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Niers-Serie

Teil 9: Hauptsache nasse Füße

10.08.2010 | 18:54 Uhr
Teil 9: Hauptsache nasse Füße
Schloss Wissen bei Weeze von der Niers aus fotografiert. Foto: Kurt Michelis

Weeze.
Zu Besuch bei Raphael von Loe auf der Wasserburg Schloss Wissen bei Weeze. Seit mehr als 600 Jahren wohnt seine Familie schon dort.

Sie hat die Ruhe weg, immer noch. Mit beinahe hochherrschaftlicher Geduld trägt sie Paddler und Kanuten, all das umtriebige Leben rechts und links von ihr – fast ein bisschen behäbig setzt sie ihren Weg fort – und nähert sich ihrer nächsten Aufgabe: Schloss Wissen. Die alte Wasserburg auf Weezer Gebiet steht seit Generationen robust und ehrwürdig auf dem platten Land – und verdankt ihre Existenz: der Niers. Seit mehr als 600 Jahren umspült Nierswasser die mächtigen Holzpfeiler, auf die die ältesten Teile des Schlosses gebaut wurden. Eine sichere und solide Bauweise – die ein Risiko in sich birgt: sinkt der Wasserspiegel, verrotten die hölzernen Fundamente – die Tage von Schloss Wissen wären gezählt.

Sie hat schon eine Menge mitgemacht, die Niers. In den Kriegsjahren hat der Reichsarbeitsdienst ihr rücksichtslos ein neues Bett gegraben und sie tiefer gelegt – heute versucht man, das Flüsschen auch in diesem Bereich um Schloss Wissen wieder „zurückzubauen“, ihr ihren natürlichen Verlauf wieder zurückzuschenken.

Der Pegel ist um zwölf
Zentimeter gesunken

Verlässlich hat die Niers über Jahrhunderte den Grundfesten der alten Wasserburg nasse Füße beschert. Doch seit einiger Zeit sinkt der Wasserspiegel und die Familie von Loe, die schon eine Generation lang auf Schloss Wissen wohnte, als Columbus gerade mal Amerika entdeckte, sorgt sich – mal wieder. Der historische Wasserspiegel, der schon seit langem künstlich mit Pumpen aufrecht erhalten wird, sackt ab. Und das setzt vor allem der alten Schlosskapelle zu – eine neugotische, im Nazarener Stil gebaute Kapelle, die einzigartig ist.

Um zwölf Zentimeter ist der Pegel gesunken, sagt Raphael von Loe, „allein in den letzten zehn Jahren um zwei Zentimeter.“ Mit Statikern, Gutachten, Denkmalschutzbehörde wird versucht, eine Lösung zu finden, Sondierungsgrabungen stehen an – und die Familie von Loe hofft, dass sie bei den Kosten nicht allein gelassen wird. Es ist ohnehin eine große Aufgabe, ein altes Schloss zu bewohnen, zu renovieren, zu erhalten.

„Aber dieser Ort hat es verdient, erhalten zu werden“, sind sich Raphael und Nicola von Loe einig. Vor ein paar Jahren sind sie mit ihren sechs Kindern in die alte Burg gezogen – wohlwissend, dass es mitunter sehr mühsam sein kann – wohnen auf mehreren Etagen, anfangs ohne Zentralheizung, die Küche im Keller, sehr weite Wege über Treppen und Flure...

Die von Loes aber wohnen aus Leidenschaft in der Burg der Vorväter. „Es ist etwas Besonderes, man muss es wollen, man muss das historische Haus mit modernem Leben füllen – dann ist das wunderbar – trotz aller Belastungen.“ Inzwischen kann man in Schloss Wissen übernachten, tagen, feiern - in den alten Sälen, die wiederhergerichtet wurden. Und bei besonderen Anlässen schippert auch ein Bötchen oder gar eine Gondel durch den Schlossgraben.

Wehe, wenn das Schloss trocken fällt

Ein bisschen Glück ist dabei, dass es Schloss Wissen heute noch gibt. Im Krieg wurde es kaum zerstört, ein Lazarett war in der Burg untergebracht. Und wieder schreibt die Niers ein bisschen Geschichte mit – und die alte Freifrau von Loe. „Englische Soldaten waren im Schloss eingezogen“, erzählt Raphael von Loe. „Und im Rahmen der kriegerischen Auseinandersetzungen war auch die Niersbrücke gesprengt worden. Meine Großmutter wusste genau, was das bedeutete: Das Wasser staute sich, kam nicht mehr bis zum Schloss, die Holzfundamente fielen trocken.“

Eine List half. Fest entschlossen, Wissen nicht zu gefährden, suchte die adelige Dame den befehlshabenden Offizier auf und schilderte ihm in den blühendsten Farben jene Krankheiten, die seine Soldaten erleiden würden, wenn Moskitos und allerlei anderes stechendes Getier aus stehendem Nierswasser heraus angreifen würden. Es dauerte nur wenige Tage, und die Niers wurde wieder freigeschaufelt, die Pumpen in Gang gesetzt, das Wasser floss wieder durch den Schlossgraben und umspülte die hölzernen Fundamente.

Verschwiegen dümpelt die Niers um das Schloss herum und nimmt Kurs auf ein weiteres historisches Bauwerk: Ein paar hundert Meter weiter fließt sie an der Schlossruine Haus Hertfeld vorbei, die einzige bewohnbare Burgruine der Bundesrepublik, inzwischen renoviert und wieder das Zuhause der gräflichen Familie zu Eulenburg und Hertfeld. In beiden Häusern kann man inzwischen hochherrschaftlich übernachten - natürlich mit Blick auf die Niers. Mehr Informationen dazu unter www.culture-castles@hertefeld.de und culture-castles@schloss-wissen.de

Heike Waldor-Schäfer

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