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Taschen mit Familienanschluss

14.02.2012 | 19:10 Uhr
Taschen mit Familienanschluss
Eindrücke aus dem Showroom mit verschiedenen Creationen aus Leder. Foto: Volker Herold

Neukirchen-Vluyn.   Die Firma „aunts & uncles“ designt Produkte mit Geschichte: wie Miss Jelly Bean. Oder Liam The Gentle.

Angelika Scheurer blickt zweifelnd in die Runde. Ihre Lieblingstasche? „Dann werden die anderen doch sauer, wenn ich jetzt eine auswähle“, fürchtet die Taschen-Designerin. Und ihr Mann Sven setzt noch einen drauf: „Sie wissen, wie das ist in einer Familie: Wenn man ein Kind bevorzugt, sind die anderen traurig.“ Nun ist über das Seelenleben von Ledertaschen nicht allzu viel bekannt. Aber die Taschen, die Angelika Scheurer entwirft, sind, nun ja, Familienmitglieder. Und so versammeln sich unter dem Label „aunts & uncles“ schrullige Tanten, geizige da zum verarmten Adel gehörige Onkel, große und kleine Brüder, verschrobene Opas und Omas, Sportler, Macher und Couchpotatoes: der eigensinnige „Nick“, der großspurige „Joe“, der kleine Jeff und sein großer Bruder Matthew, Claudine, Miss Jelly Bean, Mr. Seasick, Liam the Gentle, und, und, und. Alle mit eigener Geschichte. Eine ganz normale Familie also.

Foto: Volker Herold

Zu einer ganz normalen Familie gehört eine Familiengeschichte. Eine, die man immer wieder erzählt. Bei den „aunts & uncles“ ist es die Geschichte von dem Inder mit dem verschwundenen Koffer. Mit einem Stück Leder, den Entwürfen zu ihrer ersten Kollektion, und „einer Mischung aus Skepsis und Hoffnung“ hatten die Scheurers den Produzenten nach Indien geschickt. Allerdings gingen der Koffer samt Leder und Entwürfen auf dem Flug verloren. Aus der Erinnerung und einem ähnlichen Leder fertigte der findige Mann die Taschen - perfekt.

700 Stück wurden bei den Scheurers - in Ermangelung von Geschäftsräumen - vor die Garage geliefert. „Mitte Oktober“, erinnert sich Sven Scheurer, „und wir haben gebetet, dass es nicht schüttet.“ In der Auffahrt prüfte und kommissionierte das Ehepaar - er war damals Handelsvertreter, sie hatte nach der Familienzeit an der Hochschule Niederrhein Produktdesign studiert - die Taschen und brachte sie zur Post. Die „aunts & uncles“ waren geboren.

Oma Else alsWerbemodel

Seit 2004 gibt es die Firma mit dem Kuschelimage. Der Name, findet Sven Scheurer, sei positiv belegt und außerdem Programm: Familie stehe für Vertrautes, für alte Werte. „Wir wenden und ganz bewusst nicht an die Kids, Teens und Twens sondern an die, die schon Tanten und Onkel sein könnten und die schon die eine oder andere Macke haben.“ Ebenso wie die Taschen. Die sind aus robustem Leder und haben „Persönlichkeit durch gewisse Ecken und Kanten, Fältchen und Dellen“, meint der 46-Jährige Scheurer.

Der Familienvorstand der „aunts & uncles“: Frank Dombrowski, Sven Scheurer und Designerin Angelika Scheurer. Foto: Volker Herold

Etwa die Omas aus „Grandma’s Luxury Club“. Mrs Tea Cake, Miss Cookie und ihre Freundinnen sind aus pflanzlich gegerbtem, sonnengetrocknetem Naturleder, haben matte Vintage-Beschläge, manch tüdeliges Anhängsel und sehen, wie das im Alter eben so ist, schon ein wenig „used“ aus. Ebenso wie das Werbe-Model der Tanten und Onkel: Oma Else, die Großmutter eines Bekannten. Adrett seien die Oma-Taschen, charmant, ein wenig „spleenig“, findet die Designerin aber eben „alt vertraut“: Man finde sich „wieder inmitten Großmutters Küche, es duftet nach frischem Apfelkuchen und lauscht spannenden Geschichten aus alten Tagen.“

Auch die „Good Old Friends“ , die jetzt in die Läden kommen, sind schon gesetztere Herren, zuverlässig und mit dem Charme alter Schulranzen und Wanderrucksäcke. Man wolle, so erklärt Scheurer die Firmenphilosophie, „sich nicht zum Fashion Victim machen sondern eine Tasche fürs Leben machen.“ Beständigkeit und Wertigkeit seien wichtig in der heutigen schnelllebigen Zeit, finden die Scheurers. Auch bei Taschen.

Die Firma ist im vergangenen Jahr von Issum nach Neukirchen-Vluyn gezogen. Foto: Volker Herold

Massenware im Shopping-Center? Werde man von den Tanten und Onkels nicht finden. Auch keinen Massenvertrieb. 550 ausgesuchte Partner in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Belgien, den Niederlanden und im Internet verkaufen die Taschen, Accessoires und Gürtel aus Neukirchen-Vluyn, demnächst stellt Scheurer die sechs Kollektionen seiner Frau auf einer kleinen New Yorker Messe vor. Aber Massenversandhändlern haben die Scheurers schon mehrere Abfuhren erteilt. Man wolle „langsam wachsen“, die „Nische für hoch- und wertgeschätzte und liebevolle Produkte besetzen.“ Wer eine „Aunts & Uncles“-Tasche trage, gehöre zur Familie.

Hier kocht der Chef

Fast familiär scheint auch das Betriebsklima. Für die 14 Mitarbeiter der Firma, die im vergangenen Jahr von Issum nach Neukirchen-Vluyn gezogen ist, gibt es Frühstück, einmal in der Woche kocht der Chef für alle. Expandieren? Gerne - aber der Raum dafür ist gerade durch den Garten für die Mitarbeiter belegt, den mit den alten Obstbäumen, sagt Mit-Geschäftsführer Frank Dombrowksi und weist aus dem Fenster. Die Produktion in Indien werde kontrolliert und sei „mehr als fair.“ Mit ordentlichen Arbeitsbedingungen, natürlich ohne Kinderarbeit, so die Scheurers. Für sie hat sich die Firma am Ausbau einer Schule beteiligt. Einmal im Jahr fahre man gemeinsam mit den Lieferanten in den Urlaub. Viele sind seit Jahren dabei, auch der Mann mit dem verlorenen Koffer. Vielleicht könne man billiger produzieren. Wolle man aber nicht. „Wenn wir qualitativ wachsen wollen, müssen wir auch Qualität bei den Lieferanten zulassen,“ sagt Sven Scheurer. „Leben und leben lassen. So geht man mit Freunden, mit Familie um“.

Apropos Familie: Angelika Scheurer verrät doch noch hre Lieblingstasche: Mrs Muffin - weil sie die erste „Grandma“ war. Aber: Pssst!

HINTERGRUND

Die 41-jährige Österreicherin Angelika Scheurer studierte Produktdesign an der Hochschule Niederrhein. Mit ihrer Abschlussarbeit „Konzeption und Entwurf einer Produktserie aus dem Taschenbereich“ legte sie den Grundstein für die Marke „aunts&uncles“. Sven Scheurer stieg mit 24 Jahren in die Fußstapfen seines Vaters Eckehard Scheurer, eines selbstständigen Handelsvertreters für Taschen. Die „aunts & uncles“ produzieren Taschen, Börsen, Accessoires und Gürtel. Die Taschen kosten zwischen 99 und 299 Euro. Mehr Informationen unter www.auntsanduncles.de.

Anja Hasenjürgen

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