Teil 6: Der Stolz des Dorfes
01.07.2011 | 15:01 Uhr 2011-07-01T15:01:00+0200
Rheinberg.Dass es die Ossenberger Schlosskapelle noch gibt, ist Katholiken, Protestanten und sogar Atheisten zu verdanken
Wolfgang Sommer schmunzelt. Natürlich hatte er von der Nachricht aus der Zeitung gehört. „In Ossenberg sollen bald die Hochzeitsglocken läuten. Top-Model Claudia Schiffer will in der Schlosskapelle mit Tim Jeffries den Bund fürs Leben schließen.“ Eigentlich: Unglaublich! Dennoch: Einige Leser glaubten fest daran.
Wolfgang Sommer nicht. Mit Blick auf den Kalender war dem Vorsitzenden der Katholischen Arbeitnehmer Bewegung Ossenberg klar: „Das ist ein Scherz.“ So war es denn auch, an jenem 1. April des Jahres 2002. Andererseits gehörten damals Sensationsmeldungen über die Ossenberger Schlosskapelle zum Alltag. Kaum ein Monat verging, in dem die kleine Kirche nicht für große Schlagzeilen sorgte. Zu Recht.
Das jüngste Kapitel der urlangen Geschichte der Ossenberger Schlosskapelle war eines, das wohl nur einmal in einem Leben geschrieben wird. Anfang der 1990er Jahre bot das Haus des Herrn ein Bild des Bedauerns. Längst verlassen, stark verwahrlost, fast vergessen. Nur eine Handvoll älterer Männer hatte den Glanz und die Glorie des Gotteshauses noch vor Augen. Hier wurden sie getauft, hier hatten sie geheiratet, hier wurden ihre Eltern zu Grabe getragen.
„Der endgültige Verfall wäre ein unvorstellbarer Verlust für Ossenberg gewesen“, sagt Marlene Arnold, die stellvertretende Vorsitzende des Presbyteriums der Evangelischen Kirchengemeinde Wallach- Ossenberg-Borth. Auferstanden aus einer Ruine - Geld sei Dank!
Seit mehr als 800 Jahren gehört die Ossenberger Schlosskapelle zum Dorf wie, nun ja, das Amen in diese hochherrschaftliche Kirche. Ihr Namensgeber steht auf der anderen Straßenseite: Schloss Ossenberg. Ein Rittersitz aus dem
zwölften Jahrhundert, früher lebten hier die Berghe von Trips, heute die von Urachs. Mindestens 700 000 DMark waren nötig, um das Bauwerk wieder zu dem zu machen, was es einmal war: ein backsteinernes Schmuckkästchen. Die Stiftung Denkmal gab viel Geld, die Stiftung NRW auch, ie Stadt Rheinberg ebenso, Firmen und Privatleute spendeten – dennoch blieb ein Restbetrag von 400 000 D-Mark, der für die Wiederherstellung notwendig war. Den wollten die Dorfbewohner selbst erwirtschaften. Und wie!
Eine Gruppe von Männern um Klaus Helmes gründete den Verein zur Erhaltung der Ossenberger Schlosskapelle. „Anfangs wurden wir ein wenig belächelt“, so der erste Vorsitzende. Gar nicht lächerlich, sondern einfach nur wunderbar war: Katholiken, Protestanten und sogar Leute, die nicht in die Kirche gingen, machten mit. Es ging nicht bloß um eine Kapelle, hier ging es um das Herz der Heimat. Die freiwilligen Helfer legten eigens und ehrenamtlich Hand an: das Fundament wurde entwässert, der Boden verlegt, die Wände getrocknet, das Dach erneuert – um jetzt nur mal vier Beispiele der umfangreichen Bauarbeiten zu nennen. Allein beim Altar und bei der Orgel kauften sich die Ossenberger Hilfe von auswärts ein.
Ziemlich genau zwei Jahre später, viel früher als anfangs gedacht, war die Ossenberger Schlosskapelle schließlich wieder aufgebaut. Im Mai 2001 wurde ein Gottesdienst gefeiert. Natürlich eine ökumenische Messe, denn die Kapelle war und ist eine Besonderheit am Niederrhein: ein Simultaneum, also eine Kirche, die ganz offiziell von Katholiken wie von Protestanten genutzt werden darf. So hatte es am 24. März 1748 der König von Preußen, Friedrich II., verfügt. Die Anweisung gilt bis heute.
Übrigens: Geheiratet wird in der Ossenberger Schlosskapelle tatsächlich wieder. Allein in diesem Sommer sind 15 Hochzeiten angemeldet.
Infos: Die Besichtigung der Ossenberger Schlosskapelle an der Schlossstraße ist nach vorheriger Telefonabsprache möglich, zum Beispiel mit Klaus Helmes unter Ruf: 02843 / 69 31. Die Führung ist kostenlos, um eine Spende für den Unterhalt der Kapelle wird gebeten.
0mitdiskutieren