Stipendium gibt’s nur auf Kredit

Den Haag..  Studieren wird für Niederländer erheblich teurer: Ab August 2015 gibt es kein kostenloses Stipendium für Studenten mehr. Wer an eine Universität will, muss dann sein Studium – und auch die Studiengebühren – selbst finanzieren. Das entschied die amtierende sozialliberale Koalition unter Ministerpräsident Mark Rutte nach einer hitzigen Debatte. Begründet wird die stärkere Belastung der Studierenden unter anderem damit, dass Akademiker später ein deutlich höheres Einkommen erzielen und damit stark vom Hochschulwesen profitieren.

Studieren kein Geschäftsmodell

Dem widersprach die PvdA-Senatorin Esther-Mirjam Sent: Studieren dürfe kein Geschäftsmodell werden. Studenten sollten ihre Talente entwickeln, nicht nur für sich selbst, auch für die gesamte Gesellschaft. Die Absicht sei nicht, dass sie später höhere Gehälter fordern würden und die Einkommensungleichheit zunehme. Ähnlich beurteilen es zahlreiche Studentenorganisationen und ihre Mitglieder, die bis zuletzt gegen die Reform Sturm gelaufen waren. Ohne Erfolg. Sie befürchten, dass die Jung-Akademiker, die nicht von den Eltern unterstützt werden, künftig mit Schulden von bis zu 50000 Euro ins Berufsleben starten müssen.

Tom Hoven, Vorsitzender des Niederländischen Studentenverbands, sprach nach der Entscheidung von einem „schwarzen Tag“ für das Hochschulwesen. Studenten würden nun massenhaft nach Belgien und Deutschland flüchten, wo das Studieren vergleichsweise günstig sei. Dadurch würden die Niederlande viele Talente verlieren.

Viele Hochschulen und Universitäten in der Provinz Gelderland sind da allerdings anderer Meinung. Die Reform bringe vor allem Vorteile mit sich. Die neue Regelung könne einen positiven Effekt auf die Studierenden haben, so Kees Boele, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Fachhochschule Arnheim-Nimwegen (HAN). So hätten die Hochschulen die Zusage bekommen, dass das eingesparte Geld – bis zu einer Milliarde Euro – direkt den Unis zugute kommen solle. Außerdem würden die Studierenden angehalten, sich gleich das richtige Studienfach auszusuchen, weil sie bei einem Studienfachwechsel noch mehr Geld aufbringen müssten. An der HAN wolle man alles dafür tun, dass die Studenten möglichst „durchstudieren“ könnten.

Bisher bestand die niederländische Studienfinanzierung aus einem Basisstipendium „Prestatiebeurs“, das jeder Studierende vom Staat bekam. Es betrug 102,77 Euro für Studierende, die bei ihren Eltern wohnten und 286,15 Euro für diejenigen, die nicht mehr bei den Eltern wohnten. Darüber hinaus gab es ein vom Einkommen der Eltern abhängiges Aufstockungsstipendium „Aanvullende Beurs“ von bis zu 245,30 bzw. 266,71 Euro. Zusätzlich ein Ticket, mit dem die Studierenden die niederländischen Bahnen nutzen konnten.

Zugfahrkarte bleibt erhalten

Das Basisstipendium wurde für Studierende nun abgeschafft; für Auszubildende gilt es weiterhin. An seine Stelle tritt nun ein Darlehen, dessen Rückzahlung über einen Zeitraum von bis zu 35 Jahre gestreckt werden kann (bisher 15 Jahre) und die mit dem erstmaligen Verdienst des Mindestlohns beginnt. Auch sind zeitlich befristete Rückzahlungspausen von insgesamt bis zu fünf Jahren möglich.

Studierende, deren Eltern weniger als 46000 Euro im Jahr verdienen, sollen auch weiterhin ein Aufstockungsstipendium von bis zu 365 Euro monatlich bekommen, das bei erfolgreichem Studienabschluss binnen zehn Jahren nicht zurückgezahlt werden muss. Mit dieser Umsetzung als Leistungsstipendium wollte die Regierung bereits im alten System die Zahl der Studienabbrecher senken. Ebenso bleibt auch die Zugfahrkarte erhalten – dies war zunächst nicht vorgesehen.