier für deren artgerechte Haltung zu begrenzt.

Das sei auch der Grund, warum der Zoo seit Mitte der 1980er Jahre seinen Tierbestand von 350 auf 170 Arten reduziert und sich etwa von Löwen und Bären getrennt habe: „Wir wollen den anderen Tieren so mehr Platz bieten“, erklärt Petra Schwinn. Krefeld sei da keine Besonderheit: „Dahin geht der Trend in allen Zoos.“

Wo so viele Tiere aus allen Teilen der Welt an einem Ort zusammenleben, kann man da überhaupt allen – teils exotischen – Ansprüchen gerecht werden? „Das ist schwierig“, räumt Petra Schwinn ein.

Denn die Bedürfnisse an den Lebensraum gehen weit über klimatische Feinfühligkeit hinaus – auch wenn gerade bedrohte Tierarten wie Nashörner und Elefanten, Gorillas oder Tiger heute gar nicht mehr direkt aus der Wildnis kommen, sondern in den Zoos geboren und untereinander ausgetauscht werden. „Vor allem Schimpansen haben eine sehr komplexe, dynamische Sozialstruktur, die durchaus mit dem menschlichen Zusammenleben vergleichbar ist.“

Um für sie optimale Lebensbedingungen im Zoo zu schaffen, müsse man den Menschenaffen viel Platz bieten, damit sie dort in einer großen Gruppe leben und sich in die Sozialstruktur einfügen können. „Wir halten die Tiere, um Empathie zu erzeugen“, erklärt die Biologin. Kernaufgabe von Zoos sei es, Menschen daran zu erinnern, welche Bedeutung die Natur hat. „Nur so haben Tiere auch in der freien Natur eine Überlebenschance.“ Die Brandrodung auf Borneo, neben Sumatra das einzige Fleckchen Erde, auf dem heute noch wilde Orang-Utans leben, sei nur ein Beispiel. Der Dschungel muss dort Palmölplantagen weichen. „Und wir sind daran beteiligt, jeden Tag.“

Raus aus dem tropischen Affenhaus geht’s wieder in den niederrheinischen Nieselregen. Da stehen die Humboldt-Pinguine aufgereiht am Beckenrand. Na gut, bei Temperaturen über null Grad fangen die ja wahrscheinlich nicht mal an zu frieren – oder doch? „Pinguine ordnet man meistens Eis und Schnee zu“, sagt Petra Schwinn.

Manche Pinguine mögen’s heiß

Dabei kommen viele eben nicht wie ihre größeren Artgenossen, die Kaiser- und Königspinguine, aus der Antarktis. Die aus Chile und Peru stammenden Humboldt-Pinguine etwa, fühlen sich bei Temperaturen um 25 Grad am wohlsten. Dank ihrer Fettschicht können sie es aber auch im kalten Krefelder Wasser ganz gut aushalten – so wie im Humboldtstrom, der von der Antarktis parallel zu den Anden nach Norden an die Westküste Südamerikas fließt.

Ein paar Meter weiter dann pinke Farbtupfer statt grau in grau. „Flamingos sind hart im Nehmen“, sagt Petra Schwinn. Wer an Salzseen, auf 3000 Meter in Argentiniens Hochland lebt, dem macht auch der Winter am Niederrhein nicht viel aus. Seit drei Jahren haben die Flamingos in Krefeld trotzdem einen Winterstall. „Sie sind nicht unbedingt die pfiffigsten Tiere. Wenn es draußen richtig kalt wird und sich eine Eisschicht auf dem Wasser bildet, kann es passieren, dass sie dort festfrieren...“

Und dann gibt es noch die, die im Winter erst zu Höchstleistungen auflaufen: In ihrer Heimat, dem Himalaya Gebirge, kommen Schneeleoparden vor allem in klaren Frostnächten in Paarungsstimmung. Aber auch die Temperaturen im winterlichen Krefeld können kein Liebestöter sein: Seit 1966 sind hier im Zoo mehr als 50 Jungtiere zur Welt gekommen....